Wenn die Eisbombe tickt
Wenn man mich fragen würde, welches Erlebnis mir vom gestrigen Tage wie in Stein gemeißelt in Erinnerung blieb, so würde ich wahrheitsgemäß antworten müssen: Ich habe an jenem denkwürdigen Tage das schlechteste Eis meines Lebens gegessen.
Ich weiß nicht, was unter denkbar günstigen Umständen dabei heraus kommen kann, wenn man entrahmte Milch, Molkenerzeugnis, Glukose-Fruktose-Sirup, Zucker und Pflanzenfett, Wasser und Mono- und Diglyceride von Speisefettsäuren, dazu Stärke, die Stabilisatoren Johannesbrotkernmehl und Guarkernmehl, den Farbstoff Carotine und Aroma miteinander mischt. Ich weiß nur, Vanilleeis gewiss nicht.
Dies wäre ja auch an sich gar kein größeres Problem, wenn auf der Packung, die diese wunderliche Mixtur enthält, diese als Abdichtmasse für Abflussrohre, Ausgleichmasse für Parkettverlegearbeiten, oder auch als Handwaschpaste deklariert wäre. Aber nein, die Damen und Herren des Lebensmitteldiscounters, der jeden Tag angeblich ein wenig besser sein möchte, bestanden in einer ihrer Vorstandsitzungen wohl hartnäckigst darauf, dieses Produkt – alle ungünstigen Vorzeichen ignorierend – als “Vanilleeis” zu bezeichnen, und dem blauäugigen Kunden in ihren Tiefkühltruhen zum Fraße vorzuwerfen.
Gewiss lässt sich sagen, dass die Geschmäcker nun einmal verschieden sind. Und ein Vanilleeis, welches laut aufgedruckter Liste der Inhaltsstoffe nicht einmal Vanille enthält, sollte den Verbraucher sanftmütig über die geschmacklichen Lücken hinwegschmecken lassen. Was in den Laboren der Lebensmittelindustrie das Licht der Welt erblickt, wird nun einmal grundsätzlich von den Lebensmittelproduzenten nicht danach beurteilt, ob es ein neuer Höhepunkt weltkulinarischer Entwicklung ist. Es geht einzig und allein darum, wie es möglichst preiswert produziert und mit möglichst hohem Profit verkauft werden kann. Und wenn die Tests auf Verträglichkeit hin dazu ergeben, dass möglichst wenig Menschen unter schweren Krämpfen am neu kreierten Produkt krepieren, haben Doktor Oetker und Co. ihre leidliche Pflicht getan.
Solch eine Handlungsweise ist nicht weiter verwerflich. Man nennt es Marktwirtschaft und auch ich habe sie 1989 mit schwankenden Ovationen begrüßt, und kann zu meiner Entschuldigung nur sagen: ich esse ansonsten ja eigentlich nur Schokoladeneis! Eine solche Entschuldigung ist zwar verdammt schwachbrüstig und entbehrt zweifelsohne jeglichem Grund auf Nachsicht gegenüber meiner Person. Zu meiner Entschuldigung kann ich aber nur sagen: es ist nun einmal so. Denn zum benannten Eise kam ich wie die Jungfrau Maria zum Kind. Ich habe es nicht gekauft, sondern auf der Suche nach Essbarem im Tiefkühlfach des familiären Gefrierschrankes gefunden. Oder besser gesagt: es fand mich. Denn es rutsche von einer Packung Pizzas herunter mir direkt in die Arme, was ich als süße Vorsehung empfand, der ich mich, mehr gelangweilt als hungrig, willenlos beugen wollte.
Dass ich, nach dem ich den Löffel erst in die Packung und dann in meinen Mund steckte, einer geschmacklichen Täuschung bzw. Ertäuschung erlag, hängt aller Wahrscheinlichkeit mit meinen verstaubten Wertvorstellungen zusammen. Oder noch mehr mit meinen gleichfalls altbackenen Erwartungen, die ich sehr am geschriebenen und gesprochenen Wort festmache. Dies bedeutet aus meiner Sichtweise heraus, dass, wo Schokoladeneis draufsteht, auch welches darinnen sein soll. Gleiches gilt für Fruchteis. Und für Vanilleeis sowieso. Die einzige Ausnahme, die ich bei genauer Eisbezeichnung und bei gleichzeitig ungenauem geschmacklichen Zustand zulasse, ist das bei Kindern beliebte blaue Schlumpfeis, da ich davon ausgehe, dass eigentlich kein Mensch genau weiß, wie Schlümpfe eigentlich munden.
Kurz und knapp: was die Verpackung verspricht, sollte der Inhalt nicht brechen. Eine Problematik, die, auf die bevorstehenden Wahlen bezogen, für mich gewiss noch an Gewicht zulegen wird. Denn das miese Eis, dass verließ mich heute morgen. Eine miese Partei, die habe ich mindestens vier Jahre am Hals.
Nachtrag: Der Discounter, der jeden Tag ein wenig besser sein möchte, vertreibt das von mir kritisierte Eis nicht als Vanilleeis, sondern als “Eis mit Vanillegeschmack”. Diese vom Gesetzgeber zugelassene Haarspalterei erlaubt es, in Deutschland “Vanilleeis” zu veräußern, welches statt Vanille nur synthetische Aromen enhält. Dennoch bleibt es bei meinem Urteil, welches wie folgt lautet: Bäh!
24. Mai 2009 um 20:56
Sieh es positiv: wenigstens war das Eis gefroren…
26. Mai 2009 um 12:53
der unterschied zwischen diesem machwerk und wirklichem speise-eis* lässt sich auch erkennen, wenn man es tauen lässt… diese discount-frost-matsche ist wie [v]erbrochenes …
*(welch schönes ei-ei-wort)