Kreuzritter on Tour
Samstag, 31. Januar 2009Ich weiß, die Medien, ganz gleich ob gedruckt oder über Funkwellen oder auch DSL verbreitet, sind auf Teufel komm raus dazu verdonnert, tagtäglich Superlative zu bringen. Die größten Brüste, der dickste Mensch, der aller bekannten Physik am derbsten ins Gesicht höhnendste Unfall: nur wenn es unsere Vorstellungskraft sprengt, oder wenigstens bis an die Schmerzgrenze dehnt, ist es dazu auserkoren, lauthals Zeitungsblätter und Bildschirme zu füllen. Auflagen und Einschaltquoten waren eben noch die besten Ratgeber, wenn es darum ging, das Essentielle vom Plunder zu unterscheiden. Aber ich gebe zu, auch ich nehme, wenn ich am Zeitschriftenstand vorbei gehe, Deutschlands auflagenstärkste, aller Objektivität in die Hacken tretende, täglich erscheinende Druckschrift in die Hände, um zu schauen, welches Busenwunder man wohl heute zwischen Demagogie und zielgerichteter Dummschwätzerei gequetscht hatte. Zu meiner Entschuldigung lässt sich nur sagen, dass ich mich im “besten” Mannesalter befinde, also in einer Phase meines Daseins, in welcher man noch zu jung ist, um sich dem Abbilde eines nackten Frauenkörper ganz ohne jegliche Gemütsbewegung zu entziehen, aber schon alt genug, um den Rest des Blattes wohlweißlich zu ignorieren. Ignorieren ist nicht 100prozentig korrekt, denn die schwarzen dicken Lettern dringen sehr schnell ins ungeschützte Auge, doch dem, der seinen Spam-Schutz im Gehirn vorsorglich aktiviert hat, der sollte das Wort “ignorieren” zweifelsohne in diesem Zusammenhang gebrauchen dürfen. Man liest halt locker darüber hinweg, was die Finken mal wieder so schmierten, denkt sich nicht mal seinen Teil dazu, was auch nicht weiter anklagenswert, denn die vom Verlag – welcher übrigens eine Schachfigur als Namen führt – haben ja schließlich erst damit angefangen! (Nein, der “Stürmer” ist keine Schachfigur!)
Ich lebe mit allen journalistischen Übertreibungen, mache mir kein Illusionen darüber, was den Wahrheitsgehalt der Informationen betrifft, ich weiß ja schließlich nun um die Tatsache, dass die Säfte des Lebens, also explizit Blut und Sperma, mehr Leser und Zuschauer vor Glotze und Kiosk holen, als es ein von Wortkunst goldgeprägter Veriss eines bissigen Feuilletonisten über die erstmalige Woyzeck-Inszenierung am Birnbacher Laientheater jemals vermag. Worüber eigentlich nur die Birnbacher froh sein sollten.
So nahm ich auch die von mir aufgelesene Meldung von ellenlangen Menschenschlange vor den mit alten Gewinnlisten beklebten Glastüren der Lotto-Annahmestellen im Hinblick auf den 35-Millionen-Jackpot nicht gleich für bare Münze, da ich es für ausgesprochenen Nonsens halte, dass allein nur der zugegeben recht hohen Summe wegen angebliche Nichtspieler zu Glücksspielern mutieren, als ob eine Gewinnsumme, die im Normalfall eventuell bei nur 2 Millionen Euro liegt, nicht gleichsam finanzielle Stärkung verspräche. Wer den Pfennig nicht ehrt, ist den Taler nicht wert, was, auf spekulative Lottogewinne bezogen, bedeutet, dass der, der einstellige Millionenbeträge links liegen lässt, auch bei zweistelligen nicht hektisch mit der hochgehaltenen Hand winken und beständig “Ich! – Ich!” rufen sollte.
Auch die beständig wie einen Rosenkranz gebetete Behauptung, es mache wenig Sinn, die Kreuze auf dem Lottoschein in allzu auffälliger Folge zu machen, oder gar sein Geburtsdatum darin einzubringen, da dieses von prozentual zu vielen Lottospielern getätigt werde, den möglichen Gewinn also durch teilen müssen schmälert, ist all die Gebete nicht wert. Selbstverständlich kann es sein, dass, wenn man die Zahlen 1-2-3-4-5-6 auf seinem Lottoschein mit einem X markierte, dies einem gleich noch 999 andere Spieler machten. Doch ich wage hier einfach mal zu behaupten, dass im Falle eines Sechser 35000 Euro von 35 Millionen immer noch weit mehr sind, als gar kein Gewinn, nur weil man auf die Deppen in Kolumne und oder TV-Magazin hörte. Seine Kreuze nach Gutdünken zu machen ist durchaus vernünftig. Und wer anderes behauptet, den nenn ich einen Schulabbrecher oder Journalisten. Und wer seine Vorstellungskraft von ganz alleine sprengen will, der suche nun den Unterschied.
