Archiv für Februar 2009

Eine Art Trauerbrief

Samstag, 28. Februar 2009

Ich lese niemals Todesanzeigen. Vielleicht wäre mein Interesse an den gedruckten Pseudoglorifizierungen ungleich größer, wenn ich wüsste, einer meiner von mir auf Grund ihres zweifelhaften Charakters gemiedenen Mitbürger hätte den Löffel abgegeben, so dass ich eventuell zwischen zwei Schluck heißem, morgendlichem Kaffee ein leises “Ha!“ hinterdrein schmeißen hätte können. Aber wahrscheinlich nicht einmal dann. Denn sterben, sterben müssen wir doch alle. Ganz gleich ob altruistisch oder obermies: da ist ums Verrecken kein Kraut gegen gewachsen. Und wenn es sich doch nun eh nicht vermeiden lässt, so ist es doch rausgeschmissenes Geld, das Offensichtliche nochmals öffentlich zu machen. “Doppeltgemoppelt” lautet wohl der Fachausdruck dafür, wenn man solch Tätigkeiten verrichtet, wie beispielsweise Speck dick mit Butter zu bestreichen, einen Hund mit Fellimitat zu beziehen, oder auch in Kirschen einen zweiten Kern zu implantieren, also all die Aktivitäten, die im Endergebnis eine unnötige Verdoppelung von Gegebenheiten darstellen. Bekanntlich ist Speck von Natur aus fett, Hunde sind von Natur aus fellbezogen und Kirschen haben von Natur aus einen Kern. Außer vielleicht die von MonCherrie. Abgebrochene Zähne sind nämlich jedes Pralinenherstellers Achillesferse. Klar: kein Süßwarenhersteller kann auf Dauer eine Insolvenz abwenden, wenn seine Kunden beim Naschen mehr Zähne verlieren, als die Besatzung der   Fram bei der Polarexpedition in den Jahren 1893-1896 durch Skorbut. 

Wenn der Tod also vorausschaubar ist, jedem Menschen demnach schon bei seiner Geburt ein imaginäre Zettel am Zeh hängt – möglicherweise beschriftet mit Sterbedatum oder Todesart; mein Wissen ist auch da sehr lückenhaft, weil ich einmal vollkommen für umsonst an der Türe eines Leichenschauhauses um Einlass bettelte  - warum dann also eine Anzeige in die Zeitung setzen, die das sowieso Unausweichliche nochmals auf marktschreierische Art bestätigen? Quod non est in litteris, non est in munde. Was nicht aufgezeichnet ist, ist nicht in der Welt. Quatsch. Meier, Müller oder Schulze sind doch auch verreckt, wenn es nicht im regionalen Käseblatt posthum herausposaunt wird. Man könnte die zwei Seiten meiner Tageszeitung, die alltäglich durchschnittlich von durchschnittlichen Verstorbenen blockiert werden,  doch sicherlich mit weit Interessanterem füllen. Des Mannes Herz, wie ich es wohl eines in der Brust trage, lechzt  doch schlussendlich nicht nach schwarzumrandeten Allerweltsnamen, sondern nach Anzeigen für mobile Kommunikationstechnik, preisgesenktes Rasierwasser und schön knapp geschnittene Unterwäsche für Damen! Auch Inserate für chromblitzenden Tand und die Annoncen einsamer Frauen unter 40 lassen so manchen Herren kurzatmig und mit glasigem Blick im Mittelteil seiner Zeitung verweilen. Aber wer mit schnellem oder aber eher langsamen Anlauf erst kürzlich den Styx übersprang, hat als Morgenlektüre doch nur den Unterhaltungswert 3 Jahre alter Börsenkurse. 

Von Interesse sollten nur die Toten sein, deren Ableben man auf Seite 1 bewirbt. So las ich erst vor wenigen Tagen, dass der Erfinder des Apfelkorns, Herr Friedrich Berentzen, die Flinte des Seins ins ewige Korn warf. Und heute entnahm ich der Gazette, das es im vergangenen Jahr in meinem Heimatland Thüringen die meisten Drogentoten in einem Jahr seit 1992 gab. Der Moment der Aufnahme dieser Informationen entlockte mir zwar kein “Ha!”, gab mir aber den Trost, dass der Tod das wahrscheinlich einzig Gerechte in dieser zu Lebzeiten doch  so überaus parteilichen Welt ist. Schließlich: er holt nicht nur die Junkies. Er holt auch die Dealer. 

Schweinerei des Tages (2)

Montag, 23. Februar 2009

Es schüttelt mich beim Gedanken, mich der alltäglichen, allgegenwärtigen Narretei im Lande mit Worten zu widmen. Denn nur wer nichts Besseres kann, der solle den Schlechtigkeiten der Welt zu Leibe gehen, so ratschlagte schon Überschnauzbart Nietzsche, der ja, bevor seine geistigen Jalousien endgültig und für immer unten blieben, unbestritten ein sehr gediegener Denker war. Doch wie soll man die Finger auf der Tastatur stille halten, wenn rundherum die unternehmerischen Oberdeppen in der von ihnen angerichteten wirtschaftlichen Scheiße herumspringen, auf dass es nur so spritzt, und man selbst keinerlei Chance hat, sich gedanklich unbekleckert in die heile Welt von Kaffeepot und Sofakissen zu retten!? Sogar ich, der doch allen Menschen ein gutes Pfund an Dummheit und Unverschämtheit zugesteht, muss meine Zehnägel mit ungestümer Gewalt am Hochrollen hindern, wenn ich höre, dass eine milliardenschwere deutsche Unternehmerin ihre sicherlich sehr aufwendig gepflegten  Hände nach Steuergeldern ausstreckt, die selben Hände, die in unternehmerischer Kurzsichtigkeit Firmengelder herauswarfen, verspekulierten, alles auf den Hut ganz rechts setzten, doch die Murmel war – wie immer! – unter einem anderen Hut versteckt. Mir scheint fragwürdig, dass das finanzielle Risiko, welches ein Unternehmer unfraglich trägt, bei Verlusten auf die Schultern der Steuerzahler abgewälzt werden soll, während in fetten Zeiten, als der Rubel in breitem Strome in Richtung Privatkonto rollte, des Arbeitnehmers Schultern nicht einen einzigen Unternehmerblick wert waren. Da spucken sie Gift und Galle, wenn das Wort „Verstaatlichung“ durch deutsche Medien wabbert, doch sobald dieses Wort nur Bezug auf des Milliardärs Verluste hat, so webt man dem Rufer einen roten Teppich ins Abgeordnetenhaus. Mein Gott, wie ich sie hasse, diese Phrasen von der „Sozialisierung der Verluste“ und der „Privatisierung der Gewinne“, aber Herr im Himmel: SIE SIND DIE IN STEIN GEMEIßELTE ETHIK UNSERER WIRTSCHAFTSFÜHRER! Und da, liebe Leserin, lieber Leser, geht’s mir wie dem Wodka Martini von James Bond: ich bin geschüttelt. Nicht gerührt.

Mit dem Eispickel geschrieben (2)

Samstag, 21. Februar 2009

Schnee ist mir, da ich selbst ein Wintersportmuffel bin, so genehm, wie dem Dealer die schnüffelnde Nase des Drogenhundes. Unverständlich wird mir immer bleiben, wie sich ein Warmblüter, dem doch eine stetige Körpertemperatur von ungefähr 36 Grad Celsius unbedingt anzuraten ist, sich freiwillig in solch lebensfeindlichen Elementen wie Schnee und Eis begibt, und dieses angeblich sogar nur des persönlichen Vergnügens wegen. Mein Großvater, dem vor Stalingrad alle Zehn Zehen erst erfroren, dann auf Grund fehlender Durchblutung restlos abgefault sind, der benutzte in seinen düsteren Geschichten vom Winterkrieg 42/43 jedenfalls nie die Worte “Hüttengaudi” und “Après-Ski”. Der bekam statt dessen schon immer eine Gänsehirnhaut, wenn er seine Enkel nur Eis essen sah! Und da der Apfel ja bekanntermaßen nie besonders weit vom Stamm fällt, bin ich auch ich genau wie Opa allen winterlichen Freuden gegenüber völlig resistent. Und dass man sehr wohl auch ohne den volkstümlich als “Weiße Pracht” bezeichneten Schnee samt der ihm eigenen Minusgrade auskommen kann, beweist ja die an sich sicherlich sehr traurige  Tatsache, dass in Österreich ein moralisch unbeschreiblich verrohter Mensch seine Tochter über 24 Jahre in einen allen Wetterlagen gegenüber unempfindlichen Keller sperrte, die mannigfachen Spätschäden aber, die die junge Frau untrüglich durch diese Einkerkerung davontragen musste, aber keineswegs mit dem Fehlen von Schnee begründet werden können. 

Schon als stoppelhaariger Knabe verspürte ich keinerlei Drang, mit meinen Altersgenossen und schlittenbewehrt durch die verschneiten Landschaften rund ums Städtchen zu tollen. In meinem halbwüchsigen Hirn fand ich einfach keine Antwort darauf, welchen Sinn es denn machen solle, einen Hügel hinauf zu kraxeln, um diese Anhöhe kurz darauf mittels Kufen und schneebedingter Gleitfähigkeit wieder Richtung Niederung zu verlassen. Ich taugte einfach nicht zum pudelbemützten Sisyphus. Denn wenn mir auch seinerzeit keinerlei Energieerhaltungssätze und ähnlich gelagerte physikalische Gesetze geläufig waren, so glimmte in mir dennoch der Verdacht, dass es eine schier unglaubliche Verschwendung von Energie darstellen musste, nur um eines fröhlichen Nachmittags wegen die vorm Kohlenofen gewonnene Wärme unter des Winters kalten Zepter wieder zu verzocken. Auch wenn rotwangige Buben und Mädels zu allen Zeiten als Zierde einer gesunden Familie galten, so bleibt mir überlassen gerade zurücken, dass diese Rotwangigkeit zu oft nur als Anzeichen von Fieber zu deuten war, weil die Gören über Stunden hinweg mit eiskalten Füßen im Schneematsch standen. Der gesundheitliche Aspekt frischer Luft ist mir freilich uneingeschränkt bekannt. Doch, so stelle ich in den fensterlosen literarischen Raum: Warum haben die Maurer wohl Löcher in den Wänden unserer Behausungen gelassen? Kein Mensch ist gezwungen, seinen Nachwuchs mit der Herbe eines Winterspazierganges zu strafen, wo er die angeblich so gesunde Frostluft  doch in gut dosierten Portionen durch sporadisches Öffnen der Fensterflügel ins stickige Wohnzimmer locken kann! Ein Satz, den mein Vater seit Jahrzehnten bei jeder Gelegenheit von mir ins Hörrohr geblasen bekommt. 

So hege ich auch keinerlei Mitleid im Herzen, wenn ich davon lese, dass mal wieder ein Wintersportler in die Spalte eines Gletschers glitt, um darauf darin blitzzugefrieren. Jeder Wintersportler ist ein Ötzi in spe, das potentielle Gefrierfleisch auf Ski. Wessen Nerven aber nach kaltem Kitzel verlangen, der sollte sich gefälligst zum Spinat ins Gefrierfach legen. Dies macht ökologisch und ökonomisch weitaus mehr Sinn, denn es kostet zweifelsohne Unmengen an Geld, beinhart gefrorene Mitbürger aus Bergen zu bergen. Und das Auftauen im Krematorium ist sicherlich auch nicht gerade billig. Oder gibt’s vielleicht schon so große Mikrowellen?