Archiv für Dezember 2008

Endabrechnung

Montag, 29. Dezember 2008

Nur wer der Gedanken Hände frei hat, sitzt am Jahresende grübelnd zwischen dem bereits zu zwei Dritteln entblößten Tannenbaum und elektrischem Kamin, um die Erinnerungen ans vergangene Jahr nach Art des Aschenputtels in mit “Gut” und Schlecht” beschriftete Hirnregionen einzusortieren. 

Doch lohnt es denn überhaupt, sich Gedanken ums Verstrichene zu machen, wo doch des Menschen  Verstand nach Sicht der Dinge überhaupt nicht in der Lage scheint, aus Vergangenem zu lernen? 

Wie oft lag ich nach dem Genuss eines überaus scharf gewürzten asiatischen Gerichtes mit einer Gallenkolik im Flur meiner mir Obdach gebenden winzigen Immobilie, aller exotischen Speisen auf ewig und immer abschwörend, aber schon wieder den Telefonhörer in der Hand, um beim Chinesen um die Ecke erneut Nr.45 (Hühnerfleisch nach Sichuan Art mit acht Kostbarkeiten, extra scharf!) zu ordern! 

Alle Schläge unseres eigen verschuldeten Schicksals scheinen doch niemals hart genug, um uns eines Besseren zu belehren. Auch wenn mein Hausarzt der Meinung ist, dass laut Fachwissen doch weit eher zu fette Speisen der Galle Folterknecht seien, so bleibe ich dennoch dabei: erst wenn die der Schärfe meiner Speisen geschuldete Gallenkolik die mutmaßlich Letzte sein wird, werde ich Lehren daraus ziehen und mich von da an nur noch von sanftmütigen Lebensmittel ernähren wollen. Was, wenn man krepierend im zugigen Hausflur liegt, als Vorsatz nicht gerade einer gewissen Komik entbehrt. 

Dass die Meinungen unserer Weißkittel hingegen nicht kontinuierlich wie die Kugeln des Martin-Luther-King-Attentäters James Earl Ray ins Schwarze treffen, zeigt uns aber der Umstand, dass Kunstfehler keineswegs nur auf die Ausstellungsräume unsere Museen beschränkt sind. Und ein Kunstfehler ist es gewiss auch, dass Bild eines ermordeten farbigen Menschrechtlers zu nutzen, um den zu schreibenden Text mit fragwürdigen Redseligkeiten zu pfeffern, wo mir doch schon mehr als nur einmal mein aller Pietät entsagender Schreibstil auf die zum Autoren gehörenden Füße fiel. “Humor ist wenn man trotz dem lacht” gilt zwar für allgemein als anerkannte Aussage, wird aber dessen ungeachtet vom gemeinen Lesefußvolk recht selten akzeptiert. Mag sein, dass bei meinem Subjekt ein Zusammenhang zwischen dem Verlangen nach handfest gewürzten Speisen und gleichartig zubereiteten Texten gegeben ist. Doch wäre es mir in keiner Beziehung angenehm zu wissen, dass gleichfalls auch meine Leser in den Fluren ihrer Behausungen von Koliken zu Boden gerungen werden, nur weil ich meine Texte zuweilen überwürze! Obgleich gebe ich freiweg zu: umbringen würde es mich indes aller Wahrscheinlichkeit aber auch nicht. 

Der Schmerz, den scharf bereitete Speisen verursachen, soll ja angeblich zur Ausschüttung von Glückshormonen führen, doch vermag ich dieses leider nicht betätigen können, da die Fotos, die meine Gattin im Hausflur immer während meines kolikbedingten Veitstanzes von mir machte, ein Gesicht zeigen, dass mehr denn von Bitternis, als denn von Wohlsein gezeichnet ist. Es erinnert mehr an die Mienen, die die Broker mit Bedacht auf die herben Verluste ihrer Papiere im dahin siechenden Kalenderjahr in die Kameras von NTV hielten, als an das Gesicht der Dame, die in der Joghurt-Reklame einer hier nicht genannten Firma immer ungemein glückselig am langen Löffel lutscht. 

Das schmerzhafte Textstellen hingegen sehr wohl zu Hormonausschüttungen führen können, kann ich dagegen uneingeschränkt bestätigen, da erst kürzlich ein Brief meines Energieversorgers in meinem zur Wohnstatt gehörenden Briefkasten eintrudelte, der zwar nur mit recht wenigen Zeilen bestückt war, welche aber trotzdem wie Tiefschläge im Bauche meiner an sich doch körperlosen finanziellen Zukunftsplanungen einschlugen. Was weit weniger an der lyrischen Durchschlagskraft der Worte lag, da computergenerierte Schreiben eben nur so poetisch sein können, wie der Programmierer es nun einmal selten ist, als denn vielmehr an den Zahlen, die man mir unlogisch begründet mittels dieses Briefes an meinen Endverbraucherkopf warf. Das Energieversorger nicht dafür zuständig sind, beim Konsumenten für die Ausschüttung von Dopamin und Serotonin zu sorgen, lässt sich zwar allein schon aus den Klauseln des von mir in Blauer Stunde unterschriebenen Vertrages herauslesen. Allerdings wähne ich mich beim Gedanken, dass darinnen auch nicht vom Gegenteiligen die Sprache war, also der Unterversorgung mit soeben benannten Hormonen. Preissteigerungen machen wohlweislich doch nur glücklich, wenn es die Richtigen, also nie einen selber trifft. Überhaupt macht es skeptisch, da doch Energie laut Energieerhaltungsgesetzes angeblich nie verloren geht, was übertragen insoweit gedeutet werden kann, dass das, was nicht verloren geht, auch nicht knapper werden kann. Doch jedwede Preissteigerung wird mit knapper werdenden Ressourcen begründet: Öl – Gas – Zeit. Von allem haben wir immer weniger, was diese mal mehr und mal weniger greifbaren Dinge nun so ungemein kostbar machen soll. Was, bei Fortführung dieses Gedankenganges, zur Erkenntnis führt, dass Öl, wie Gas und Zeit einmal so knapp und damit so wertvoll sein werden, dass man sie sich überhaupt nicht mehr leisten kann, was wiederum dazu führt, dass die Ressourcen nie ausgehen werden, da nicht mehr verkäuflich, was wiederum zu Preisverfall führen müsste. 

Doch in solch wirren Gedankengängen soll sich am Jahresende verlaufen wer mag und dazu genug intellektuelle Puste sein eignen nennt. Ich lasse indes das vergangene Jahr im Daumenkino meines Kopfes nochmals im Schnelldurchgang passieren, um es auf etwaige Schwachstellen abzuklopfen. Leider ist dieses Unterfangen aber von Anfang an zum Scheitern verurteilt, da alle Geschehnisse vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis und von da bei mir ins Leere gingen, was an sich aber äußerst pragmatisch, weil ja, wie schon der alte Nietzsche wusste, man nur gut bleibt, wenn man vergisst. Und wer als gut gilt unter den Menschen, dem nimmt man doch gewiss auch seine Vergesslichkeit nicht krumm. 

So sind  Dezember, November und Oktober in mir nur noch Schatten ihrer selbst, September, August und Juli, nur Namen ohne Schall und Rauch, Juni, Mai, April, wie Zigarettenhülsen ohne Tabak, März, Februar und Januar, vom Zersetzungsprozess der Zeit in mir längst kompostiert. Das dahingeschiedene Jahr: ein unsichtbarer Komposthaufen, der das Neue zwar hoffentlich zu düngen vermag, Rückschlüsse auf Vergangene aber nicht zulässt. Ein Persilschein für die stets die Vergangenheit überholende Gegenwart, was meine Schritte groß und fordernd ins zeitliche Neuland führt, ohne den Bremsklotz meiner Verfehlungen am Bein zu haben. Neues Spiel – neues Glück. Alles auf Schwarz und nach mir die Sintflut. Verbrannte Erde hinterlassend durch das Leben ziehen. Nicht als Vorsatz, mehr ideell, der Versuchung einen Türspalt offen lassend, man könne ja schließlich auch anders. Weil im Treibsand der Zeit vielleicht das Grobe nicht so schnell versinkt. Doch nur wer der Gedanken Hände frei hat, sitzt am Jahresende grübelnd… Ihr wisst Bescheid. Und alles Gute.

Das schwächste Glied in der Gefrierkette

Samstag, 27. Dezember 2008

Frauen frieren schneller als Männer. Dies ist mir bekannt, aber nicht nur, weil ich es lesend einer Zeitschrift entnahm, sondern auch, weil ich seit Jahr und Tag Tisch und Bett mit einer Frau teile. Und zwar zumeist mit der eigenen. Warum Frauen in der Hitliste der wandelnden Frostbeulen allerdings weit vor ihren andersgeschlechtlichen Artgenossen landeten, ist mir als Wissen zu meinem Bedauern wahrscheinlich flugs durch die Hirnlappen gegangen. Man muss es aber auch nicht unbedingt erkennen, schließlich gefriert auch Wasser schon bei 0 Grad Celsius, während Quecksilber erst bei Minus 38,9 Grad Celsius vereist, doch hatte ich dieser physikalischen Umstände wegen noch nie schlaflose Nächte. Nun möchte ich aber aus diesen stofflichen Gegebenheiten keineswegs schlussfolgern, dass das zu gleichen Umweltbedingungen unterschiedlich einsetzende Zittern der Geschlechter eventuell über drei Ecken mit der ungleichen Wertigkeit dieser beiden Substanzen zutun hätte. Denn der Liter Wasser, also ein Kilogramm, kostet in manchen Regionen weit unter einem Cent, während das Kilo Quecksilber erst für Pi mal Daumen ungefähr 7 Euro zu haben ist. Eine solche Betrachtungsweise würde ja eine kaum zu rechtfertigende Verlautbarung einer eventuellen Höherwertigkeit des Mannes gegenüber dem Weibe erlauben. Dabei ist in meinem Dunstkreis die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann so selbstverständlich wie zu Rouladen Klöße, zu Sonntags frei und dem Nichtwählen von FDP und ähnlich veranlagten Widersachern aller Barmherzigkeit. Frieren also als minderes Qualitätsurteil anzusetzen ist daher pfui und zeugt von mangelndem Verständnis wie auch einem nicht vorhandenem Einfühlungsvermögen gegenüber allem Femininen.

Weitaus interessanter als die Gründe für das stete Bibbern meiner Gattin im Zeitraum zwischen Oktober und April scheinen mir doch mehr die Ergebnisse, die dieses wahrscheinlich evolutionär bedingte Frösteln mit sich bringt. So war mir das Märchen “Die Prinzessin auf der Erbse” vor allem dadurch in Erinnerung geblieben, weil diese verzogenen Göre auf zwanzig Eiderdaunendecken zu nächtigen pflegte, wobei dagegen schon gemäßigte Außentemperaturen meine Angetraute  dazu bringen, UNTER 20 Daunendecken zu schlafen! Eine Variante des Märchens Hans Christian Anders, dass selbst bei aller wohlmeinenden Kritik mit dem Prädikat “Anders!” versehen werden muss.  Erwähnungswert auch der Aspekt, dass ich dazu auserkoren bin, diesen Berg Abend für Abend mittels meiner mir zur Verfügung stehenden Körperschwüle anzuwärmen, was, soweit meine Erinnerung nicht trügt, niemals Klausel eines von mir natürlich nie unterschriebenen Ehevertrages war. Selbstverständlich ist das Ehegelübde mit einem steten Geben und Nehmen verbunden, was die verschiedensten Dienste an Leib und Seele selbstverständlich mit einschließt, aber als menschliches Heizkissen zu dienen ist nun einmal nicht unbedingt das, was man als Glück auf Erden bezeichnen kann. Wie schnell, so dünkt mir, landet man dann nämlich auf dem Schrottplatz aller ausgedienten Elektronik, nur weil man laut Ansicht der frierenden Lebensabschnittspartnerin angeblich einen “Kurzen” habe! Beileibe besonders boshaft am Erwärmen fremder Federn scheint mir aber nicht nur dieses Erwärmen an sich, sondern das Wieder-verlassen-müssen des aufgeheizten Bettes, wo man doch Schippe um Schippe der eigenen Energie ins verzehrende Feuer der Beziehung warf, nun aber in den Winter der eigenen Bettwäsche zurückkriechen darf. Allerdings komme ich nicht umhin darauf zu verweisen, dass ich erst letztlich davon hörte, dass Schweinebesamungsexperten, wenn sie ihrer aufregenden Arbeit nachgehen, immer einen Ampulle mit Eberduft dabei haben, weil die Sau, sobald sie des Ebers Pheromone riecht, in eine „Duldungsstarre“ verfällt und sich so besteigen lässt.  So ein Prozedere ist in meiner Beziehung gottlob aber nicht vonnöten. Wenn mich nämlich die Lust zwischen Oktober und April am Wickel packt, so nehme ich meiner Gattin ganz einfach die zwanzig Daunendecken weg, öffne das Fenster und warte.

Süßer die Sirenen nie klingen

Montag, 22. Dezember 2008

Weihnachten ist ein emotionaler Bombenteppich.

Selbst ich, der doch schon in jungen Jahren gegen allen christlichen Tohuwabohu von meinem atheistischen Elternhause aus mit großen Dosen Antikörpern geimpft worden war, werde jedes Jahr zum zivilen Opfer. Dabei, wenn ich als Heranwachsender um die Weihnachtszeit den Erfurter Dom betrat, dann doch nur, um die Baukunst der Dahingegangenen zu bestaunen, denn diese war, wenn man selbst in einem heruntergekommenen Altbau a la DDR aufwuchs, selbstverständlich auch für marxistisch-leninistisch gemästete Thälmann-Pioniere ein wahrer Augenöffner. Und die von der allmächtigen Partei in den ihrer Meinung nach nicht einmal existenten Himmel gelobten Mietskasernen fürs Proletariat, die schienen dagegen doch nur architektonischer Müll. So grau und betonhaltig wie die Hirne, die diese baulichen Machwerke erdachten. Vom Dom abgesehen war ansonsten aber alles was Christi angebliche Geburt betraf für mich so interessant wie Algebra und Integralrechnung. Und Mathematik war damals für meine Person, was man heutzutage als mittelschwere Narkotika nur auf Rezept bekommt. Allein der zugegeben sehr abstruse Gedanke, man hätte statt Jesus Christ Erich Honecker ans Kreuz genagelt,  hätte zu jener Zeit vielleicht verstanden, in mir so etwas wie eine religiöse Neugier zu wecken. Wir kamen allerdings im Osten auch sehr gut ohne Gott zurecht, da wir statt dessen für alle Unzulänglichkeiten die Mitglieder des Zentralkomitees verantwortlich machten. Und diese waren ja im Durchschnitt auch fast alle genauso alt wie der imaginäre Schöpfer. 

Trotz unseres Unglauben waren wir dem ungeachtet was Weihnachten anbelangte nicht gegen wuchtige Festlichkeit gefeit. Gebratene Gänse und Klöße allein den Getauften zu überlassen: soweit ging die sozialistische Brüderlichkeit bei weitem nicht; auch Atheisten sind schließlich dem guten Fraße gegenüber verdammt anfällig. (Hedonismus und Klassenkampf müssen nämlich nicht unbedingt immer einander ausschließen, denn es spricht doch nicht das Geringste dagegen, des im Klassenkampf Unterlegenem die Speisekammer auszuräumen, um sich an dessen Kaviar und Lachs zu laben. In Büchners Flugschrift „Frieden den Hütten – Krieg den Palästen!“ war jedenfalls nie davon die Rede, die Speisekammern vorm Brandschatzen nicht zu leeren!) Und beschenkte Kinder sind zu allen Zeiten, ganz gleich ob unter heiliger Dreifaltigkeit oder klassenkämpferischen Dogmen aufgewachsen, obgleich ihres zufriedenen Grinsens Honig auf den Wunden, die die Erziehung des Nachwuchses auf der der zur Aufzucht Verpflichteten Charaktere hinterlässt. 

Und so blicke auch ich jedes Jahr um die Weihnachtszeit voller Sehnsucht in die Jahre meiner Kindheit zurück, eine Zeit, in der die Sorgen um die eigene Existenz nur eine Mär aus dem Westfernsehen war. Eine Zeit, in der die Kerzen am noch Baum echt und künstliche Aromen im Christstollen nur eine ferne Utopie waren. Eine Zeit, in der allein ein Ball und eine Schaukel genügten, um einem Kind die 24 Stunden eines ganzen Tages randvoll zu packen. Eine Zeit, in der die Kinder Spielzeug nur in homöopathischen Quantitäten erhielten, dafür aber auch keine Psychopharmaka. Eine Zeit, in der das kindliche Glück im Einfachen steckte und nicht im CPU einer Spielkonsole. Eine Zeit, in der die Eier noch nicht aus Schokolade und nichts weiter enthielten, als Eigelb und Eiweiß. Und der bekannteste Vogel war für uns nicht Donald Duck, sondern die kleine weiße Friedenstaube. 

Weihnachten ist emotionaler Bombenteppich. Und nur wer einen dicken Panzer aus Eis ums Herz trägt, der verlasse über die nächsten Tage den Luftschutzkeller. 

 

Allen Leserinnen und Lesern ein friedvolles Fest!