Von der Knochensäge des Seins

Das Leben ist voller bizarrer Begebenheiten, welche, sobald man ihrer zwei in einen Satz packt, unbekümmert dafür sorgen, dass man alsbald bei Hinz und Kunz nur noch als Zyniker verschrien ist. So leistet der folgende Satz dieser Vermutung sicherlich enormen Vorschub: Ich las neulich in einer Tageszeitung, dass man einem brasilianischen Model anlässlich ihrer Durchblutungsprobleme beide Beine amputieren musste, und nur eine oder auch nur zwei Ausgaben später, dass ausgerechnet schon im nächstfolgenden Frühjahr extrem kurze Miniröcke modischer Standard sein werden, was diesem Model allerdings wohl kaum beruflich wieder auf die Beine helfen dürfte, da es für sie bei ihrer Tätigkeit zum Broterwerb auf den Laufstegen dieser Welt maximal nur noch fürs Mützen oder Bartbinden vorführen reicht.  

Nun, wo der Leser im Nachhall des vergangenen Satzgefüges möglicherweise still und bedächtig seinen Kopf schüttelt, komme ich nicht umhin, des weiteren noch anzufügen, dass ich vor Jahren ein Mädchen kannte, welches schier stundenlang auf Händen laufen konnte. Doch lasse ich dieses nicht etwa verlautbaren, um den brühwarmen Vorwurf des Zynismus mit eigen angerührtem Beton zu bewehren, sondern nur um anzudeuten, dass wir Erdenbewohner nun einmal den unterschiedlichsten Drangsalen unterworfen sind, die für sich allein genommen nimmer das Zeug dazu hätten, uns aus der emotionalen Reserve zu locken, im lockeren Verbund aber dafür sorgen, dass wir zu Teer und Federn greifen, um dem verbalen Verknoter von härtesten Einzelschicksalen und scheinbar diametralen Alltäglichkeiten auf altertümliche Weise heimzuleuchten. 

Und im Grunde meines schrundigen Herzens weiß ich ja, dass die Zyniker an sich nur blitzblank geputzte Spiegel unserer Realität sind, welche – im Gegensatz zu den allseits des Lebens Schwärze rosarot tünchenden Rosstäuschern – alle Bilder vollkommen ungeschönt und glasklar bis ins allerletzte Detail zurückwerfen. Und dieses nicht einmal seitenverkehrt. Leider hat sich dieses Wissen nicht gleich den Lebensmittelallergien und der Altersarmut in wirklich allen Gegenden Deutschlands verteilt, was natürlich Spuren im Denkgelage der im Überlegen zumeist ungeübten Menschen hinterlässt. So zum Beispiel jene, die sie hinführt zu dem Glauben, zynisch zu sein wäre gleich zusetzten mit boshaft, dabei ist doch weit mehr Boshaftigkeit im selbstsüchtigen Verschweigen der Wahrheit, als in deren offenherzigen präsentieren. Wie oft wird Kindern weisgemacht, Oma sei jetzt im Himmel, dabei liegt sie doch einen halben Meter unter der Erde! Hier werden geistigen Spätschäden Tür und Tor geöffnet, und zwar nicht nur einen Spalt breit, sondern sperrangelweit! Schließlich kommen Kinder schneller als man denkt in ein Alter, in welchem sie kritisch hinterfragen, warum sommersüber nur Regen, und im Winter nur Schnee aus den Wolken fällt, aber kein Wetterbericht jemals angekündigt hat, dass im Gebiet zwischen Osterode und Göttingen mit ergiebigem Großelternfall zu rechnen ist. Derart gelackmeierte Kinder verbiestern im Charakter und werden später strenggescheitelte Politesse oder gehen 30 Jahre zur Armee; Schicksale, wie man sie nicht einmal die milchpralle Brust verweigernden Müttern zu wünschen gedenkt! 

Darum plädiere ich dafür, den Schleier der Ungereimtheiten von der Wahrheit zu ziehen, auch wenn’s da und dort zwickt und schmerzt. Denn nur ungeschönt ist des Lebens Antlitz voller Echtheit, wer’s schminkt, tut tätigen, was unter Umständen strafrelevant ist! Und die Wahrheit ist nun einmal, dass man Models Beine absägt, wenn gerade ultrakurze Röcke “in” sind, und wer mich deshalb zynisch nennt, dem entgegne ich nur: “Bäh!”

4 Antworten zu “Von der Knochensäge des Seins”

  1. Hans sagt:

    Veröffentlicht in Frischfleisch; wenn das mal nicht zynisch ist. :)

    Ich kann gar nicht soviel formulieren, wie mir beim Lesen des Artikels durch den Kopf ging. Aber wenn Zyniker die Spiegel der Realität sind, dann stellt sich unweigerlich die Frage: Wer will schon dauernd in den Spiegel gucken? Jemand, der ein dickes Muttermal auf der Nase hat, fühlt sich sicher auch nicht wohler wenn er von einem Spiegel oder Zyniker ständig darauf aufmerksam gemacht wird. So geht es mit vielen anderen Dingen im Leben auch.

    Aber wo wir gerade bei Metaphern sind, gerade fiel mir der Begriff wieder ein: Erdbär.
    Nein, das war jetzt nicht zynisch. Das war geschmacklos. ;)

    MfG
    Hans

  2. rolandschwarzer sagt:

    Irgendwo habe ich mal gelesen, daß depressive Menschen sich durch ein ausgesprochen realistisches Selbstbild auszeichnen und so betrachtet dem Zyniker recht nahe stehen. Allerdings sind die meisten Depressiven auch furchtbare Nervensägen, weshalb der Zyniker allemal der angenehmere Zeitgenosse ist.

  3. Kolumnistenschwein sagt:

    @Hans
    Natürlich sollte man dem Muttermalträger nicht selbiges ständig aufs Brot schmieren. Man sollte aber auch nicht so tun, als gäbe es diesen Brotaufstrich gar nicht.

    @Roland
    Das mit den Nervensägen stimmt. Ich geh mir sogar selbst auf den S***…

  4. Siegfried sagt:

    Durchblutungsstörungen bei Model? Da fällt mir das hier dazu ein: http://www.ampuria.de/wordpress/?p=5986

    Assiziationen können schon was Merkwürdiges sein :)