Archiv für März 2009

An die Wetter-Fee oder Horst Köhler

Sonntag, 29. März 2009

Vergleiche ich meinen Kalender mit der vor der Haustür präsenten Wetterrealität, so bleibt mir nur zu bestätigen, dass der Spruch vom Papier und dessen Geduld in Stein gemeißelt scheint. Denn meinem von einer großen Thüringer Tageszeitung gesponserten Kalendarium entnahm ich schon am 20.März, dass just an jenem Tage der Frühling ausbreche, was sich aber wahrscheinlich noch nicht bis zum Frühling herumgesprochen hatte. Es ist kalt. Es ist trübe.  Die wenigen Frühjahrsblüher, die ihre kleinen dreckverschmutzten Hälse  in die kühle Märzluft strecken sind nur Blendwerk, ein Trugbild, gemacht um den gutgläubigen Narren hinterm warmen Ofen vorzulocken.  Doch in allen Straßencafes, welche meine Wege dieser Tage kreuzten, saßen, statt frühlingshaft luftig bekleideter Damen, nur da und dort eine volle Plastiktragetasche, wenn deren Eigentümer vornehmlich ihres hohen Alters wegen vor Erschöpfung nach eiskalter Luft rangen. Die meisten aller Stühle aber blieben leer, schräg auf den Vorderbeinen stehend an den ebenfalls gelangweilten Tisch gekettet, Wind und Wetter und den in krümelreicheren Zeiten marodierenden Spatzen und Tauben ausgesetzt. Die Kellner indes ankern hinter mit Preislisten verklebten Scheiben, starren auf Regentropfen und vorbeieilende Passanten, oder auf den Hintern der Aushilfskraft, welche in Trance versunken zum tausendsten Male ihre rot gefärbte Haarsträhne auskaut. 

Möglicherweise sind die Erwartungen, die meinerseits  ans Frühjahr gestellt werden, einfach zu hochgesteckt, denn es ist doch kaum damit zu rechnen, dass sich die meteorologische Gesamtlage darum kümmert, ob ich bereits mit viertellangen Ärmel ausgestatte Hemden und kurze Hosen griffbereit übern Stuhl gehangen habe, nur weil ich dem gedruckten Wort vertraute. Druckerschwärze ist in punkto Verlässlichkeit doch nur eine bröckelige Bastion, gebaut von Verleger und Autoren mit dem Mörtel ihrer Wünsche und aus den Steinen ihrer Fantasie, und von der Realität in Nullkommanix sturmreif geschossen. Ganz gleich ob Kalender oder Wirtschaftsmagazin: was am Schreibtisch noch wie der große Wurf aussieht, ist auf der nur wenige Meter entfernten Straße nur noch das, was dem Verleger mangels anpassungsunwilliger Fakten auf die besser stillgehaltenen Füße fällt.

Selbst die aufgedruckten Werte unserer Geldscheine sind nur das Gespinst gewagter Geister, denn wer noch heute einen 100-Euro-Schein im Portemonnaie durch Zeit und Raum trägt, darf sich gewiss sein, dass diese aufgedruckte Kaufkraft schon morgen ohne jegliches persönliches Zutun an monetären Bizeps  verliert. Weil des Papiers Geduld eben zwar sehr strapazierfähig, die zum Papier dazugehörige Bezugsgröße aber wankelmütig ist. Schein und Sein: zwei unterschiedliche Schuhe, die, wenn es sich gar um Geldscheine handelt, um Größen variieren. Und wer dennoch in ihnen vertrauensvoll durch die Strassen seines Lebens wandelt, fällt alsbald auf die Schnauze. 

Somit schlage ich vor, dass ein Kalendarium nur noch Wochentage mit dazugehörigem Datum nennt, aller Klimbim aber, der nur vage und schwer erfüllbare Erwartungen im Kalenderbesitzer erweckt, auf eine Rote Liste mit dem Vermerk “Quatsch!” gesetzt wird, und somit niemals gedruckt. Und alle Geldscheine sollen, statt einen fest zugeschrieben Wert zu enthalten, nur ein leeres Feld aufweisen, in welchem der rechtmäßige Eigentümer des Scheines den tagesaktuellen Wert eintragen kann, damit auch morgen noch der Euro einen Euro wert ist. Dies schafft Vertrauen nicht nur in die auf Knien rutschende Wirtschaft, sondern auch in die von aller Welt in diese geworfenen Kalender. Kein Mensch mehr soll mit viertellangen Ärmel ausgestatte Hemden und kurze Hosen aus dem Schrank holen, nur weil es geschrieben steht. Allein ein Blick aus dem Fenster soll Kausalität solcher Aktionen sein.

Ein Gedanke, den Bundespräsident Köhler in seiner nächsten Rede hoffentlich versteht, sinngemäß einzuweben.

Eine klitzekleine Prise Galgenhumor

Donnerstag, 26. März 2009

Ich bin zerrissen. Also nicht körperlich. Denn seitdem man Menschen nicht mehr vierteilt, legen sich die meisten aller Erdenbürger – so wie auch ich – Abend für Abend in einem ganzen Stück zu Bett. Außer unstreitig diejenigen, deretwegen man des öfteren lausige Musiktitel im Radio durch Verkehrsfunk halbiert. Autos und Menschen sind nun einmal aus Materialien, die, sobald jene aufeinander treffen, zumeist nur einen Sieger zwischen den Notrufsäulen zurücklassen. Und ich jedenfalls habe noch nie davon gehört, dass bei einem Frontalaufprall eines Mercedes auf einen Fußgänger, der Mercedes trotz eiligst per Luftweg herbeigeeilten Notarztes noch an Ort und Stelle verstarb. Aus dem Plastiksack lugte durchweg nur eine Hand oder ein Fuß, aber eben recht selten der in gut situierten Kreisen  favorisierte Stern. 

Nein, ich bin mehr innerlich zerrissen. Und zwar des Themas Hinrichtungen wegen. Denn die durch Gerichte verhängten (!) Todesstrafen haben sich laut Amnesty International im Jahre 2008 weltweit verdoppelt, was aber eben ungemein an Dramatik verliert, sobald man dieser Nachricht jene Meldung zur Seite stellt, welche verkündete, dass im Jahre 2050 nochmals 2,3 Milliarden Menschen mehr auf diesem jetzt schon laut vernehmlich ächzenden Planeten hausen werden. Hinrichtungen sind also rein zahlenmäßig nicht unbedingt als Verlust zu bezeichnen, da wir Menschen uns so zu reproduzieren verstehen, dass kein Henker dieser Welt je ein ernsthaftes Gegengewicht darstellen sollte. Der Strick ist dem Fick unterlegen, was unter anderem damit zu begründen ist, dass der Spaßfaktor beim Bumsen weit höher ist als beim Baumeln. Nur ernsthaft im Geiste erkrankte Naturen bekennen, dass zweites für sie unterhaltsamer sei. 

Ich selbst bin zweifelsohne auch am Zu-Tode-bringen anderer Leute vollkommen desinteressiert, was nun nicht eigenlobend Zeugnis ablegen soll für meine geistige Gesundheit. Weit eher soll es als Übergang dienen zu folgendem Gedanken: Es scheint mir enorm unlogisch, wie ein Mensch der Meinung sein kann, der Tod wäre als Strafmaßnahme ein zweckdienliches Mittel, um anderen Menschen Manieren beizubringen. Der Tod als Strafe: Pah! 

Man stelle sich bloß einmal vor: man steht als die Familie ernährender Vater morgens um vier Uhr in der Früh auf, stolpert mit verkrustetem Blick übers Kabel der Nachtischlampe, worauf man erst den Wecker aus der Hand und danach auch noch den kompletten Halt verliert, wonach man aus dem der frischen Luft wegen stets auch nachts geöffneten Fenster fällt, am zweiten und ersten Stockwerk vorbei in die Markise des Blumengeschäftes, worauf diese einen schmalen Riss erhält, und durch diesen hängt nun des Gefallenen (da dieser zudem immer nackt schläft!) “bestes Stück“, und zwar nur gute 20 Zentimeter über dem für diese Zeit sehr munter scheinenden Gesicht der für jene Strasse zuständigen Zeitungsausträgerin! Kann man ernsthaft glauben, dass diesem Manne die Todesstrafe noch schreckt?! Eher ist doch davon auszugehen, dass jener vom Schicksal gebeutelte Herr nach einem Genickschuss bettelt, bevor sein Malheur von des Zeitungsausträgerin auf 400-Euro-Basis Zunge in die Welt getragen wird. Wobei der Begriff Welt hier nur auf den erwähnten, bzw. nächsten und übernächsten Straßenzug gemünzt ist. Denn wer um vier Uhr früh der Zeitungsfrau sein Gemächt ins Antlitz hängt, der darf davon ausgehen, dass diese Bloßstellung spätesten Fünf nach Vier im Viertel durch ist. Und somit auch der Typ, der zum derb Dargebotenem dazu gehört.

Todesstrafe? Pah!

Das Wort zum Sonntag

Samstag, 21. März 2009

 

pfaffe.JPGLiebe Brüder und Schwestern,

 

manchmal bin ich wie die Mathematikhefte meiner Tochter: kleinkariert und voller schwer Verständlichem. Doch auch an leeren Blättern mangelt es nicht: weiß und unbefleckt, doppelseitig gierend nach Lösungen. Und wenn diese nicht gleich zur Verfügung, so kritzele ich die jungfräulichen Seiten halt voll mit den Gedanken, die sich in meinem Hirne im Sekundentakt die Klinke in die Hand geben. 

So schrieb ich in den heutigen Morgenstunden nieder, was es wohl für Auswirkungen aufs gesellschaftliche Miteinander habe, wenn die These stimmt, dass des Menschen  geistige Fähigkeiten ab dem 27 Lebensjahr Stück für Stück das Zeitliche segnen. Und ab 37 darf man, laut gleicher  Mutmaßung, bei den meisten Zeitgenossen davon ausgehen, dass ihr Erinnerungsvermögen schon so einiges an Wert verloren hat, ein Kurssturz des Gedenkens ins Bodenlose. 

Auch wenn ich diese Auswirkungen der Kausalität des Zeitpfeiles am Menschen indessen nicht als sehr tragisch empfinde. Man sollte halt eben seine Doktorarbeit niederschreiben, bevor die Enkel auf der Matte stehen und um asexuelle Zuwendung betteln. Schließlich soll der Mensch schon im Alter von 22 Jahren den Höhepunkt erreicht haben, was die Verarbeitung von Informationen betrifft. Wer da erst mit 23 beginnt, Wissen zu sammeln, zu bündeln und zu verwerten und niederzuschreiben, sollte sich lieber daran versuchen, Altpapier und Lumpen aufzulesen. Der Erlös pro Kilogramm recycelbaren Materials mag zwar recht gering ausfallen, ist aber immerhin, im Gegensatz zu altersbedingt halbgaren Gedanken, als existenzerhaltende Maßnahme im Katalog der sinnvollen Betätigungen durchaus gelistet. Eine Doktorarbeit indes, die der auf Promotion Zielenden erst im hohen Alter jenseits von über 22 Lebensjahren  ausschwitzte, kann getrost im Speicher des Laptop geknüllt und per virtuellem Wurf im Papierkorb versenkt werden. Selbst wenn es heißt, dass man im Alter weise werde, so ist daraus nicht zu schlussfolgern, dass man nun geistig dazu in der in der Lage sei, etwas dem Rade ebenbürtiges zu erfinden. Weisheit bedeutet nämlich in erster Linie zu erkennen, wann man Großes nicht mehr in der Lage ist zu erschaffen. 

Doch gerade letztere Satz verursacht auf meiner Stirne, dass diese sich runzelt wie zu lang gelagerte Äpfel. Schließlich sind sie Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik zumeist näher am argen Schnitter, als denn in einem Lebensabschnitt, in welchem des Menschen Tage opulent von großartigsten Gedanken gekrönt werden. Selbst Jungspund zu Guttenberg ist in einem Alter von nicht einmal Vierzig zwar als Mensch noch relativ jung, als denkender Mensch dagegen schon längst tot. Und einen Zombie als Wirtschaftsminister: na ja, da schweigt des Sängers Unhöflichkeit doch lieber. 

Und gern würde ich die Auswirkungen der These, dass des Menschen geistige Fähigkeiten ab einem Alter von 27 nach und nach versiegen, welche ich heute morgen eigensinnig niederschrieb, hier offenbaren. Doch erstens bin ich doch schon viel zu alt, als dass diese Gedanken auch nur den geringsten Schimmer an Klarheit enthalten dürften, was alleinig eine Veröffentlichung rechtfertigen tät. Zweitens kann ich mein zwischen Kaffeetasse und Klo entstandenes Geschmiere wegen nie besuchtem Kaligrafie-Kurs nicht mehr dechiffrieren. Und wer dieses nun schade findet, der ist bestimmt schon weit über Dreißig. 

Amen.