Archiv für April 2009

Ein Text voller Brandsätze

Dienstag, 28. April 2009

Ich denke, ab einem gewissen Lebensalter taugt man nicht mehr zum Revolutionär. Nicht dass es dem einen oder anderen Menschen in höherem Alter an fragwürdigen Weltverbesserungsideen mangelt. Das standrechtliche Erschießen in Zusammenhang mit freier Liebe und dem längeren Tragen der Unterwäsche galt von je her in Kreisen auch geistig unrasierter Querulanten als das Hohelied gesellschaftlicher Veränderung.  Es ist mehr der körperliche Verschleiß, welcher den fleischgewordenen Hybrid aus Freiheitsdrang und Verfolgungswahn zum Verstolpern aller Ideale zwingt. Schließlich sind Munitionskisten erfahrungsgemäss nicht mit Zuckerwatte gefüllt. Und ein Brandsatz, welchen man mangels Kraft auf die eigenen Füße fallen lässt, ist als flammendes Symbol eines am System rüttelnden Aufstandes nicht einen einzigen Pfifferling wert. Selbstverbrennungen aus Ungeschick taugen eben nicht, der Zielgruppe ein leuchtendes Vorbild zu sein. Wer einmal bis zum Halse im Löschschaum steckt, der ist eindeutig durch die praktische Prüfung des Abendschulkurses für angehende Revolutionsführer gefallen. 

Auch die im Alter schwindende Kondition macht es dem Pseudo-Rudi-Dutschke nicht gerade leichter. Man gibt halt keine gute Figur, wenn man einerseits zum Sturm auf Berlin bläst, einem aber andererseits bereits kurz hinter der eigenen Haustüre die Puste ausgeht. Und die Hoffnung, dass sich die auf der gegenüberliegende Seite des Schützengraben liegenden Kampfverbände von BDI, Banken und Lobbyisten darüber totlachen, ist sehr trügerisch. Doch nur einigen der adipösen Gesellschaftshinterbänkler gelingt es, ihren geradezu konterrevolutionären körperlichen Zustand zu kaschieren, indem sie verlautbaren, sie wären nicht fetter, sondern nur friedlicher geworden. Statt zu blutigem Hauen und Stechen reicht es da nur noch zu Mahnwachen. Oder zu einer Menschenkette, die, hier denkt der Che in spe ganz triebgesteuert und pragmatisch, nur aus ihm und seiner Frau besteht. Und man knüpft sie bürgerlich regelgerecht zumeist nur im ehelichen Schlafgemach, wobei man sich – hier achte der Leser sehr genau aufs Detail – weniger bei den Händen packt, als denn vielmehr an Penis und Vulva. Penetrieren statt Protestieren: Gesellschaftskritik im Wandel der eigenen Lebenszeit. 

Auch meiner Wenigkeit ist der revolutionäre Saft schon vor längerer Zeit ausgegangen. Körperlich, rein körperlich wäre ich wohl noch dazu in der Lage, meterhohe Barrikaden aus Straßencafemobiliar, Mülltonnen und überfahrenen Katzen zu stapeln. Mäßiges Übergewicht und dreimal die Woche ein zügiges Kraft-Ausdauer-Training lassen die Einberufungsärzte sozialer Unruhen im Musterungszimmer gewiss sehr breit grinsen. Es liegt mehr an meinem geistigen Ist-Zustand, welcher meine Visionen sorgenfaltet. Und zerknitterte Zukunftspläne taugen nun einmal nicht als Blaupause einer gesellschaftlichen Veränderung. Was meine intellektuelle Beschaffenheit betrifft, so ist es jedoch nun aber nicht so, dass ich nicht mehr wüsste, was eins und eins ergibt, und dass das Dänische Bettenhaus kein Puff mit blond bezopften Ein-Liter-Dosen-Faxe-Bier saufenden Mannsweibern ist. Mir sind halt nur mit den Jahren die Gründe fürs Rebellieren flöten gegangen. In meiner Jugend, da war ich standesgemäß gegen Alles und Jeden. Ich glaubte an die Möglichkeit einer besseren Welt, ohne im hinterm pickeligen Gesicht gelagerten Gehirn zu erkennen, dass eine bessere Welt erst einmal bessere Menschen voraussetzt. Und bessere Menschen sind nicht nur in der von Mangelwirtschaft geprägten sozialistischen Volkswirtschaft eine äußerst rare Bückware. Anders formuliert: selbstlose Menschen sind die Blaue Mauritius unter dieser Spezies. 

Im Grunde beruht doch auch jede Revolution nur darauf, dass das einzelne Subjekt einfach nur mehr besitzen möchte. Unter dem dünnen Mäntelchen der Gleichheit und Brüderlichkeit hängt man also die besser begüterten Brüder an die nächste Laterne und verteilt deren Fuhrpark an die Mittellosen. Selbst wenn diese gar keine Fahrerlaubnis haben. Dies ist natürlich nur eine meinem minderem Auffassungsvermögen geschuldete Vereinfachung des revolutionären Gedankens. Doch reicht meine Geisteskraft aber immerhin aus, dass die Marxsche Vorgabe, die Produktionsmittel notfalls auch mit Gewalt in die Hände der Arbeitnehmerschaft zu geben, mich kräftigst schüttelt. Wer will schließlich schon ein mehrere Hundert Meter langes Montageband von VW in seiner Wohnstube stehen haben. 

Doch nicht nur das Wogegen und Wofür, auch das vage Wie lässt meine Kampfeslust lustlos hinterm Ofen kauern. Mag ein brennendes Auto als Signal des Aufbegehrens auch dem aktuellen Protestmodetrend entsprechen, so macht es doch – außer kaum zu beseitigenden Schäden an Sitzbezügen und Lack – nicht einen einzigen Menschen satt. Auch das beliebte Plündern von Geschäften ist zumeist nur ein Zeichen von persönlicher Bereicherungssucht, denn noch nie habe ich davon gehört, dass auch nur einer der Plünderer jemals das geklaute Fernsehgerät in die notleidenden Gebiete Afrikas oder Asiens schickte. Es flimmert nur in seiner vom verhassten Sozialstaat finanzierten Suite.

Auch das Wissen, dass bis heute doch noch jedes politische und wirtschaftliche System wegen mannigfacher Fehler zerbrach, und auch das jetzige irgendwann den Bach der Zeit runtergehen wird, lässt mich statt Autos lieber meinen Grill anzünden. Ich möchte nämlich nicht als der Königsmacher eines neuen, aber schon von Anbeginn dem Untergang geweihten Systems gelten. Denn selbst das leben mittig zwischen Sklaverei und Schlaraffenland lässt den Menschen irgendwann “Viva la Revolution!” schreien und böse marodieren, nur weil irgendein Idiot mal wieder mehr in Nähe des Schlaraffenlandes wohnen möchte. 

Aber trotz allem Argwohn rufe ich gedanklich den 1.Mai-Randalierern in allen Städten Deutschlands zu: Behaltet Eure Ideale stets im von Tränengas getrübten Auge! Denn vor uns liegt zwar keine bessere, aber eine  Welt, in der wir wenigstens unsere Unterwäsche länger tragen können!

Völker riecht die Signale!

 PS: Rhein in Flammen ist nicht mit dem Sturm auf die Bastille zu vergleichen!

Was Gesine schwant

Samstag, 25. April 2009

Ich halte nicht viel von der Idee des Partnertausches, weil, man weiß ja schließlich nie, was man dafür bekommt. Und meine Behausung droht, angesichts eines halben Lebens Krempel, welcher sich in allen Schränken und Schubladen bis in die hintersten Ecken drängt, sowieso alsbaldigst geräuschvoll auseinander zudriften. Eine äußerst unangenehme Vorstellung, da Häuser, die über ihre Grundstücksgrenzen hinaus anschwellen, bei sehr, sehr vielen Nachbarn denkbar schlecht ankommen. Und der soziale Frieden in unserer Straße ist keineswegs so dickhäutig, als dass die seltenen verbalen Rauferein dann nicht ruckizucki ins körperliche gleiten würden. Und dann haben wir, was Gesine Schwan uns drollig frisiert prophezeite: die Unruhen, die sich freilich in unserem Viertel bis dato nur bemerkbar machen, wenn die Kaschemmen samstäglich gegen Mitternacht ausspeien, was sich darauf mutig an Gartenzäunen und Mülltonnen vergeht. Im Detail also Unruhen, die viel weniger sozial geprägt, als denn durch alkoholaufgeblasenes Selbstbewusstsein im Verbund mit schreihalsigen Aggressionen, die sich ja immer dort breit machen, wo kleiner Geist dafür Platz lässt. Unruhen also, die weit weniger von der Wirtschaftskrise katalysiert, als denn viel mehr von der branntweinbedingten Verknappung eines unstofflichen Rohstoffes namens Verstand. 

Was mir allerdings gedanklich unfasslich. Schließlich, auch ich war über viele Jahre und Monate hinweg Bacchus und seinen beiden Spießgesellen Flaschenbier wie auch Weindestillat ein inniger Freund. Doch egal wie vernebelt ich im Kopfe auch war: nie kam es mir in den extrem angeheiterten Sinn, Mülltonnen zusammenzuschlagen und Gartenzäune zu entlatten. Ich schlief meinen Rausch aus, wo ich hinfiel, friedlich, kein böses Wort lallte über meine Lippen. Dass ich heute den Verlockungen der Vollsuffindustrie wiederstehe, liegt aber nicht daran, dass ich allen Bewusstsein vernebelnden Substanzen widerwillig und geläutert gegenüber stehe. Ich weiß einen Rausch durchaus zu schätzen: er ist die Auszeit in einem Spiel, welches ausnahmslos nur aus Fouls besteht. So würde ich Jonny Walker nie einen bösen Mann schimpfen wollen. Nur die Zombies, die schon in frühen Morgenstunden den Eingangsbereich des Getränkecenters belagern und von Entzug gezeichnet schwach an den Eingangstüren rütteln, waren und sind mir wankende Mahnmale, mir Grenzen zu ziehen, und diese nicht zu überschreiten. Schließlich stand in den zwar nie niedergeschriebenen jugendlichen Visionen meines einst noch vor mir liegenden Lebens keinesfalls, dass es mein innigster Berufswunsch sei, meinen zukünftigen Lebensunterhalt als Untoter zu verdienen. 

Und in diesem Sinne erlaube ich mir, der Gesine Schwan die Beruhigungspillen, dessen Hauptbestandteile aus im Mörser meines Schädels gestoßenen Gedanken bestehen, zu verabreichen. Denn die Unruhen, welche sie prophezeite, hat der deutsche Staat doch in weiser Voraussicht längst als Bedrohung seiner und der Oberschicht adipösen Existenz erkannt, und deshalb die Hartz4-Sätze derart gestaltet, dass sie zwar geradeso für Brot und Bier und Zigaretten reichen, aber eben nicht für Bücher und Theater, um in beidem eventuell Aufklärung über das wahre Wesen unseres Wirtschaftssystems zu erlangen. Tucholsky und Brecht in mittellosen Köpfen: dass lässt den Schlaf des Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt ganz gewiss sehr flach und sehr unruhig werden. Und sorgt bei Guido Westerwelle sicherlich für intellektuelle Erektionsstörungen. Die wahre Bedeutung von Hartz4 besteht doch darin, das Geld für Diesel und Benzin so knapp zu bemessen, dass es zwar noch für die Fahrt zum Getränkeshop reicht, aber eben  nicht für politisch motivierte Molotow-Cocktail-Füllungen. Und somit ist dafür gesorgt, dass in Deutschland nur Gartenzäune und Mülltonnen zu Bruch gehen. Aber keine Villen und Banken.

Also Gesine. Ganz locker bleiben. Und nicht immer nur sorgenvoll Locken um die Finger rollen. Die Grundmauern des deutschen Staates sind dank Brot und Spielen ziemlich massiv. Da könnte sich mein Haus ruhig mal ‘ne Scheibe von abschneiden.

Glasschaden

Mittwoch, 22. April 2009

Gestern kam mir die Meldung in die immaterielle Quere, dass, wenn der Hippocampus in Arsch/im Eimer/kaputt sei, man sein Auto nicht mehr findet. Dies ist, sofern das schrottige Fuhrwerk mindestens 9 Jahre alt, und man dazu die Abwrackprämie fest im linken oder rechten Auge, für den nun von güldener Münze halbseitig Geblendeten immerhin ein fiskalischer Verlust von 2500 Euro. Und 2500 Euro sind – wenn man nicht gerade eine Bank, und darüber hinaus insolvent ist, und somit alle Vorraussetzungen erfüllt, um von Vater Staat satt Steuergelder in den Allerwertesten geschoben zu bekommen – nicht gerade ein Pappenstiel. Was allerdings ein Pappenstiel ist, entzieht sich lautlos meiner Kenntnis, und soll somit bei meinen Überlegungen keinerlei Rolle spielen. Außer eventuell die, dass “kein Pappenstiel” nur eine Floskel, eine Phrase ist, welche für Nebensächlichkeit, Bagatelle und Lappalie steht, ohne dass ich mir aber erklären könnte, warum ausgerechnet ein Stiel aus Pappe dafür herhalten muss. Ein Argument wäre vielleicht, dass, wenn man statt Pappenstiel Käseperlmutter sagen würde, kein Mensch mehr einen Zusammenhang, einen Sinn im Satzgefüge finden könnte. Zur Probe aufs Exempel: Und 2500 Euro sind – wenn man nicht gerade eine Bank, und darüber hinaus insolvent ist, und somit alle Vorraussetzungen erfüllt, um von Vater Staat satt Steuergelder in den Allerwertesten geschoben zu bekommen – nicht gerade eine Käseperlmutter. Dies klingt – bei allem Wohlwollen gegenüber der eigenen zur Feder greifenden Person! – als Aussage doch echt Scheiße. Und ergibt außer sprachlichen Stuhl eben keinerlei zu verstehenden Zusammenhang. Dagegen ist der gute alte “Pappenstiel” ein Bildnis, welches im Synonymwortschatz des deutschen Volkes, zwischen all dem anderen hell glänzenden Geschmeide aus Buchstaben und Satzzeichen, vollkommen zurecht vor sich hin glitzert. Ein Status, welche der Käseperlmutter in auch näherer Zukunft kaum möglich sein sollte, einen solchen jemals zu erreichen. 

Nun ist der Hippocampus allerdings ein recht kleiner Bereich des menschlichen Gehirnes, mittig gelagert, und somit vor Schädigungen aller Art recht gut geschützt. Da muss man schon mächtig eins auf die Mütze bekommen, als dass der Hippocampus holterdiepolter die Flinte ins Korn wirft. Es bleibt einzig und allein die Möglichkeit der Teleportation, bei der, so hypothetische ich jetzt einmal vor mich hin, irgendein verrückter Wissenschaftler bei verantwortungslosen Versuchen hinter meterdicken Labortüren einen globigen Glasaschenbecher fehlteleportiert, und Zack! steckt der in Herrn Müllers Hippocampus! Dann ist der hochwahrscheinlich futsch. Der Hippocampus. Denn Glasaschenbecher sind des Menschen Hirnes größter Feind, jedenfalls, wenn sie aus dem Nichts heraus urplötzlich zentripetal im Kopf stecken. 

Nun sehe ich in Gedanken diejenigen kräftig Haupt samt Haar schütteln, die in Sachen Forschung stets auf dem neuesten Stand, ganz egal, wie alt dieser auch ist, sind, und deshalb Teleportation nur für eine Mär whiskygetränkter Star-Trek-Autoren halten.  

Doch ich erlaube mir zu beweisen, dass diese Mär längst beinharte Realität ist. Denn wie ließe es sich sonst erklären, dass die FDP, die ich hier ohne Angst vor staatsanwaltlichen Repressalien zu haben als den Sturmtrupp der über uns herein gebrochenen Finanzkatastrophe bezeichne, dass genau diese FDP sich über Umfragewerte von 18 Prozent Löcher in die gelbblauen Ärsche lachen darf, wenn nicht, für allesamt leider unsichtbar, klobige Glasaschenbecher in der befragten Wähler Köpfe stecken? Doofheit wäre auch eine Erklärung. Aber bei Weitem nicht so unterhaltsam.