Archiv für Januar 2009

Fehlzündungen im Bereich des Prosencephalon

Sonntag, 25. Januar 2009

Man muss nicht immer gleich zur Fernbedienung greifen, nur wenn einem mal der Sinn nach unterhaltsamen Unregelmäßigkeiten der menschlichen Logik steht. Auch die reale Welt strotz vor filmreifen Anomalien gedanklicher Art. Blicken wir nur einmal auf die “Abwrackprämie”, also die recht stattliche staatliche Zahlung für ein Begräbnis 1.Klasse des in die Jahre gekommenen Familienvehikels. Wer seinen geistigen Wigwam recht fern der Gefilde des Denkens aufgeschlagen hat, der mag sich vielleicht sagen, dass dies ja eine tolle Sache sei, so mal eben nebenbei 2500 Euro einzustreichen, denn 2500 Euro sind für den Großteil der bundesdeutschen Bevölkerung beileibe kein Pappenstiel. Deutschland mag zwar bis weit über seine Grenzen hinaus als ein überaus reiches Land bekannt sein, doch im Inneren ist dessen Vermögen in nur recht wenigen Familien verklumpt. Die breite Masse hingegen ist –  aufs Finanzielle bezogen – äußerst schlank und rank. Da gelten 2500 Euro nicht als Tropfen auf den heißen Stein, als denn viel mehr als eine wahre Springflut auf der von globalwirtschaftlichen Zwängen und politischem Handeln ausgetrockneten Arbeitnehmerscholle.

Doch leider ist der finanzielle Platzregen ein hinterfotziger, denn sobald man sich erst mal Gedanken darüber gemacht hat, kommt man zu der ganz erstaunlichen Erkenntnis, dass die Wolke, aus der dieser Regen fällt, nach ihrem Abregnen aus der vom nassgemacht Gewordenen chronologisch begrenzter Euro-Nässe wieder auferstehen muss. Was nun, wie Eingangs des Textes unschicklich angemahnt, gar nicht so Unlogisch ist. Schließlich werden alle Steuergeschenke, die Vater Staat unter seinen Kindern und Kindeskindern in Zeiten beständig unruhiger werdender Zöglinge mit beiden Wahlkampfhänden verteilt, von diesen, streng der fiskalischen Logik folgend, selbst finanziert. Der Staat schiebt seinen Bürgen eben nichts in den Hintern, ohne vorher vorsorglich reichlich künstliche Darmausgänge anzulegen.

Nun will ich potentiellen Abwrackprämienabgreifern keineswegs ins Lenkrad ihres Handelns greifen, ganz im Gegenteil: Ich möchte darauf hinweisen, dass selbst das Erkennen der ideellen Schwächen, dieser den wirtschaftlichen Abschwung aufschwingen machend sollenden Prämie, uns nicht davon abhalten darf, diese Zaster uns über den Weg eines Autokaufes einzuverleiben. Denn die von mir leichtsinnig angeprangerte Unlogik besteht ja eigentlich nur darin, dass die Leute, die sich gar kein Auto kaufen können oder wollen, diesen marktpolitischen Zinnober mitbezahlen müssen. Was im Detail bedeutet, dass, wenn mein Nachbar die Abwrackprämie einsackt, ich aber nicht, mir schon ein Teil des Autos zustehen sollte. Was mit sich bringt, dass mein Nachbar mich dann und wann Sonntags – mit seinem auch von mir finanzierten Wägelchen – samt Kind und Kegel um der Gerechtigkeit Willen ins Grüne fährt. Woran er aber sicherlich nicht denken wird, was aber auch nicht weiter schlimm. Ein gutes Nachbarschaftsverhältnis zeichnet sich nämlich nicht durch das spontane Bilden von Fahrgemeinschaftlichkeiten aus, sondern vor allem durch das morgendliche Fehlen von vom Nachbarn nächtlich angebrachter Sprengladungen an Mülltonne oder Briefkasten. Regina Zindler lässt herzlichst grüßen.

So gebe ich allen potentiellen Autokäufern mit auf den Handelsweg, dass auch trotz Fehlen des Selbigen beim Kauf Vernunft herrschen sollte. So wäre es ein finanzieller Knieschuss, einen Oldtimer der Klasse A (Baujahr bis 1904), der Klasse B (Baujahr bis 1918) oder auch Klasse C (bis Baujahr 1930) zum Verschrotten frei zu geben, da diese in Liebhaberkreisen zumeist mehr abwerfen, als die begehrten 2500 Euro. Demgegenüber wäre es sicherlich die Neuanschaffung einer Digicam  wert, um das Gesicht des Neuwagenverkäufers für die Ewigkeit digital zu bannen, um die Grimassen, welche er ziehen wird, wenn man ihm einen verdammt gut erhaltenen Ford T aus dem Baujahr 1910 auf den Autohof stellt,  per Youtube um die Welt eilen zu lassen. 

Besser als Fernsehen.

Im Schwarzlicht betrachtet

Donnerstag, 22. Januar 2009

Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich bis in den wirklich allerletzten Zentimeter Nervenstrang besonders wohlig erregt war, als ich vernahm, dass erstmals ein Farbiger mächtigster Mann der Welt werden würde. Dieses  unaufgewühlte Gebaren in Anbetracht der “historischen” Vorgänge liegt sicherlich zu großen Teilen darin begründet, dass ich nicht zu jenem Typus Gesinnung gehöre, der erkalteten Schokoladenpudding im Restaurant mit hektisch abwehrender Handbewegung zurück in die Küche gehen lässt, nur weil dieser eine dunkle Haut hat. Rassismus war noch nie ein Teil meiner sehr reichlich geerbten Charakterschwächen, und so macht meiner Meinung nach nicht die Pigmentierung der Haut die Menschen unter Umständen zu Menschen mit ekligem Charakter, sondern der eklige Charakter macht Menschen zu Rassisten. Ich selbst habe einige Jahre mit sehr, sehr dunkelhäutigen Kollegen zusammengearbeitet, doch nie hatte ich das Gefühl, dass der eine, mir gegenüber immer sehr unangenehm in Erscheinung tretende, kubanische Mitarbeiter ein Arschloch wegen seiner Hautfarbe sei, sondern er war eines, weil er eben eines war. Seine dunkle Haut ließ ich stets unbeachtet seinen zugegeben sehr beeindruckenden Körper umhüllen; ich habe quasi durch sie hindurch gesehen. Und des Pudels Kern war schlecht.

Wenn also ein Ereignis als “historisch” bezeichnet wird, nur weil einem Farbigen gelang, Großes zu erreichen, so empfinde ich diese Sichtweise ebenfalls als puren Rassismus, weil es den Medien durch die Überdramatisierung der Situation nicht gelingt darzustellen, was dunkle Haut nun einmal ist: vollkommen normal. 

So trank ich – dementsprechend seelenruhig auf meinem Sofa sitzend, während NTV die Krönungszeremonie in aller Breite und Länge auch auf mein TV-Gerät  übertrug – in kleinen, völlig unhektischen Schlucken meinen Kaffee a la Obama, als fast schwarz, und dachte mir, dass so ein Job als mächtigster Mann der Welt ganz sicher nicht das reinste Zuckerschlecken ist. Denn der Gedanke, dass Lenken und Denken für 305 Millionen Menschen zu übernehmen, von denen ungefähr 40 Prozent an ein übernatürliches Wesen glauben, und der Rest sich wahrscheinlich dafür hält, ist sehr anstrengend. Dies ist kein Antiamerikanismus meinerseits, sondern nur die wortgewordene Ansicht, die sich in mir im Hinblick auf den amerikanischen Stereotyp manifestierte, man könne, sofern man nur wolle, wirklich alles werden, diese Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Attitüde, welche mich enorm graust. Denn die Vorstellung, wir seien alle Millionäre – schließlich, wer will das nicht – doch es gäbe keine Tellerspüler mehr, macht mich unangenehm betroffen. Wer will schließlich schon als reicher Sack meterhohe Türme dreckigen Geschirrs in seiner edlen Designerküche stehen haben! 

Auch wenn der verantwortungsvolle Posten eines amerikanischen Präsidenten sicherlich außerordentlich gut honoriert wird. So las ich, dass das neue Refugium des Mr. President allein 35 Badezimmer haben soll! Nun fragt sich der einfache Mann auf der Straße vielleicht, wozu um Gottes Willen ein einziger Mensch 35 Badezimmer braucht, doch diesem einfachen Mann möchte ich antworten, dass ich außer schwarzhäutigen Kollegen, auch mal einen Kollegen mit Waschzwang hatte. Der hat nicht nur ständig seine Hände, sondern auch Bananen und Geldscheine gewaschen: Für den wäre das Weiße Haus Dank reichhaltiger Waschgelegenheiten das Paradies auf Erden! Andererseits gibt es auch Berufe, die definitiv weniger an Badezimmern wie auch Finanziellem  abwerfen, einen aber dennoch glücklich und zufrieden durch Leben wandeln lassen. 

Der Typ zum Beispiel, der Tag für Tag gegen Nachmittag an der Außenseite meiner Behausung einen leeren Handwagen Richtung Innenstadt zieht, um diesen nur 10 Minuten später mit einem Bierkasten darauf wieder gen Sozialbauten am Rande der Stadt zu schieben, der hat sicherlich weit weniger berufliche Belastung, scheint darüber aber dennoch nicht unglücklich zu sein. Und wie er ausschaut, hat er wahrscheinlich nicht mal ein Badezimmer. Und auch dieser Umstand ist einem Dasein in Glück und Zufriedenheit scheinbar nicht abträglich, vorausgesetzt, dass man nicht wie mein ehemaliger Kollege unter Reinlichkeitszwang leidet. Obama, so denke ich, wird die 35 Badezimmer hingegen gut gebrauchen. Denn im Weißen Haus, da beginnt jetzt das große Saubermachen.

Die Qual der Zahl

Montag, 19. Januar 2009

Schon kurz nach Einlieferung ins damalig noch von morgendlichen Appellen und dem Tragen von Halstüchern geprägtem ostdeutschen Schulsystem wurde mir klar: die Mathematik und ich, wir werden wohl nie durch die Bande der Freundschaft aneinander gefesselt durchs Leben gehen. Wurzeln ziehen, so dachte ich mir, das sollte gefälligst den kräftigen Männern und Frauen vorbehalten sein, die sich dem blutigen Berufsbild des Dentisten  verschrieben hatten. Ich selbst beließ es dabei, mir die vier Grundrechenarten geistig einzuverleiben, aber danach machte mein Hirn bei allem, was man mit Zahlen angeblich sonst noch so anstellen konnte, seine Schotten einfach dicht. Dicht ist dabei aber nicht die vollkommen richtige Umschreibung, denn des Lehrkörpers Stimme drang ja sehr wohl noch in mich ein, und ein “dichtmachen” hätte ja bewirken müssen, dass der Lehrstoff nun nicht mehr hätte entweichen können, sich also in mir staut, doch nie wurden mir bei den regelmäßigen medizinischen Pflichtuntersuchungen hervorquellende Augen oder auch dicke Backen attestiert. Alles wanderte viel mehr durch mich hindurch, und blieb wahrscheinlich so gut wie neu in der Reihe hinter mir, im Kopfe unseres Klassenprimus hängen.   

Heutzutage ärgere ich mich bei so mancher Gelegenheit darüber, dass das Zählen auf höhere Ebene als Bildungsweg nicht der meinige war, mir also oft – was Algebra, Stochastik und auch Differentialgleichungen betrifft – nur bleibt hilflos meine Schultern hochziehen und blöde zu grinsen. Denn nur wer am Jahresende die Heizkostenabrechnung seines Vermieters auf Grund mathematischer Kenntnisse verstehen kann, der allein ist auf der sicheren Seite. 

So fällt es mir auch am heutigen Montagabend ungeheuer schwer, meines Mangels an mathematischem Grundlagen wegen zu begreifen, wie man bei Wahlen, bei denen nur 60 Prozent der Bürger festlich gekleidet zur Wahlurne schritten, und von denen wiederum nur 53 Prozent einer Koalition aus zwei Parteien ihre Stimme gaben, man von Mehrheiten sprechen kann. Die von mir mit Ach und Krach verstandenen Grundrechenarten erlauben es mir leider nur, folgende recht schwachbrüstige Hypothese aufzustellen.

Wenn also nur 60 Prozent der Wahlberechtigten ihr zugesichertes Recht auf demokratisches Brimborium wahrnehmen, so heißt dieses doch, dass nur 60 von 100 Bürgern politische Gewalt ausüben. (Was nun wiederum nicht heißt, dass sie mit abgebrochenen Stuhlbeinen auf unbescholtene Parteigenossen einschlagen, sondern nur, dass sie ihrer Stimme Gewicht in die Waagschale beliebiger politischer Berufsdemokraten werfen!) Von diesen 60 haben circa 50 Prozent sich auf das ihnen scheinbar kleiner Übel geeinigt, was nun heißt, dass 30 Bürger von Einhundert für eine parlamentarische Mehrheit gesorgt haben. Und von diesen 30 Damen und Herren kann man getrost und ohne Gewissensbisse noch diejenigen 10 abziehen, die auf Grund von Altersblindheit, oder auch nur  aus der reinen Freude am Bösen, ihr Kreuz am konservativen Rand gemacht haben. So hat das Land nun eine reale Mehrheit von 20 Prozent im Abgeordnetenhaus, während vor dem Hause eine Minderheit von 80 Prozent daran glaubt, dass sie wirklich eine ist. Theoretisch müsste es also möglich sein, dass bei weiter sinkenden Wahlbeteiligungen ein mittelgroßer Ortsverein der Angler und Sportfischer bei geschlossenem Wahlgang tatsächlich in der Lage wäre, den Kanzler der nächsten Legislaturperiode zu bestimmen. So entsteht doch in der Summe eine Volksherrschaft, die diesen Namen nur in Schelmenromanen tragen dürfte, welche, falls es der Titel allein nicht eindeutig hergibt, zusätzlich den Untertitel “Satire” oder “Humoreske” haben. 

Leider habe ich für diese verzwickte Lage keinerlei Lösungsansätze parat. Schließlich bringt es gewiss recht wenig, das Wahlvolk per Verordnung an die Wahlurne zu prügeln, da der Bürger, sobald er schlechtgelaunt, weil er unausgeschlafen und unter staatlichen Zwang im Wahllokal erscheinen muss, schon allein deshalb aus Trotz sein Kreuz vielleicht bei denen macht, die nur dafür sorgen, dass die Firmen, welche Stacheldraht als alleiniges Produkt offerieren, in ungeahnte Gewinnzonen vorstoßen. Im Grunde bringt mir also vielleicht meine fehlende mathematische Manneskraft weit mehr ruhige Nächte, als wenn ich dazu in der Lage wäre, mir allein an fünf Fingern auszurechnen, wo das alles noch hinführt. 

Nur meine Heizkostenabrechnung, die würde ich wirklich furchtbar gerne verstehen.

 

(Auch zum Thema Schulzeit: Gegen den Moostrich gebürstet)