Süßer die Sirenen nie klingen

Weihnachten ist ein emotionaler Bombenteppich.

Selbst ich, der doch schon in jungen Jahren gegen allen christlichen Tohuwabohu von meinem atheistischen Elternhause aus mit großen Dosen Antikörpern geimpft worden war, werde jedes Jahr zum zivilen Opfer. Dabei, wenn ich als Heranwachsender um die Weihnachtszeit den Erfurter Dom betrat, dann doch nur, um die Baukunst der Dahingegangenen zu bestaunen, denn diese war, wenn man selbst in einem heruntergekommenen Altbau a la DDR aufwuchs, selbstverständlich auch für marxistisch-leninistisch gemästete Thälmann-Pioniere ein wahrer Augenöffner. Und die von der allmächtigen Partei in den ihrer Meinung nach nicht einmal existenten Himmel gelobten Mietskasernen fürs Proletariat, die schienen dagegen doch nur architektonischer Müll. So grau und betonhaltig wie die Hirne, die diese baulichen Machwerke erdachten. Vom Dom abgesehen war ansonsten aber alles was Christi angebliche Geburt betraf für mich so interessant wie Algebra und Integralrechnung. Und Mathematik war damals für meine Person, was man heutzutage als mittelschwere Narkotika nur auf Rezept bekommt. Allein der zugegeben sehr abstruse Gedanke, man hätte statt Jesus Christ Erich Honecker ans Kreuz genagelt,  hätte zu jener Zeit vielleicht verstanden, in mir so etwas wie eine religiöse Neugier zu wecken. Wir kamen allerdings im Osten auch sehr gut ohne Gott zurecht, da wir statt dessen für alle Unzulänglichkeiten die Mitglieder des Zentralkomitees verantwortlich machten. Und diese waren ja im Durchschnitt auch fast alle genauso alt wie der imaginäre Schöpfer. 

Trotz unseres Unglauben waren wir dem ungeachtet was Weihnachten anbelangte nicht gegen wuchtige Festlichkeit gefeit. Gebratene Gänse und Klöße allein den Getauften zu überlassen: soweit ging die sozialistische Brüderlichkeit bei weitem nicht; auch Atheisten sind schließlich dem guten Fraße gegenüber verdammt anfällig. (Hedonismus und Klassenkampf müssen nämlich nicht unbedingt immer einander ausschließen, denn es spricht doch nicht das Geringste dagegen, des im Klassenkampf Unterlegenem die Speisekammer auszuräumen, um sich an dessen Kaviar und Lachs zu laben. In Büchners Flugschrift „Frieden den Hütten – Krieg den Palästen!“ war jedenfalls nie davon die Rede, die Speisekammern vorm Brandschatzen nicht zu leeren!) Und beschenkte Kinder sind zu allen Zeiten, ganz gleich ob unter heiliger Dreifaltigkeit oder klassenkämpferischen Dogmen aufgewachsen, obgleich ihres zufriedenen Grinsens Honig auf den Wunden, die die Erziehung des Nachwuchses auf der der zur Aufzucht Verpflichteten Charaktere hinterlässt. 

Und so blicke auch ich jedes Jahr um die Weihnachtszeit voller Sehnsucht in die Jahre meiner Kindheit zurück, eine Zeit, in der die Sorgen um die eigene Existenz nur eine Mär aus dem Westfernsehen war. Eine Zeit, in der die Kerzen am noch Baum echt und künstliche Aromen im Christstollen nur eine ferne Utopie waren. Eine Zeit, in der allein ein Ball und eine Schaukel genügten, um einem Kind die 24 Stunden eines ganzen Tages randvoll zu packen. Eine Zeit, in der die Kinder Spielzeug nur in homöopathischen Quantitäten erhielten, dafür aber auch keine Psychopharmaka. Eine Zeit, in der das kindliche Glück im Einfachen steckte und nicht im CPU einer Spielkonsole. Eine Zeit, in der die Eier noch nicht aus Schokolade und nichts weiter enthielten, als Eigelb und Eiweiß. Und der bekannteste Vogel war für uns nicht Donald Duck, sondern die kleine weiße Friedenstaube. 

Weihnachten ist emotionaler Bombenteppich. Und nur wer einen dicken Panzer aus Eis ums Herz trägt, der verlasse über die nächsten Tage den Luftschutzkeller. 

 

Allen Leserinnen und Lesern ein friedvolles Fest!

13 Antworten zu “Süßer die Sirenen nie klingen”

  1. Hans sagt:

    Früher war eben alles besser. Sogar die Zukunft war damals besser. Mit jeder neuen kleinen Errungenschaft stieg die Erwartungshaltung. Materiell gesehen. Können wir zurück? Nein. Unser vierdimensionaler Raum lässt uns nur auf drei Achsen ein wenig herumwackeln. Auf der vierten Achse schwimmen wir mit der Strömung ohne Paddel. Es bleibt nichts übrig als das Hier und jetzt zu verbessern. Aber wer wagt den Anfang?

    Argh, schon wieder zuviel sinniert. Jetzt brauche ich erst mal ein Aspirin.

    Kolumnistenschwein, auch Dir und Deinen Lieben ein friedvolles Fest.

    Und natürlich auch an alle Mitleser und -innen.

    MfG
    Hans

  2. rolandschwarzer sagt:

    Herzliche Grüße aus dem Luftschutzkeller. ;)

  3. Frankie sagt:

    Ein frohes und gesundes Fest wünsche ich. Und schließe mich auch Hans an. Und, lieber Jesus, falls du das hier liest, Vorsicht, du kannst nicht mehr übers Wasser gehen, du hast jetzt Löcher in den Füßen. Schöne Grüße Vonne Küste hinnern Deich!

  4. Marc sagt:

    Denk immer an Loriot:

    “Früher war mehr Lametta!”

    http://www.youtube.com/watch?v=It2pD3Ms7hk

    Alles Gute und Denk auch an Dein Versprechen…

  5. Flyer sagt:

    Auch ich kann dem ganzen Weihnachtsgedöns nicht abgewinnen.
    Trotzdem auch dir (und allen Lesern hier) wunderschöne Feiertage und eine erholsame stille Zeit!
    Für mich ist eigentlich da ganze Jahr über Weihnachten, wenn ich die Texte hier lesen darf: darüber freue ich mich mehr als jedweges Geschenk, welches nur aus ‘Muss’ kommt…

  6. muclomo sagt:

    Ja, “Weihnachten ist emotionaler Bombenteppich” – mir reicht aber ein Glas Rotwein und gute Musik in Dauerrotation um den Bombenhagel abzuwehren. Manchmal habe ich sogar den Eindruck dass es gar nicht so viel abzuwehren ist – ignorieren reicht schon !

  7. spill sagt:

    JAWIE HIER WÜNSCHEN EINEM DIE LEUTE NUR SCHÖNE FRIEDVOLLE GESEGNETE ZEITFENSTER FÜR 3 TAGE ODDER WAS ???
    NIX FÜR DIE RESTLICHEN 362 TAGE ODDER WAS ?
    NIX MIT OSTERN/NAMENSTAGEN ODDER WAS ???
    VERDAMMTES HEUCHELPACK.
    (mein Autohändler wünschte mir das neulich auch, inspektionsmäßig. Das bedeutet im Umkehrschluß doch…fatalste Diagnosen für mein Auto ey…nur noch 2 Tage nun…….;-(

  8. Lay sagt:

    Ihnen auch eine ruhige stressfreie Zeit. Ich würde mich muclomos Tip anschließen. Das einzigste Mittel um dem Wahnsinn zu entkommen. Oder sich ein Beispiel an mir nehmen und sich abgrundtief verlieben. :-)

  9. Kolumnistenschwein sagt:

    Danke für den Tipp! Mal sehen, was meine Gattin davon hält …

  10. muclomo sagt:

    Solange es die Gattin selbst ist in die man sich (wieder) verliebt kann sie nicht so viel dagegen haben …

  11. Kolumnistenschwein sagt:

    Ich ahnte, dass die Sache einen Haken hat …

  12. Maik sagt:

    Jetzt wo der Bombenteppich gelegt wurde, kann ich ja mit meiner Frage herausrücken: “Was macht Ihr eigentlich mit dem Lametta vom diesjährigen Baum? Für die dritte Welt spenden oder bügeln und fachgerecht für den nächsten Baum (der unweigerlich kommt) einmotten?”

  13. Kolumnistenschwein sagt:

    Wir machen es wie jedes Jahr: zusammenknüllen und die güldenen Kugeln als Ferrero Rocher bei Ebay verticken.