Vom Haben und Soll
Dienstag, 17. Februar 2009Verzicht zu üben ist eine Fertigkeit, welche in vielen deutschen Sippschaften vermeintlich über Nacht vom häufig gemiedenen Wahl- zum erzwungenen Pflichtfach geworden ist, seitdem Schmalhans sein meisterliches Wirken von der Küche auf das gesamte Lebensumfeld ausgedehnt zu haben scheint. Nun lässt sich aber auch sagen, dass Verzicht an sich ebenso sehr viel Positives mit sich bringen kann, denn wer – um hier mal ein weitverbreitetes Übel zu benennen – seines Nächsten Eheweib nicht mehr begehrt, der geht ab sofort die meisten seiner Tage ungeschwollenen Auges durch die mit bitteren Mienen durchwebten Straßen. Blau und Gelb und Grün umrandete Augenlichter lassen IMMER auf Verfehlungen im Gemütszustande der Begierde schließen, sofern man den Kontakt zu politisch und religiös Verwirrten ausschließen kann und auch den Dunstkreis von Stehkneipen und Bahnhofsvorhallen allewege gewissenhaft gemieden hat.
Nun bringt Verzicht natürlich nicht nur Begrüßenswertes zustande, denn nun – um beim zitierten Beispiel zu bleiben – zieht die Nachbarin auf Grund des unerwarteten wie auch ungewohnten Nichtbegehrens ihrer körperlichen Quali- wie auch Quantitäten ein ganz, ganz langes Gesicht, wird aggressiv und alsbald ihres ungenießbaren Charakters wegen von Familie wie auch Kollegenschaft gemieden. Wir wissen ja, wie die Frauen so sind: Ganz gleich, wie weit sich ihre körperliche Blüte auch schon geöffnet haben mag: sie wollen gepflückt werden. Nichtbeachtung ihrer Fraulichkeit lässt sie im Inneren innerhalb nur weniger Wochen so ausschauen, wie das herzbewegende Gemüse, welches man nach 21 Uhr beim Discounter aus der Stiege zusammenklauben muss. Und ist die Psyche erst verwelkt, so dringt die Fäulnis rasch auch nach Außen: ein Bild, welches selbst die Hersteller von Viagra schweißnass aus allertiefstem Schlafe reißt.
Noch schlimmer sind die Ergebnisse unfreiwilliger Askese allerdings im materiellen Bereich, da bekanntlich der Konsumverzicht immens große Löcher ins wirtschaftliche Gefüge reißt. Und in diese Löcher fallen genau jene Menschen, die bis dato ihren Lebenserhalt mit der Fertigung der Produkte verdienten, welche die Mehrzahl der Bürger aber nun aus finanzieller Zwangslage heraus für ab sofort für Pfui! befunden haben. Worauf die frischgebackenen Arbeitslosen sich gleichfalls in die Reihe der mit dem Bannstrahl der Konsumenthaltsamkeit Getroffenen einreihen dürfen. Ein Schneeballsystem, in welchem zur Abwechslung mal nicht nur die Doofen abgezockt werden, sondern auch die, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Arbeitsplatz waren.
Und dass ein Schneeball, sobald dieser erst Richtung Talsohle rollt, mit jedem zurückgelegten Meter größer und größer wird, bis man ihn eine Lawine nennt, und alles mitreißt, was nicht bei Drei untern staatlichen Schutzschirm kriechen durfte, ist jedem, der mit einem studierten BWLer auch nur ein zartes Techtelmechtel hatte, als Aussage bekannt wie bunter Hund. Und ganz, ganz unten im Tal, da stehen die Schneeschieber von der FDP, um mit dem Schild des freien Marktes den ganzen Matsch und Dreck aus der ehemaligen Mittel-, in die neue Unterschicht zu befördern. Und sie haben in angstschwangerer Voraussicht vorm Aufbegehren des proletarischen Pseudopöbels schon mal begonnen, das Streusalz aus dem Mehr-Netto-vom-Brutto-Silo in die Augen der Bürger zu streuen, damit diese nicht erkennen, dass sie vielleicht schon bald als Nächste durch die Schneefräse gehen.
Dann lieber doch zur Nachbarin.
