Mit dem Eispickel geschrieben (2)
Schnee ist mir, da ich selbst ein Wintersportmuffel bin, so genehm, wie dem Dealer die schnüffelnde Nase des Drogenhundes. Unverständlich wird mir immer bleiben, wie sich ein Warmblüter, dem doch eine stetige Körpertemperatur von ungefähr 36 Grad Celsius unbedingt anzuraten ist, sich freiwillig in solch lebensfeindlichen Elementen wie Schnee und Eis begibt, und dieses angeblich sogar nur des persönlichen Vergnügens wegen. Mein Großvater, dem vor Stalingrad alle Zehn Zehen erst erfroren, dann auf Grund fehlender Durchblutung restlos abgefault sind, der benutzte in seinen düsteren Geschichten vom Winterkrieg 42/43 jedenfalls nie die Worte “Hüttengaudi” und “Après-Ski”. Der bekam statt dessen schon immer eine Gänsehirnhaut, wenn er seine Enkel nur Eis essen sah! Und da der Apfel ja bekanntermaßen nie besonders weit vom Stamm fällt, bin ich auch ich genau wie Opa allen winterlichen Freuden gegenüber völlig resistent. Und dass man sehr wohl auch ohne den volkstümlich als “Weiße Pracht” bezeichneten Schnee samt der ihm eigenen Minusgrade auskommen kann, beweist ja die an sich sicherlich sehr traurige Tatsache, dass in Österreich ein moralisch unbeschreiblich verrohter Mensch seine Tochter über 24 Jahre in einen allen Wetterlagen gegenüber unempfindlichen Keller sperrte, die mannigfachen Spätschäden aber, die die junge Frau untrüglich durch diese Einkerkerung davontragen musste, aber keineswegs mit dem Fehlen von Schnee begründet werden können.
Schon als stoppelhaariger Knabe verspürte ich keinerlei Drang, mit meinen Altersgenossen und schlittenbewehrt durch die verschneiten Landschaften rund ums Städtchen zu tollen. In meinem halbwüchsigen Hirn fand ich einfach keine Antwort darauf, welchen Sinn es denn machen solle, einen Hügel hinauf zu kraxeln, um diese Anhöhe kurz darauf mittels Kufen und schneebedingter Gleitfähigkeit wieder Richtung Niederung zu verlassen. Ich taugte einfach nicht zum pudelbemützten Sisyphus. Denn wenn mir auch seinerzeit keinerlei Energieerhaltungssätze und ähnlich gelagerte physikalische Gesetze geläufig waren, so glimmte in mir dennoch der Verdacht, dass es eine schier unglaubliche Verschwendung von Energie darstellen musste, nur um eines fröhlichen Nachmittags wegen die vorm Kohlenofen gewonnene Wärme unter des Winters kalten Zepter wieder zu verzocken. Auch wenn rotwangige Buben und Mädels zu allen Zeiten als Zierde einer gesunden Familie galten, so bleibt mir überlassen gerade zurücken, dass diese Rotwangigkeit zu oft nur als Anzeichen von Fieber zu deuten war, weil die Gören über Stunden hinweg mit eiskalten Füßen im Schneematsch standen. Der gesundheitliche Aspekt frischer Luft ist mir freilich uneingeschränkt bekannt. Doch, so stelle ich in den fensterlosen literarischen Raum: Warum haben die Maurer wohl Löcher in den Wänden unserer Behausungen gelassen? Kein Mensch ist gezwungen, seinen Nachwuchs mit der Herbe eines Winterspazierganges zu strafen, wo er die angeblich so gesunde Frostluft doch in gut dosierten Portionen durch sporadisches Öffnen der Fensterflügel ins stickige Wohnzimmer locken kann! Ein Satz, den mein Vater seit Jahrzehnten bei jeder Gelegenheit von mir ins Hörrohr geblasen bekommt.
So hege ich auch keinerlei Mitleid im Herzen, wenn ich davon lese, dass mal wieder ein Wintersportler in die Spalte eines Gletschers glitt, um darauf darin blitzzugefrieren. Jeder Wintersportler ist ein Ötzi in spe, das potentielle Gefrierfleisch auf Ski. Wessen Nerven aber nach kaltem Kitzel verlangen, der sollte sich gefälligst zum Spinat ins Gefrierfach legen. Dies macht ökologisch und ökonomisch weitaus mehr Sinn, denn es kostet zweifelsohne Unmengen an Geld, beinhart gefrorene Mitbürger aus Bergen zu bergen. Und das Auftauen im Krematorium ist sicherlich auch nicht gerade billig. Oder gibt’s vielleicht schon so große Mikrowellen?
22. Februar 2009 um 0:43
Vielleicht hoffen sie auch nur darauf, daß sie in einigen Jahrzehnten/Jahrhunderten entdeckt werden und dann wiedererweckt werden?! ^^
22. Februar 2009 um 8:39
Die armen Tröpfe! EISTRÖPFE!
22. Februar 2009 um 17:08
Hi Kolumnistenschwein!
Ja, es gibt so große Mikrowellen.
Siehe: http://www.magnodry.de/cms/front_content.php
Da kannst Du eine komplette Kuh drin grillen. Oder einen unvorsichtigen Snowboard-Fahrer auftauen.
Übrigens: Es dauert noch ca. 14 Tage. Dann wird es endlich wieder wärmer. Was ist eigentlich aus der globalen Erwärmung geworden? Auf nichts kann man sich mehr verlassen.
MfG
Hans
22. Februar 2009 um 17:46
Klasse! Da haben wir ja endlich was gegen die soziale Kälte! Aber bitte immer nur Einer reinklettern!
22. Februar 2009 um 20:02
Wintersport ist äußerst gefährlich…Besonders wenn man auf einen verrückten Ministerpräsidenten trifft…
22. Februar 2009 um 21:28
He, Geschichtenerzähler: Für die Boshaftigkeiten auf dieser Seite bin aber ich zuständig
22. Februar 2009 um 23:36
Ich bin ja schon froh, dass der Kommentar genehmigt wurde…:-) Diese Boshaftigkeit lag mir übrigens schon wochenlang auf der Zunge und jetzt ist sie raus. Ab sofort überlasse ich natürlich wieder ihnen das Feld!!
Ich wünsche ihnen böse Gedanken!!
23. Februar 2009 um 10:17
Wie wahr, wie wahr, ein Grund mehr, sich wieder nach Kenya zu verdrücken. Bis Ende März, lieber Textspeier!
25. Februar 2009 um 21:45
Naja, aber die berühmten Erkältungen bekommt man nicht durch kalte Füsse – sonst wäre die holde Weiblichkeit ja das ganze Jahr kränklich -, sondern durch den Kontakt mit den lieben bazillenverseuchten Mitmenschen.
26. Februar 2009 um 19:12
Korrekt. Aber kalte Füße sind für die Viren das ideale Brecheisen, um ins Immunsystem gelangen.