Archiv für Mai 2009

Gewichtige Gründe für die Novellierung des Ladenschlussgesetzes

Sonntag, 31. Mai 2009

Hass auf das andere Individuum, so vermute ich, wächst proportional zur Verkleinerung des zeitlichen und räumlichen sowie emotionalen Abstandes zwischen den einzelnen Personen. Je enger die Menschen in Zeit und Raum wirken müssen, umso mehr kommen im Subjekt Gefühle hoch, die dem ähneln, was man meint, wenn man sagt, es käme einem gleich hoch. Zu mir fremden Menschen, wie zum Beispiel der Verkaufskraft eines Supermarktes, zu der habe ich ein ausgesprochen gutes Verhältnis. Solange mir die Dame gebührlich entgegen kommt und gleichzeitig das Wechselgeld korrekt bis auf Heller und Pfennig und ohne jedes vernehmbares Knurren herausgibt, solange lasse ich gediegene Humanität und glockenhelle Freundlichkeit aus meinem Halse hängen, raspele Süßholz, bis dass die verzuckerten Späne nur so fliegen. Überhaupt scheint der komplette Supermarkt ein Hort der Friedlichkeit, recht selten schmeißt das Bedienpersonal hier Fremden Katzenfutterdosen und preisgesenkte Avocados an den Kopf. Man respektiert einander. Man zeigt, man hat Benehmen, und hat man Knigge auch niemals gelesen, so hat man doch wenigstens schon von diesem gehört, was augenscheinlich beträchtlich dazu beiträgt, dass Verkaufskräfte Kunden nicht wahllos verprügeln und Kunden Kassiererinnen nicht würgen. Jedenfalls nicht grundlos. Reklamationen, die sich mehr auf Ahnungslosigkeit, als auf solides Wissen gründen, gelten bekanntlich als Auslöser blutiger marktinterner Keilerein. Ich jedenfalls kann mich sehr gut daran erinnern, wie ich mich über das angeblich unlängst vergangene Mindesthaltbarkeitsdatum einer Dosensuppe echauffierte, welches sich innerhalb eines recht ruppigen Kundengespräches aber als Herstellungsdatum entpuppte, was den Doseninhalt doch noch als recht jung daherkommen ließ. Doch im Großen und Ganzen sind Verkaufspersonal und Kunden sich einander grün, weil gegenseitig fremd, getreu dem Motto, dass man hier Mensch ist, und somit auch sein darf.

Doch wie sieht es mit der Menschlichkeit unter dem Verkaufspersonal aus? In vielen Fällen kennt man sich über Jahre hinweg, kennt somit die Schwächen des Kollegen, und kommen erst soziale Zwänge ins Spiel, dann ist’s schnell aus damit, was die Vorgaben eines Herrn Knigge betrifft. Denn ist es erst einmal amtlich, dass 30 Prozent des Innenpersonals binnen des nächsten halben Jahres per Kündigung zum Außenpersonal degradiert werden sollen, dann werden aus Kollegen schnell Choleriker, und der Hang und Drang zum Existieren lässt nun sehr wohl zu Katzenfutterdose und Avocado greifen, wenn auch mehr verbal und hintenrum. Es kommt zum Klassenkampf, der, vielleicht aus politischer Unbelesenheit heraus, nicht von unten nach oben, sondern zur Seite hin geführt wird. Weil man eben in Raum und Zeit aneinandergedrängt ist, kochen die Emotionen in den Kesseln des Verstandes über schwachem intellektuellem Feuer hoch, erzeugen Überdruck, was zwangsläufig zu Dampf ablassen führt. Und die, die nur eine dünne Haut zu Markte tragen, die tragen dadurch schwerste soziale Verbrennungen davon. Asche zu Asche. Die schützende Fremdheit, die zwischen Kunden und Personal noch wie ein Polster wirkt, ist hier nicht vorhanden. Das “Du” ist das Loch in dem das Ich schützenden Maschendrahtzaun, an welchem die mentale Blechschere ansetzt wird, um die Angriffsfläche Mensch weiter zu vergrößern. Und selbst wenn der Knigge im Pausenraum ausliegen sollte, so wird er doch nur noch dazu genutzt, um aufeinander einzuschlagen. 

Noch extremer wird das Verhältnis zwischen Menschen allerdings, wenn es noch inniger ist, Raum und Zeit also kaum noch Lücken zwischen diesen lassen. Zum Beispiel, wenn ich eine der Kassiererinnen geehelicht habe. Denn das, was wir Liebe nennen, ist nur die Säure, die innerhalb kürzester Zeit den Schutzmantel des Individuums löchert und bis zum Nichtvorhandensein zerfrisst. Und dann steht und liegt man sich schutzlos gegenüber, nackt bis auf den Grund des Herzens, und jedes Wort, jede Geste kann absolut tödlich sein, weil man genau weiß, wo das Lindenblatt der Vertrautheit einen Punkt der Schwäche hinterließ, auch wenn man gemeinsam über Jahre im Drachenblut der Liebe badete. So wie man sich nah kam, so entfernte man einander. 

In solch einem vorgerücktem Zustand menschlichen Miteinanders fliegen allerdings keine Katzenfutterdosen mehr. Man serviert es nur einander. So gesehen sollte sie Welt mehr Supermarkt als Standesamt sein. Mit großzügigen Öffnungszeiten. 

Bitte, bitte!

Donnerstag, 28. Mai 2009

Er starb, so entnahm ich einer auf eine vermutlich frisch verschiedene Person gemünzten Todesanzeige, nach einem arbeitsreichen und erfülltem Leben. Das ist traurig. Also nicht, dass er gehen musste. Wir müssen schlussendlich ja alle einmal gehen. Dies ist eine zutiefst tröstende Konstante, denn der Gedanke, da gibt es Leute, die müssten nicht irgendwann gehen, erschreckt. Denn dann könnte es ja durchaus sein, dass es einen selber erwischt. Und dann tritt man unruhig von einem morschen Fuß auf den anderen, will aber ums verrecken nicht verrecken, hat dabei jedoch vielleicht mit seinem Leben längst abgeschlossen. Eine Konstellation, die nicht das Zeug dazu zu haben scheint, den Betroffenen zum glücklichsten Lebewesen unter der Sonne zu machen. Das Leben ist ja schließlich kein alter Koffer, den man nach Belieben auf- und abschließen kann. Und zumeist hat man, sobald man sein Leben erst einmal abgeschlossen hat, man den Schlüssel dazu doch längst unauffindbar in den Morast des sozialen Miteinanders getreten. Wäre das Leben indes ein Koffer, so wäre es dieses auch nicht ohne Probleme, aber nicht, was dass mögliche Auf- und Abschließen jenes Gepäckstückes beträfe. Doch es würde mir garantiert ungemein Schwierigkeiten bereiten, zu erklären, was zum Henker noch mal ein Leben einen Koffergriff braucht. Doch traurig, traurig wäre dies alles nicht.

Traurig allein ist, dass der Dahingegangene ein arbeitsreiches und erfülltes Leben hatte. So war er doch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einer jener Dritten. Einer jener Dritten, die in Deutschland unter Stress leiden. Und Stress ist, wenn man auch sonst nicht viel hat, worauf man zeit seines Lebens gerne verzichtet. Weil Stress sorgt dafür, dass der Körper eimerweise Adrenalin und Cortisol ausschüttet. Und diese beiden Hormone sind wie Verkehrspolizisten: sie erfüllen zwar unzweifelhaft irgendeinen Zweck, man ist aber dennoch verdammt froh, wenn man nichts mit ihnen zu tun hat. Adrenalin steigert nämlich die Herzfrequenz und den Blutdruck. Soll heißen: das Herz pumpt und pumpt und das Blut drückt und drückt, bis die Gefäßwände einen auf Berliner Mauer machen, soll heißen: sie stürzen ein. Und Cortisol gilt als Auslöser für Morbus Cushing, einer Krankheit, die mit den Symptomen eines rundes Mondgesichtes, dünnen Armen und Beinen, einem dicken Rumpf mit Büffelnacken, einer Gewichtszunahme, verringerter Muskelmasse und erhöhter Knochenbrüchigkeit, sowie  Störungen des Kohlenhydratstoffwechsel, welcher sich mit erhöhtem Durst und häufigem Wasserlassen bemerkbar macht, und Impotenz  daher kommt. 

Wenn nun aber bedeutet, dass, wer ein arbeitsreiches und somit erfülltes Leben hat, mondgesichtig mit dünnen Armen und dünnen Beinen und einem dicken Rumpf plus Büffelnacken durchs Leben gehen muss, dazu ständig am saufen und pinkeln ist, sich fortwährend irgendeinen Knochen bricht und – um dem  Ganzen noch die Krone aufzusetzen – unter mangelnder Standfestigkeit im Schritt leidet, dazu auch noch Gefäße wie die Berliner Mauer hat, so sage ich hier ehrlich und offen: möge mein zukünftiges Leben arm an Arbeit und unerfüllt wie die Träume so zahlreicher DSDS-Teilnehmerinnen sein!

So betrachte ich es auch nicht als Schande, in einer mir in ungeahnter Zukunft gewidmeten Todesanzeige eventuell als fauler zielloser Sack bezeichnet zu werden. Es gibt weitaus schlimmeres. Büffelnacken zum Beispiel.

Wenn die Eisbombe tickt

Sonntag, 24. Mai 2009

Wenn man mich fragen würde, welches Erlebnis mir vom gestrigen Tage wie in Stein gemeißelt in Erinnerung blieb, so würde ich wahrheitsgemäß antworten müssen: Ich habe an jenem denkwürdigen Tage das schlechteste Eis meines Lebens gegessen. 

Ich weiß nicht, was unter denkbar günstigen Umständen dabei heraus kommen kann, wenn man entrahmte  Milch, Molkenerzeugnis, Glukose-Fruktose-Sirup, Zucker und Pflanzenfett, Wasser und  Mono- und Diglyceride von Speisefettsäuren, dazu Stärke, die Stabilisatoren Johannesbrotkernmehl und Guarkernmehl, den Farbstoff Carotine und Aroma miteinander mischt. Ich weiß nur, Vanilleeis gewiss nicht. 

Dies wäre ja auch an sich gar kein größeres Problem, wenn auf der Packung, die diese wunderliche Mixtur enthält, diese als Abdichtmasse für Abflussrohre, Ausgleichmasse für Parkettverlegearbeiten, oder auch als Handwaschpaste deklariert wäre. Aber nein, die Damen und Herren des Lebensmitteldiscounters, der jeden Tag angeblich ein wenig besser sein möchte, bestanden in einer ihrer Vorstandsitzungen wohl hartnäckigst darauf, dieses Produkt – alle ungünstigen Vorzeichen ignorierend – als “Vanilleeis” zu bezeichnen, und dem blauäugigen Kunden in ihren Tiefkühltruhen zum Fraße vorzuwerfen. 

Gewiss lässt sich sagen, dass die Geschmäcker nun einmal verschieden sind. Und ein Vanilleeis, welches laut aufgedruckter Liste der Inhaltsstoffe nicht einmal Vanille enthält, sollte den Verbraucher sanftmütig über die geschmacklichen Lücken hinwegschmecken lassen. Was in den Laboren der Lebensmittelindustrie das Licht der Welt erblickt, wird nun einmal grundsätzlich von den Lebensmittelproduzenten nicht danach beurteilt, ob es ein neuer Höhepunkt weltkulinarischer Entwicklung ist. Es geht einzig und allein darum, wie es möglichst preiswert produziert und mit möglichst hohem Profit verkauft werden kann. Und wenn die Tests auf Verträglichkeit hin dazu ergeben, dass möglichst wenig Menschen unter schweren Krämpfen am neu kreierten  Produkt krepieren, haben Doktor Oetker und Co. ihre leidliche Pflicht getan. 

Solch eine Handlungsweise ist nicht weiter verwerflich. Man nennt es Marktwirtschaft und auch ich habe sie 1989 mit schwankenden Ovationen begrüßt, und kann zu meiner Entschuldigung nur sagen: ich esse ansonsten ja eigentlich nur Schokoladeneis! Eine solche Entschuldigung ist zwar verdammt schwachbrüstig und entbehrt zweifelsohne jeglichem Grund auf  Nachsicht gegenüber meiner Person. Zu meiner Entschuldigung kann ich aber nur sagen: es ist nun einmal so. Denn zum benannten Eise kam ich wie die Jungfrau Maria zum Kind. Ich habe es nicht gekauft, sondern auf der Suche nach Essbarem im Tiefkühlfach des familiären Gefrierschrankes gefunden. Oder besser gesagt: es fand mich. Denn es rutsche von einer Packung Pizzas herunter mir direkt in die Arme, was ich als süße Vorsehung empfand, der ich mich, mehr gelangweilt als hungrig, willenlos beugen wollte. 

Dass ich, nach dem ich den Löffel erst in die Packung und dann in meinen Mund steckte, einer geschmacklichen Täuschung bzw. Ertäuschung erlag, hängt aller Wahrscheinlichkeit mit meinen verstaubten Wertvorstellungen zusammen. Oder noch mehr mit meinen gleichfalls altbackenen Erwartungen, die ich sehr am geschriebenen und gesprochenen Wort festmache. Dies bedeutet aus meiner Sichtweise heraus, dass, wo Schokoladeneis draufsteht, auch welches darinnen sein soll. Gleiches gilt für Fruchteis. Und für Vanilleeis sowieso. Die einzige Ausnahme, die ich bei genauer Eisbezeichnung und bei gleichzeitig ungenauem geschmacklichen Zustand zulasse, ist das bei Kindern beliebte blaue Schlumpfeis, da ich davon ausgehe, dass eigentlich kein Mensch genau weiß, wie Schlümpfe eigentlich munden. 

Kurz und knapp: was die Verpackung verspricht, sollte der Inhalt nicht brechen. Eine Problematik, die, auf die bevorstehenden Wahlen bezogen, für mich gewiss noch an Gewicht zulegen wird. Denn das miese Eis, dass verließ mich heute morgen. Eine miese Partei, die habe ich mindestens vier Jahre am Hals.

Nachtrag: Der Discounter, der jeden Tag ein wenig besser sein möchte, vertreibt das von mir kritisierte Eis nicht als Vanilleeis, sondern als “Eis mit Vanillegeschmack”. Diese vom Gesetzgeber zugelassene Haarspalterei erlaubt es, in Deutschland “Vanilleeis” zu veräußern, welches statt Vanille nur synthetische Aromen enhält. Dennoch bleibt es bei meinem Urteil, welches wie folgt lautet: Bäh!