Archiv für Dezember 2008

Ungeschriebener Brief an den Weihnachtsmann

Freitag, 19. Dezember 2008

Man wird, was die Hektik ums Weihnachtsfest betrifft, Jahr um Jahr resistenter. Dies ist ein subjektiver Eindruck, gesammelt und zementiert im Substrat von über 44 Lebensjahren. Wirtschaftskrise hin und her – die Gründe, sich ins Getümmel der weihnachtlich überladenen Geschäfte zu stürzen, haben sich weitgehend verflüchtigt. Verwandte und Bekannte zu beschenken mag in Zeiten des Mangels durchaus ein Ah! Und Oh! aus der Beschenkten Münder locken. Doch heutzutage, wo selbst die sogenannte Unterschicht Mumm-Sekt saufend medialen Scheißdreck auf 127er Plasma-TV-Geräten konsumiert, wo Laptop, Handy und Spielkonsole wie Schmerbauch und Raucherlunge selbst zur Grundausstattung am Tropf staatlicher Unterstützung hängender Familie gehören, ist das Schenken doch verkommen zu einer überflüssigen Angelegenheit, die man sich getrost schenken darf. Man hat ja schließlich schon alles. Zumeist sogar doppelt. Schließlich, nur wer hungert, freut sich über die Darreichung eines dampfenden Kessel voll gekonnt Gegartem. Der Übersatte hingegen, der kotzt dem Schenker auf die Schuhe. So betrachtet ist die Zeit, die man vorm Herde verbrachte, mit dem Stempel “Vertan!” zu versehen, und abzulegen in der Kiste, die man als alter Mensch nur vom Dachboden der Erinnerung holt, um sich über den Zustand der Welt zu erregen. 

Man wird, was die Hektik ums Weihnachtsfest betrifft, Jahr um Jahr resistenter. Das Bummeln in der eisigen Luft vor grell strahlenden Schaufenstern ist nicht mehr erregend. Das Gefühl, sich den Gegenstand hinter der Scheibe zwar leisten zu können, ihn aber nicht zu kaufen, weil man weiß, dass man ihn ja gar nicht braucht, ist komischerweise angenehmer, als zu wissen, man kann sich den Gegenstand, den man ja eigentlich gar nicht braucht, nicht kaufen, weil das Geld dazu fehlt. Wie kann allein aber etwas wertvoller werden, nur weil man es sich nicht leisten kann, was aber, sobald man es erworben hat, dermaßen schnell  im Wert verliert, so dass es schon nach nur wenigen Tagen in irgendeinem Winkel der Wohnung unbeachtet Staub fängt. Schöne Sachen sind so anfällig, was ihre Sterblichkeit in den Süchten der Verbraucher betrifft. Was gestern noch begehrt und heute schon gekauft ist morgen schon der Müll, welcher den gesetzlichen Erbfolgern Schweiß auf die Stirne treibt. Kein Mensch verlässt diese Welt schließlich besenrein. Ganz im Gegenteil: er stapelt bis zum letzten Hauch die Dinge, die er aus nicht mehr nachvollziehen Gründen hortete, die er über die Jahre hinweg konsumierte, deren Haltbarkeit aber die seine über vieles übersteigen. Sehr selten verrottet PVC vor seinem Besitzer.

Man wird, was die Hektik ums Weihnachtsfest betrifft, Jahr um Jahr resistenter. Warum auch den Binnenmarkt stärken, wo mir doch niemand sagen kann, was ein starker Binnenmarkt für Vorteile hat, außer, dass die Nachfrage nach den Dingen, die nicht existentiell, wieder steigt, was zwar für Arbeitsplätze sorgt, aber auch für die bereits erwähnten übervollen Keller und Speicher. Gemietete Müllhalden. Wäre es nicht denkbar, dass wir einfach weniger konsumieren, aber dadurch auch weniger arbeiten, und einfach nur so auf dem Sofa herum liegen, um unsere Lebenszeit mit klassischer Musik und dösen zu vertun. Warum auch das ganze Jahr über aufstehen und schuften, nur um im Dezember zu schenken, was das Leben des Beschenkten nimmer lebenswerter, sondern nur erfüllter macht. Wobei erwähnt sei, dass auch Unrat füllt, nur eben auf einer Stufe, die das Leben gewissermaßen herunterstuft. Wären wir nur auf dieser Welt um zu kaufen, so wären wir doch sicherlich nicht nackt, sondern mit Einkaufschip in der Hand geboren worden. Sind wir aber nicht. 

Man wird, was die Hektik ums Weihnachtsfest betrifft, Jahr um Jahr resistenter. Und irgendwie auch nachdenklicher.

Bauer sucht Frau?

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Man bat mich zu lesen. Warum auch nicht. Die mich bittende Dame hatte Hochschulreife, machte rundum einen gebildeten Eindruck, und auch der Bürgermeister des Dorfes, dessen Weihnachtsfeier ich literarisch versüßen sollte, schien vom Charakter her picobello. Und wer eine Bitte in der Adventszeit abschlägt, der ist ein knarziger alter Hund. Doch ich bin kein knarziger alter Hund, sondern habe ein Herz, groß und weit wie die Plastiktragetaschen von ALDI. Doch als ich einen Blick in den Gemeindesaal warf, hätte ich dieses, mein Herz gern gespendet. Egal wem. Denn die Dame, welche mich lud zu lesen, hatte in der Hektik zwischen Plätzchenbacken und Glühweinerhitzen vergessen, das Detail zu erwähnen, dass es sich bei der Weihnachtsfeier explizit um eine Seniorenweihnachtsfeier handelte. Ein Altersdurchschnitt, der einen Wald von 100 Meter hohen Mammutbäumen geradezu kindlich erscheinen ließ. Die Überalterung der Gesellschaft hatte ihren Stoßtrupp versammelt. 

Im Saal war die Stimmung bereits am kochen. Also Totenstille, vermischt mit dem Klirren von Kaffeetassen und dem Klappern von Gebissen. Ein paar dorfeigene Kinder spulten dünn die üblichen Weihnachtslieder ab, den Text holprig interpretierend, als gelte es während des Gesanges eine Schlittenfahrt über Berg und Tal zu absolvieren. Es folgte ein gleichfalls schlanker Applaus, wahrscheinlich standen die meisten der Hörgeräte sowieso schon seit Jahren auf Standby. 

Ich wurde in den Saal gerufen. Es wurde noch totenstiller. Die Blicke, die aschfahl auf mich geworfen wurden, erinnerten mich an die Kühe, die die Bauern und Bäuerinnen a.D. einstmals wohl gemolken hatten, oder sich gar an ihnen vielleicht in einsamen kühlen LPG-Morgenstunden vergingen. Mein Outfit war allerdings auch nicht unbedingt lametta- und weihnachsternkompatibel: ein 53 Zentimeter langer Zopf, dazu ein seit über Wochen außer Kontrolle geratener Kinnbart, gepiercte Ohren, Kampfstiefel, und von diesen bis zum Haarstrang schwarz gewandet: ein Christkind, scheinbar dem Bilde eines Hieronymus Bosch entsprungen. In Blaumann und mit Mistgabel in der Hand hätte ich so Gott will eine Chance gehabt. In meinem Aufzug dagegen war ich zu Steinigung durch Vorurteile im Unsinn der Anklage wahrscheinlich schon für schuldig befunden. Ich stellte mich vor. Ihre stumpfen Augen wurden schmaler, was ich nur insoweit interpretieren konnte, dass sie entweder ihre Pupillen angesichts ihres Alters versuchten schärfer zu stellen, oder ihre Abneigung gegenüber dem Fremden, der ich nun einmal war, in Unmissverständlichkeit gemeißelter Physiognomie zu manifestieren. Ich begann zu lesen. Mir war klar, sie hörten nicht zu. Ihre Welt waren Kühe, Bier und CDU, ein Gemisch, dass nach Stacheldraht und Selbstschussanlagen schrie. Ihr Dorf ein Ort, dessen Marktplatz noch von der letzten Hexenverbrennung zu glühen schien. Tapfer las ich Wort um Wort vom Blatt, mir bewusst, dass selbst wenn ich Thomas Mann persönlich gewesen wäre, hier kein Blumentopf zu gewinnen war. Selbst Charlotte Roches Feuchtgebiete wären in dieser Atmosphäre in weniger als nur einem Kuhaugenwimpernschlag ausgetrocknet. Es ist eine unangenehme Erfahrung, wenn ein Text, der bei durchweg moderatem Lesetempo innerhalb von 10 Minuten weggelesen ist, sich über einen Zeitraum hinzieht, von welchem man glaubt, dass man in ihm problemlos Kinder aufziehen und sie altern und sterben sehen könnte. Selbstkritisch las ich zwischen meinen Zeilen, dass DIESER Text wohl nicht auf DIESE Klientel zugeschnitten war. Ehrlich gesagt ging ich sogar so weit, mir einzugestehen, dass hier nicht einer meiner Texte bestehen würde. Natürlich sind meine Texte keine Hochliteratur, selbst als Literatur im engeren Sinnen muss man sie nicht sehen. Aber hören, und wenn auch nur aus Höflichkeit, hören konnte man sie allemal, denn ich weiß, es ziehen Autoren um diese Welt, die haben weit schlimmere Wortungetüme im Gepäck. Allerdings auch oft einen mächtigen Mäzen als Reisepartner. Was auf Literaturreisen an den Türen von Verlagen und Medien als ausnehmend nützliches Brecheisen gilt. 

Trotzig las ich meinen Text bis zum letzten Wort, man kann ja schließlich, so sagte ich mir, nicht immer gewinnen, und ich bin nun einmal der Axel Schulz des geschriebenen Wortes. Drei, vier Senioren applaudierten müde, die anderen erwachten, ich lächelte – nun auch schrecklich müde geworden – und klopfte meine losen Zettel auf Stoß. Der Bürgermeister klopfte gleichfalls, und zwar auf meine Schulter. Ich ging. Im Vorraum roch es nach Klo und Stall. 

Bauer sucht Frau? Gut möglich. 

Bauer sucht Schöngeist? Fehlanzeige!

Traum vom Fliegen

Dienstag, 16. Dezember 2008

Ich mag die Vorweihnachtszeit: die Fenster der Nachbarschaft erbrechen leise grelles Schwibbögenlicht, wodurch die Gefahr auf unbeleuchteten Gassen zu stürzen im Unwesentlichen versinkt, und in den meisten aller Läden gibt es einen Geschenkverpackungsservice, welchen ich gestern besonders ausgiebig nutzte, um eine Büchse Katzenfutter und einen 5-Kilo-Sack Kartoffeln festlich ummanteln zu lassen. Das Auge isst bekanntlich mit. Wobei unser Hauskater wohl beschlossen hatte, mich für diese Aussage Lügen zu strafen, denn die mit rotem Stanniolpapier umwickelte Katzenfutterdose in der Geschmacksrichtung Truthahn interessierte ihn nicht die Bohne. Er zeigte ihr nur die kalte schwarz behaarte Schulter, säuberte weiter auf meiner Küchenarbeitsplatte seinen Anus mit der ihm angeborenen rauen Zunge, ein Anblick, der zugegebener Maßen nicht dazu beitrug, mein Herz wie die Nachbarfenster in Vorfreude auf heimelige Festtage stimmungsvoll erstrahlen zu lassen. Was aber im Großen und Ganzen nichts an obiger Feststellung bezüglich meiner kalendarischen Vorlieben ändert. 

Was ich allerdings nicht mag, ist, dass die sich die Dame vom Gebäckstand und die Frau vom Jacobs-Stand in der Adventszeit so schlecht absprechen, so dass ich entweder nur kostenlos Christstollen versuchen, oder aber nur Jacobs-Kaffee kostenfrei probieren darf, aber niemals beides zusammen. Dabei ist doch erst beides – Stollen UND Kaffee im Verbund – die Standing Ovations meiner Geschmacksknospen wert. Doch nicht nur, dass die Werbeaktionen von Jakobs und Backstand in geballtem Doppelpack kulinarisch weitaus mehr Sinn machen würden, auch die Damen und Herren vom Malteser Rettungsdienst könnten Dank tief in Kaffee gedipptem Stollen so manch weitere Tagesstunde süß verschlummern. Denn Christstollen pur ist ein arger Würger, da er auf Grund seiner Konsistenz sehr oft im Halse stecken bleibt, wie weiland die 6. Armee vor Stalingrad. Erklärlich, weil ein Hefeteig, bei welchem auf 10 Kilo Mehl 3 Kilo Butter und 6 Kilo Trockenfrüchte kommen, nicht nur als Weihnachtsgebäck eine stramme Figur macht, sondern gleichfalls wohl auch in der Raumfahrt als Dichtmasse zu Ruhm und Ehre käme. Schwer vorstellbar jedenfalls, dass die Challenger jemals in 15 Kilometer Höhe explodiert wäre, wenn man sie vorher in der zähen Masse eines Original Dresdner Christstollenteiges gewälzt hätte. Was technologisch keinerlei unlösbare Aufgaben darstellen sollte, denn einer Spezies, der es gelang, ihre schwitzigen Füße auf den treuen Trabanten des eigenen Planeten zu setzten, die sollte auch keine Schwierigkeiten damit haben, einen mit Rosinen und Zitronat gespickten Teig auf 50 mal 50 Meter auszuwalzen. 

So war ich heute morgen also näher am Tode als am Leben, weil ich der Einladung der Backwarenfachverkäuferin folgend zugriff, ohne darauf zu achten, dass die Dame von Jacobs heute wohl in einer ganz anderen Stadt ihre koffeinhaltigen Produkte promotete. Und wenn einem erst mal die hefeteigverklebten Rosinen im Schlunde feststecken, so ist es mit dem Anstand, denn man im Elternhause frühzeitig eingeprügelt bekam, alsbald Essig, was dazu führte, dass ich nach den kräftigen Schlägen eines zufällig am Backstand weilenden Hufschmiedes in meinen Rücken Hefeteigkrümel samt Zitronat und Rosinen über drei Meter weit spuckte. Innerhalb dieser drei Meter befand sich leider der Backstand nebst einer Handvoll auf Gebackenes erpichter Kunden, die nun aussahen wie das Backwerk, welches hinter der Glasscheibe des Verkaufstresen als Streuselkuchen ausgezeichnet war. 

Ein Moment in meinem Leben, in welchem ich mir erstmals wünschte, ich hätte anno 1986 mit in der Challenger gesessen.