Ein Text voller Brandsätze

Ich denke, ab einem gewissen Lebensalter taugt man nicht mehr zum Revolutionär. Nicht dass es dem einen oder anderen Menschen in höherem Alter an fragwürdigen Weltverbesserungsideen mangelt. Das standrechtliche Erschießen in Zusammenhang mit freier Liebe und dem längeren Tragen der Unterwäsche galt von je her in Kreisen auch geistig unrasierter Querulanten als das Hohelied gesellschaftlicher Veränderung.  Es ist mehr der körperliche Verschleiß, welcher den fleischgewordenen Hybrid aus Freiheitsdrang und Verfolgungswahn zum Verstolpern aller Ideale zwingt. Schließlich sind Munitionskisten erfahrungsgemäss nicht mit Zuckerwatte gefüllt. Und ein Brandsatz, welchen man mangels Kraft auf die eigenen Füße fallen lässt, ist als flammendes Symbol eines am System rüttelnden Aufstandes nicht einen einzigen Pfifferling wert. Selbstverbrennungen aus Ungeschick taugen eben nicht, der Zielgruppe ein leuchtendes Vorbild zu sein. Wer einmal bis zum Halse im Löschschaum steckt, der ist eindeutig durch die praktische Prüfung des Abendschulkurses für angehende Revolutionsführer gefallen. 

Auch die im Alter schwindende Kondition macht es dem Pseudo-Rudi-Dutschke nicht gerade leichter. Man gibt halt keine gute Figur, wenn man einerseits zum Sturm auf Berlin bläst, einem aber andererseits bereits kurz hinter der eigenen Haustüre die Puste ausgeht. Und die Hoffnung, dass sich die auf der gegenüberliegende Seite des Schützengraben liegenden Kampfverbände von BDI, Banken und Lobbyisten darüber totlachen, ist sehr trügerisch. Doch nur einigen der adipösen Gesellschaftshinterbänkler gelingt es, ihren geradezu konterrevolutionären körperlichen Zustand zu kaschieren, indem sie verlautbaren, sie wären nicht fetter, sondern nur friedlicher geworden. Statt zu blutigem Hauen und Stechen reicht es da nur noch zu Mahnwachen. Oder zu einer Menschenkette, die, hier denkt der Che in spe ganz triebgesteuert und pragmatisch, nur aus ihm und seiner Frau besteht. Und man knüpft sie bürgerlich regelgerecht zumeist nur im ehelichen Schlafgemach, wobei man sich – hier achte der Leser sehr genau aufs Detail – weniger bei den Händen packt, als denn vielmehr an Penis und Vulva. Penetrieren statt Protestieren: Gesellschaftskritik im Wandel der eigenen Lebenszeit. 

Auch meiner Wenigkeit ist der revolutionäre Saft schon vor längerer Zeit ausgegangen. Körperlich, rein körperlich wäre ich wohl noch dazu in der Lage, meterhohe Barrikaden aus Straßencafemobiliar, Mülltonnen und überfahrenen Katzen zu stapeln. Mäßiges Übergewicht und dreimal die Woche ein zügiges Kraft-Ausdauer-Training lassen die Einberufungsärzte sozialer Unruhen im Musterungszimmer gewiss sehr breit grinsen. Es liegt mehr an meinem geistigen Ist-Zustand, welcher meine Visionen sorgenfaltet. Und zerknitterte Zukunftspläne taugen nun einmal nicht als Blaupause einer gesellschaftlichen Veränderung. Was meine intellektuelle Beschaffenheit betrifft, so ist es jedoch nun aber nicht so, dass ich nicht mehr wüsste, was eins und eins ergibt, und dass das Dänische Bettenhaus kein Puff mit blond bezopften Ein-Liter-Dosen-Faxe-Bier saufenden Mannsweibern ist. Mir sind halt nur mit den Jahren die Gründe fürs Rebellieren flöten gegangen. In meiner Jugend, da war ich standesgemäß gegen Alles und Jeden. Ich glaubte an die Möglichkeit einer besseren Welt, ohne im hinterm pickeligen Gesicht gelagerten Gehirn zu erkennen, dass eine bessere Welt erst einmal bessere Menschen voraussetzt. Und bessere Menschen sind nicht nur in der von Mangelwirtschaft geprägten sozialistischen Volkswirtschaft eine äußerst rare Bückware. Anders formuliert: selbstlose Menschen sind die Blaue Mauritius unter dieser Spezies. 

Im Grunde beruht doch auch jede Revolution nur darauf, dass das einzelne Subjekt einfach nur mehr besitzen möchte. Unter dem dünnen Mäntelchen der Gleichheit und Brüderlichkeit hängt man also die besser begüterten Brüder an die nächste Laterne und verteilt deren Fuhrpark an die Mittellosen. Selbst wenn diese gar keine Fahrerlaubnis haben. Dies ist natürlich nur eine meinem minderem Auffassungsvermögen geschuldete Vereinfachung des revolutionären Gedankens. Doch reicht meine Geisteskraft aber immerhin aus, dass die Marxsche Vorgabe, die Produktionsmittel notfalls auch mit Gewalt in die Hände der Arbeitnehmerschaft zu geben, mich kräftigst schüttelt. Wer will schließlich schon ein mehrere Hundert Meter langes Montageband von VW in seiner Wohnstube stehen haben. 

Doch nicht nur das Wogegen und Wofür, auch das vage Wie lässt meine Kampfeslust lustlos hinterm Ofen kauern. Mag ein brennendes Auto als Signal des Aufbegehrens auch dem aktuellen Protestmodetrend entsprechen, so macht es doch – außer kaum zu beseitigenden Schäden an Sitzbezügen und Lack – nicht einen einzigen Menschen satt. Auch das beliebte Plündern von Geschäften ist zumeist nur ein Zeichen von persönlicher Bereicherungssucht, denn noch nie habe ich davon gehört, dass auch nur einer der Plünderer jemals das geklaute Fernsehgerät in die notleidenden Gebiete Afrikas oder Asiens schickte. Es flimmert nur in seiner vom verhassten Sozialstaat finanzierten Suite.

Auch das Wissen, dass bis heute doch noch jedes politische und wirtschaftliche System wegen mannigfacher Fehler zerbrach, und auch das jetzige irgendwann den Bach der Zeit runtergehen wird, lässt mich statt Autos lieber meinen Grill anzünden. Ich möchte nämlich nicht als der Königsmacher eines neuen, aber schon von Anbeginn dem Untergang geweihten Systems gelten. Denn selbst das leben mittig zwischen Sklaverei und Schlaraffenland lässt den Menschen irgendwann “Viva la Revolution!” schreien und böse marodieren, nur weil irgendein Idiot mal wieder mehr in Nähe des Schlaraffenlandes wohnen möchte. 

Aber trotz allem Argwohn rufe ich gedanklich den 1.Mai-Randalierern in allen Städten Deutschlands zu: Behaltet Eure Ideale stets im von Tränengas getrübten Auge! Denn vor uns liegt zwar keine bessere, aber eine  Welt, in der wir wenigstens unsere Unterwäsche länger tragen können!

Völker riecht die Signale!

 PS: Rhein in Flammen ist nicht mit dem Sturm auf die Bastille zu vergleichen!

9 Antworten zu “Ein Text voller Brandsätze”

  1. Frankie sagt:

    Na, schönen Dank auch!! Wollte am Freitag ins Dänische Bettenhaus. Nun wohl eher Leseabend angesagt. Viagra dem Kater gegeben, Florian Silbereisen-CD bereit gelegt.

  2. brezelbuh sagt:

    Autos abfackeln, statt abwracken. Davon würden besonders deutsche Hersteller von Premiummarken profitieren.
    Und – die Karre muss nicht neun Jahre alt sein und muss noch nicht mal auf mich zugelassen sein. (Weißt du wo das her ist?)

    Gruß

  3. Kolumnistenschwein sagt:

    @Frankie
    1. Mai ist Kampf- und Feiertag der werktätigen Klasse! Da geht man nicht ficken!

    @brezelbuh
    Ein aus dem Kontext gerissener Textfetzen eines gewissen Kolumnistenschweines?
    Nachtrag: Quatsch, habe es eben gesehen: Herr Pelzig in “Neues aus der Anstalt” vom 28.04.! Klasse! Und Danke, ZDF-Mediathek!

  4. Mo sagt:

    Kolumnistenschwein,
    hiermit gebe ich bekannt, dass Deine Sorgen nicht meine Sorgen sind.

  5. brezelbuh sagt:

    @Kolumnistenschwein
    Yep, war genial die Sendung.

  6. BeastyBasti sagt:

    Standing Ovation

    Auch wenn ich etwas enttäuscht über die ausgefallenen Weltrevolution bin…

  7. Kolumnistenschwein sagt:

    @Mo
    Man nenne Dich einen Glückspilz!

    @Beastybasti
    Nicht traurig sein. Wir werden die Welt schon noch kaputt kloppen. Notfalls auch ohne Ziel und Sinn.

    PS: Du darfst Dich wieder setzen.

  8. Dazedandconfused sagt:

    Wie?? Am 1. Mai geht man nicht ficken? Was war denn mit “Völker hört die Signale” und “It’s about what people need”? Habe ich da wieder was nicht richtig verstanden? So eine Schande..

  9. thukydides sagt:

    Empfehle Umfunktionierung des Montagebands in Theke, um Bedenken zu beseitigen.