Archiv für Mai 2009

Apfelkalypse

Donnerstag, 21. Mai 2009

Ich habe die Segnungen des Vatertages in den eigenen vier Wänden genossen. Segnungen im Sinne von Ausschlafen und in der Unterhose frühstücken sollte man allerdings IMMER in den eignen vier Wänden genießen, jedenfalls, sofern man sich aus Gründen sozialer Art ehelich gebunden hat. Denn ein gleiches Verhalten außerhalb des Zugriffsbereiches der Gattin lässt diese in den meisten aller Fälle vollkommen zurecht an den guten Absichten des Ehegemahls zweifeln. Außer man frühstückt aus finanzieller Zwangslage heraus in den Räumen einer evangelischen oder katholischen Bahnhofsmission. Ich habe zwar noch nie in einer Bahnhofsmission gefrühstückt, denke aber, wer dort wenigstens noch eine Unterhose sein eigen nennt, der gehört im deutschen Steuersystem zu den vom Schicksal gebauchpinselten Personen. Aber auch dieses morgendliche Außer-Haus-Speisen sollte man sich als Ehemann auf jeden Fall schriftlich bestätigen lassen. Hängt ein Haussegen nämlich erst einmal schief, so bedarf es in den meisten Fällen schon eines emotionalen Erdbebens der Richtstärke 7 auf der nach oben offenen Gefühlskala, um diesen wieder gerade zurücken. 

Apropos Segen: im Grunde ist der Vatertag in atheistisch vermintem Gelände doch nur ein in alkoholische Festungshaft genommener Feiertag namens Christi Himmelfahrt. Und der Grund für den populären arbeitsfreien Tag liegt eben nicht darin, dass Gott Vater wurde, sondern darin, dass eben dieser Christus – allen bekannten physikalischen Gesetzen eine Nase drehend – gen Himmel fuhr, um von da an an der Rechten seines ollen Herrn zu sitzen. Und dieses Recht will ich ihm beileibe auch nicht absprechen wollen. Doch wenn ich zu meinem Vater auffahre (Plattenbau/5 Stock), um an seiner Rechten eine gute Tasse Kaffee zu trinken, so will ich dieses um Himmels Willen nicht als Feiertag verbrämt sehen, den Trunkenbolde deutschlandweit mit gebollerwagendem Bier und einer Klingel am Gehstock zum Fallobst unter dem weit verzweigtem Baume deutscher Feiertage machen. Und ein Feiertag, der unter dem Namen “Lothars Fahrstuhlfahrt” antritt, hat doch sowieso nimmer das Zeug dazu, in den Kalendarien bundesdeutscher Haushalte rot gedruckt einen Stammplatz einzunehmen. Nimmer und nimmer und nimmer. 

Wie gesagt: ich habe das Haus nicht verlassen. Noch zur Mittagszeit streunte ich, weiterhin beharrlich nur mit Unterhose bekleidet, durch die Zimmer und befand: man müsste mal wieder was machen. Doch was? Konstruktives setzt ein Ziel voraus. Ein Ziel einen Sinn. Ein Sinn den tiefen Glauben ans Konstruktive. Worauf ich den Werkzeugkoffer flink und ungeöffnet wieder im Keller verschwinden ließ, mich aufs Sofa legte, um den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Samt an seiner Rechten rumlungerndem Stammhalter. Schließlich sah ich erst kürzlich in einer Reportage, dass die Erde schon in weniger als nur 7.6 Milliarden Jahren in die Sonne stürzt. Und dann, so frage ich mich, lohnt es doch wohl kaum, die Fugen im Mauerwerk an der Hinterseite meines Wohnsitzes vom alten Mörtel zu befreien und die Wunden anschließend mit frischem Mörtel zu versorgen. Die Mär von Luther, der behauptet haben soll, dass er noch einen Apfelbaum pflanzen wolle, auch wenn schon morgen die Welt unterginge, strotzt für mich nicht unbedingt vor Überzeugungskraft. Zwar weiß ich nicht, was ich heute noch tun würde, wenn mir das Wissen um den morgig bevorstehenden Weltuntergang in den Schoß fiele. Doch selbst wenn ich Luthers Ratschlag eiligst folgen wollte: wo kriegt man schon am Vatertag einen Apfelbaum her?!

Wider die Vergnügungen der Verständlichkeit

Sonntag, 17. Mai 2009

Ich weiß nicht, ob das Prädikat Pedant auf meine Person anwendbar ist, doch ich gehöre nun einmal nicht zu jenen Menschen, die sich ständig und überall an Regeln und Anordnungen reiben, ohne diese wenigstens vorher ansatzweise auf ihre eventuelle Korrektheit hin abzuklopfen. Denn da die meisten Anordnungen sich nach Abklopfen als durchaus sinnig erweisen, man dieses jedoch bei intellektueller Kurzsichtigkeit leider allzu leicht übersieht, bin ich der Meinung, dass es dem Leben an sich doch nicht schädlich sein kann, wenn man sich an die gängigen Regeln und Vorschriften hält. So erfüllt es in meinen Augen ganz gewiss einen guten Zweck, wenn man Strecken, die innerhalb von Ortschaften zumeist mehr oder weniger faltenlos zum schnell fahren einladend danieder liegen, mit furchtbar strengen Geschwindigkeitsbegrenzungen beschildert. Schließlich sagen uns doch Todesanzeigen und reichhaltige Erfahrung, dass innerhalb von Orten weit mehr Menschen zu Fuß unterwegs sind, als beispielsweise auf der A4. Und wenn Autos und Menschen in Städten und Dörfern aufeinander treffen, so bleibt dem betroffenem Menschen doch nur zu hoffen, dass es auf seine nun im Wohnviertel weit verstreuten Überreste gleichfalls eine honorige Abwrackprämie gibt. Halbwaisen sind ein sehr dankbares Volk.

Und wenn ich selbst doch einmal 10 Km/h mehr auf dem Tacho stehen habe, als das rotumrandete Verkehrsschild meinem Tacho vorzuschreiben versucht, so erkenne ich mein Fehlverhalten, ziehe selbstkritisch mein abgewetztes Portemonnaie aus der hinteren linken Hosentasche und suche keineswegs nach Ausreden, welche den Herrn Oberwachtmeister garantiert nur tief gähnen lassen. Er kennt sie nämlich alle. Und wer lässt auch schließlich schon bei den heutigen Energiepreisen die große Flamme am Herd an?!

Ich gehöre auch nicht zu jenem kraftfahrzeugführendem Personenkreis, welcher permanent behauptet, er würde mal wieder “abgezockt”, nur weil im Bereich einer Spielstraße geblitzt wird. Ich glaube viel mehr, man sollte den Damen und Herren in Uniform außerordentlich dankbar für ihre lobenswerte Tätigkeit sein, sie mit Blumen und kleinen Präsenten bedenken. Weil ein Vergleich zwischen Knöllchen und den möglichen Rechnungen für Anwaltskosten und ein im mittleren Preissegment angesiedeltes Begräbnis eines Kleinkindes garantiert ergibt, dass man mit einem Knöllchen finanziell weitaus besser fährt. Kinder haben schließlich nicht nur sensible Seelen; auch ihre Körper vertragen es nicht, wenn man mit dem Frontschutzbügel ausnehmend großzügig motorisierter Geländewagen in ihre Unausgewachsenheit hinein knufft. Wenn man allerdings nun daran festmachen will, dass ich ein Prinzipienreiter, ein Philister, eine Schusterseele sei, nur weil ich der Meinung bin, dass in einer Spielstraße nur Bälle, aber keine von Breitreifen abgetrennte Kinderköpfe rollen sollten, so soll es so sein. Ich kann damit leben. Vorurteile sind bei weitem nicht so tödlich wie Krebs.

Wirklich pingelig bin ich hingegen, wenn Personen Aussagen treffen, die, bei Betrachtung der Person, außergewöhnlich diametral zu dieser scheinen. So ließ es mich leicht verwirrt im Duschraum stehen, als Kollege X breit grienend erwähnte, Kollege Y hätte gesagt, ich solle nicht so ein “billiges” Deo benutzen, da ihm die Augen tränen würden. Solch eine Aussage traue ich gewiss einer Avon-Beraterin zu, denn diese ist vom Fach und kann die Requisiten meiner täglichen Körperpflege sicherlich mit geübter Nase den dazugehörigen Preisstufen zuordnen. Doch Kollege Y sieht einfach nicht aus wie eine Avon-Beraterin. Ich habe jedenfalls noch nie eine getroffen, die sich seit Jahren nicht mehr rasiert hat, fettiges, zum Zopf gebundenes nackenlanges dünnes Haar trägt, und zudem unter Alopecia areata leidet, die sich vornehmlich in günstig zu erwerbende Armeeklamotten kleidet, dazu Schnupftabak konsumiert und deswegen Taschentücher hinterlässt, die aussehen, als hätte man in sie hineingeschissen. Und Deo habe ich ihn auch noch nie benutzen sehen.

Aber vielleicht bin ich ja einfach nur ein Pedant.

Gesichtspunkt (2)

Dienstag, 12. Mai 2009

Ich tauge nicht zum Bundespräsidenten. Doch nicht etwa meines Aussehens wegen. Horst Köhler. Johannes Rau. Roman Herzog. Allein die drei letzten Bundespräsidenten zeigten und zeigen Kraft ihres Gesichtes, dass Äußerlichkeiten am Ende noch nie den Ausschlag gaben, wenn es galt, Deutschlands Staatsoberhaupt zu krönen. Und auch die Gegenkandidaten zur Bundespräsidentenwahl 2009 versprechen rein optisch nicht viel Gutes. Peter Sodann und Gesine Schwan wären jedenfalls als Models für Rasierklingenwerbung Zeit ihres Lebens zu Arbeitslosigkeit verdonnert. Kein Kerl kauft Klingen, die zur besten Sendezeit über derart zerfurchte Gesichter ruckeln. Aus diesen Gedanken heraus betrachtet haben Sodann und Schwan somit natürlich jeweils alle nur möglichen Chancen, das höchste Amt im Staate zu erringen, weil, wie gesagt: Horst Köhler. Johannes Rau. Roman Herzog. 

Ich denke, es sind eher meine inneren Werte, welche einer Positionierung meiner Person im Schloss Bellevue einen ziemlich dicken Strich durch die Rechnung machen. Welche Partei Deutschlands würde wohl einen Kandidaten aufstellen wollen, welcher sich öffentlich dafür ausspricht, dass Parteien sich gefälligst alleinig nur durch Beitragszahlungen zu finanzieren hätten, als denn zu einem Großteil aus staatlichen Mitteln wie der Wahlkampfkostenerstattung. Es ist mir nämlich vollkommen unverständlich, warum Gesülze und Versprechungen jeglicher politischer Art und Richtung vor den alle Nase lang stattfindenden Wahlen hinterdrein durch den Bürger bezuschusst werden müssen,  wo doch ich, der seiner Ehefrau vor ihrer Wahl eines zukünftigen Gatten versprach sie glücklich zu machen, den Quatsch ganz alleine bezahlen muss. Denn wer die Musik bestellt, so hieß es jedenfalls früher, der müsse sie auch bezahlen. Und früher war ja schließlich, wenn man mal vom ganzen Schlechten absieht, nicht alles schlecht. Die Sprichworte zum Beispiel. Besonders die, die einen Zusammenhang zwischen bestellter Musik und deren Finanzierung aufweisen. 

Auch meine Ideen über das mit der Wahl zum Bundespräsidenten verbundene Recht, als Bundespräsident über die Verwendung von Nationalhymne und Flagge zu entscheiden, sind nicht unbedingt mehrheitsfähig. Auch wenn ich der festen Überzeugung bin, dass, wenn man nach jeder Frühstücks- wie auch Mittagspause die Nationalhymne spielen würde, dies keineswegs etwas mit Deutschtümmlei zu tun hätte, sondern vielmehr damit, dass die Semmeln im Stehen einfach viel besser rutschen. Die Quote der an zu grobem Brote Erstickten würde rapide in allertiefste Keller sinken. Und wer sich beim Ertönen der Hymne nicht erhebt, der ist ein lebensmüder Ignorant und hat für die nächsten 14 Jahre Tischdienst. 

Außerdem würde ich anordnen, jegliche Fenster zum Hofe raus an jedem Tage der Woche zu beflaggen. Diese Maßnahme könnte ich allerdings nicht vernunftbedingt begründen, außer eventuell damit, dass, wenn der Bundespräsident im Großen und Ganzen vor allem nur repräsentative Tätigkeiten verrichten darf, er das wenige an Sagen, was ihm dann noch bleibt, nach eigenem Gutdünken verschwenden darf. Und mir haben zu Zeiten meiner Kindheit, welche ich zu einem nicht gerade gering zu nennende Anteil in einem Hinterhof verbrachte, die übergroßen Damenschlüpfer, welche an fast jedem Fenster zum Trocknen heraus hingen, zu manch schlechter Schulnote verholfen, da meine Träume von Alb getränkt waren. Schlüpferalb. Und solch unruhige Nächte möchte ich der nächstfolgenden Generation vermeiden helfen, indem ich die vor den Hinterhoffenster gezogenen Wäscheleinen mit bundesdeutschen Flaggen blockiere. 

Wie gesagt: ich tauge nicht zum Bundespräsidenten.