Das Wort zum Sonntag
Liebe Brüder und Schwestern,
manchmal bin ich wie die Mathematikhefte meiner Tochter: kleinkariert und voller schwer Verständlichem. Doch auch an leeren Blättern mangelt es nicht: weiß und unbefleckt, doppelseitig gierend nach Lösungen. Und wenn diese nicht gleich zur Verfügung, so kritzele ich die jungfräulichen Seiten halt voll mit den Gedanken, die sich in meinem Hirne im Sekundentakt die Klinke in die Hand geben.
So schrieb ich in den heutigen Morgenstunden nieder, was es wohl für Auswirkungen aufs gesellschaftliche Miteinander habe, wenn die These stimmt, dass des Menschen geistige Fähigkeiten ab dem 27 Lebensjahr Stück für Stück das Zeitliche segnen. Und ab 37 darf man, laut gleicher Mutmaßung, bei den meisten Zeitgenossen davon ausgehen, dass ihr Erinnerungsvermögen schon so einiges an Wert verloren hat, ein Kurssturz des Gedenkens ins Bodenlose.
Auch wenn ich diese Auswirkungen der Kausalität des Zeitpfeiles am Menschen indessen nicht als sehr tragisch empfinde. Man sollte halt eben seine Doktorarbeit niederschreiben, bevor die Enkel auf der Matte stehen und um asexuelle Zuwendung betteln. Schließlich soll der Mensch schon im Alter von 22 Jahren den Höhepunkt erreicht haben, was die Verarbeitung von Informationen betrifft. Wer da erst mit 23 beginnt, Wissen zu sammeln, zu bündeln und zu verwerten und niederzuschreiben, sollte sich lieber daran versuchen, Altpapier und Lumpen aufzulesen. Der Erlös pro Kilogramm recycelbaren Materials mag zwar recht gering ausfallen, ist aber immerhin, im Gegensatz zu altersbedingt halbgaren Gedanken, als existenzerhaltende Maßnahme im Katalog der sinnvollen Betätigungen durchaus gelistet. Eine Doktorarbeit indes, die der auf Promotion Zielenden erst im hohen Alter jenseits von über 22 Lebensjahren ausschwitzte, kann getrost im Speicher des Laptop geknüllt und per virtuellem Wurf im Papierkorb versenkt werden. Selbst wenn es heißt, dass man im Alter weise werde, so ist daraus nicht zu schlussfolgern, dass man nun geistig dazu in der in der Lage sei, etwas dem Rade ebenbürtiges zu erfinden. Weisheit bedeutet nämlich in erster Linie zu erkennen, wann man Großes nicht mehr in der Lage ist zu erschaffen.
Doch gerade letztere Satz verursacht auf meiner Stirne, dass diese sich runzelt wie zu lang gelagerte Äpfel. Schließlich sind sie Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik zumeist näher am argen Schnitter, als denn in einem Lebensabschnitt, in welchem des Menschen Tage opulent von großartigsten Gedanken gekrönt werden. Selbst Jungspund zu Guttenberg ist in einem Alter von nicht einmal Vierzig zwar als Mensch noch relativ jung, als denkender Mensch dagegen schon längst tot. Und einen Zombie als Wirtschaftsminister: na ja, da schweigt des Sängers Unhöflichkeit doch lieber.
Und gern würde ich die Auswirkungen der These, dass des Menschen geistige Fähigkeiten ab einem Alter von 27 nach und nach versiegen, welche ich heute morgen eigensinnig niederschrieb, hier offenbaren. Doch erstens bin ich doch schon viel zu alt, als dass diese Gedanken auch nur den geringsten Schimmer an Klarheit enthalten dürften, was alleinig eine Veröffentlichung rechtfertigen tät. Zweitens kann ich mein zwischen Kaffeetasse und Klo entstandenes Geschmiere wegen nie besuchtem Kaligrafie-Kurs nicht mehr dechiffrieren. Und wer dieses nun schade findet, der ist bestimmt schon weit über Dreißig.
Amen.
21. März 2009 um 19:31
An dieser Stelle möchte ich zwar keinen Widerspruch einwerfen – zumal Deine Gedanken meist meine Zustimmung finden – aber doch Deinen Sinn in eine etwas andere Richtung lenken.
Du wirst, wenn Du dich damit beschäftigst, feststellen, dass es viele ältere Menschen gibt, die die Rolle eines Lehrers und Meisters übernommen haben. Und deren Schüler werden Dir auf Anfragen gerne und stolz die Auskunft geben, dass Ihre Lehrer zwar drei-, vielmal so alt sind wie die Schüler, doch diese immer noch jederzeit “in die Tasche stecken”.
Erfahrung ist der Schatz, den man sich mit den Jahren erwirbt und der in der Jugend nie und nimmer zu finden ist. Und erst wenn man älter ist – udn wie wir Vater – wird man sehen, dass diese Erfahrungen nicht wirklich zu vermitteln sind. Die Drecksblagen hören einfach nicht zu. Wir haben es hinter uns. Haben den Mist mitgemacht und die richtigen Lösungen “auf die harte Tour” finden müssen. Und doch, wir können keinem diesen Mist erapren, weil keiner zuhören will, um die Fehler zu vermeiden.
Egal wie jung und (hirn)potent das junge Volk ist… ich will nicht ohne weiteres tauschen.
Schönes Wochenende… Alter!
21. März 2009 um 19:48
Ehrlich gesagt: ich möchte auch nicht tauschen. Ich bin froh, den Berg schon bestiegen, den Abstieg fest im Auge zu haben. Und was meine Aussagen betrifft: man beachte mein beständiges Augenzwinkern. (Oder ist es mehr ein dauerhaftes tränen?)
Gleichfalls Schönes Wochenende… Alter!
23. März 2009 um 20:36
Man muss zur rechten Zeit sein Potenzial richtig einsetzen. Sollte die Kapazität meiner Denkmurmel einst nicht mehr für ehrliche Arbeit ausreichend sein, dann werde ich eben Politiker. Oder Investmentbänker.
MfG
Hans
25. März 2009 um 8:21
Ich bin begeistert.Wenn ich deine Gedanken lese,bekomme ich das Gefühl, dass ich auch so schreiben will.Ich muss meine eigene Gedanke raus,mit allen mitzuteilen. Ist das normal?
26. März 2009 um 21:22
@Peter
Paranormal.
30. März 2009 um 1:18
Im leben gibt es noch viel was wir lehrnen können oder auch nicht es gib so viele menschen die ihre gedanken auf schrieben oder sie in die welt hinaus tragen oder schreien oder es auf andere weise denn leuten mit teilen aber deine texte briegen ein zum nach denken und nicht nur das mann denkt über sein leben nach was mann falsch gemacht hat oder richtig egal das wollte ich dir nur sagen
Mfg planschi
31. März 2009 um 15:59
@planschi
Danke!