Was Gesine schwant

Ich halte nicht viel von der Idee des Partnertausches, weil, man weiß ja schließlich nie, was man dafür bekommt. Und meine Behausung droht, angesichts eines halben Lebens Krempel, welcher sich in allen Schränken und Schubladen bis in die hintersten Ecken drängt, sowieso alsbaldigst geräuschvoll auseinander zudriften. Eine äußerst unangenehme Vorstellung, da Häuser, die über ihre Grundstücksgrenzen hinaus anschwellen, bei sehr, sehr vielen Nachbarn denkbar schlecht ankommen. Und der soziale Frieden in unserer Straße ist keineswegs so dickhäutig, als dass die seltenen verbalen Rauferein dann nicht ruckizucki ins körperliche gleiten würden. Und dann haben wir, was Gesine Schwan uns drollig frisiert prophezeite: die Unruhen, die sich freilich in unserem Viertel bis dato nur bemerkbar machen, wenn die Kaschemmen samstäglich gegen Mitternacht ausspeien, was sich darauf mutig an Gartenzäunen und Mülltonnen vergeht. Im Detail also Unruhen, die viel weniger sozial geprägt, als denn durch alkoholaufgeblasenes Selbstbewusstsein im Verbund mit schreihalsigen Aggressionen, die sich ja immer dort breit machen, wo kleiner Geist dafür Platz lässt. Unruhen also, die weit weniger von der Wirtschaftskrise katalysiert, als denn viel mehr von der branntweinbedingten Verknappung eines unstofflichen Rohstoffes namens Verstand. 

Was mir allerdings gedanklich unfasslich. Schließlich, auch ich war über viele Jahre und Monate hinweg Bacchus und seinen beiden Spießgesellen Flaschenbier wie auch Weindestillat ein inniger Freund. Doch egal wie vernebelt ich im Kopfe auch war: nie kam es mir in den extrem angeheiterten Sinn, Mülltonnen zusammenzuschlagen und Gartenzäune zu entlatten. Ich schlief meinen Rausch aus, wo ich hinfiel, friedlich, kein böses Wort lallte über meine Lippen. Dass ich heute den Verlockungen der Vollsuffindustrie wiederstehe, liegt aber nicht daran, dass ich allen Bewusstsein vernebelnden Substanzen widerwillig und geläutert gegenüber stehe. Ich weiß einen Rausch durchaus zu schätzen: er ist die Auszeit in einem Spiel, welches ausnahmslos nur aus Fouls besteht. So würde ich Jonny Walker nie einen bösen Mann schimpfen wollen. Nur die Zombies, die schon in frühen Morgenstunden den Eingangsbereich des Getränkecenters belagern und von Entzug gezeichnet schwach an den Eingangstüren rütteln, waren und sind mir wankende Mahnmale, mir Grenzen zu ziehen, und diese nicht zu überschreiten. Schließlich stand in den zwar nie niedergeschriebenen jugendlichen Visionen meines einst noch vor mir liegenden Lebens keinesfalls, dass es mein innigster Berufswunsch sei, meinen zukünftigen Lebensunterhalt als Untoter zu verdienen. 

Und in diesem Sinne erlaube ich mir, der Gesine Schwan die Beruhigungspillen, dessen Hauptbestandteile aus im Mörser meines Schädels gestoßenen Gedanken bestehen, zu verabreichen. Denn die Unruhen, welche sie prophezeite, hat der deutsche Staat doch in weiser Voraussicht längst als Bedrohung seiner und der Oberschicht adipösen Existenz erkannt, und deshalb die Hartz4-Sätze derart gestaltet, dass sie zwar geradeso für Brot und Bier und Zigaretten reichen, aber eben nicht für Bücher und Theater, um in beidem eventuell Aufklärung über das wahre Wesen unseres Wirtschaftssystems zu erlangen. Tucholsky und Brecht in mittellosen Köpfen: dass lässt den Schlaf des Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt ganz gewiss sehr flach und sehr unruhig werden. Und sorgt bei Guido Westerwelle sicherlich für intellektuelle Erektionsstörungen. Die wahre Bedeutung von Hartz4 besteht doch darin, das Geld für Diesel und Benzin so knapp zu bemessen, dass es zwar noch für die Fahrt zum Getränkeshop reicht, aber eben  nicht für politisch motivierte Molotow-Cocktail-Füllungen. Und somit ist dafür gesorgt, dass in Deutschland nur Gartenzäune und Mülltonnen zu Bruch gehen. Aber keine Villen und Banken.

Also Gesine. Ganz locker bleiben. Und nicht immer nur sorgenvoll Locken um die Finger rollen. Die Grundmauern des deutschen Staates sind dank Brot und Spielen ziemlich massiv. Da könnte sich mein Haus ruhig mal ‘ne Scheibe von abschneiden.

6 Antworten zu “Was Gesine schwant”

  1. BeastyBasti sagt:

    Hey nix gegen den Alkohol! Wenn der das Volk nicht in Zaum halten würde, dann hätte Dein Nachbar nicht nur noch weniger Latten am Zaun, sonder ich auch viel weniger Sex vor der Ehe!

    Im übrigen glaube ich das das Volk echt nicht zu retten ist. Zu ‘nem ordentlichen Volksaufstand kommt man nänmlich auch zu Fuß und wenn es für den Brandsatz finanziel nicht ausreicht, dann sei jedem mein Wahlspruch nahegelegt:
    “Zwischen Bänkerstirn und Nasenbein, passt immernoch ein Pflasterstein!”

    Plastersteine gibt es gratis! Und um die aufzuheben, erfüllen wohl die meisten unserer Mitmenschen die Vorraussetzungen. Die lernt man nämlich im Leben von ganz alleine: Man muss sich nur bücken.

  2. Kolumnistenschwein sagt:

    @BB
    Pflastersteine gibt es gratis??? Ich glaube, da muss ich nochmal ernsthaft mit der Gemeinde um die Höhe der von mir geforderten Straßenausbau-Gebühr verhandeln …

    Spaß beiseite: ich halte auch nichts von Pflastersteinen, wie ich auch Mollis nicht gut heiße. Nach dem Krawall ist doch auch stets vor dem Krawall, da wir diejenigen, die wir für schuldig halten, nur austauschen gegen die, die sich dann schuldig machen. Lösungen? Nicht das ich wüsste.

  3. brezelbuh sagt:

    Das ist mal ein prima Beitrag, auch wenn er nur einen Teil der Gründe nennt, warum Gesine locker bleiben kann.

    Richtig ist, Bildung ist wichtig. Das haben ja auch unsere Politiker und auch Gesine erkannt. Und wichtiger, auch ein Herr Hundt und mit ihm alle Industrie und Wirtschaftsbosse. Man braucht ja gut ausgebildete Fachkräfte.

    Mir “schwant” nur, dass die eine ganz andere Vorstellung von Bildung haben als wir.

    Deutschland, ein Volk von Dichtern und Denkern????
    Da muss ich mal drüber nachdenken.

    Gruß

  4. Kolumnistenschwein sagt:

    @brezelbuh

    “auch wenn er nur einen Teil der Gründe nennt”

    Ich wollte mir halt noch was für später aufsparen …

  5. brezelbuh sagt:

    “Ich wollte mir halt noch was für später aufsparen …”

    Und da freu ich mich schon drauf. Sollte auch keine Kritik sein.
    Gruß

  6. Mo sagt:

    @ brezelbuh,
    Du Weichei ;-)