Ich bin, so kritische Stimmen, sehr schlecht bei Stimme. Dieser Umstand fiel mir aber bis zum heutigen Tage nie auf die Füße, und wird mir auch garantiert in nächster Zukunft nicht auf diese fallen, da ich mein Auskommen ja nicht im Thomaner-Chor und auch nicht als Solist an irgendeiner bundesdeutschen Opernbühne suchen muss. Wobei es mir hinsichtlich einer Tätigkeit im Thomaner-Chor garantiert jede Menge Ärger einbrächte, wegen ungemein groben Verstoßes gegen das Jugendarbeitschutzgesetzes, welches sicherlich sehr pingelig ausgelegt werden muss, wenn ein 45jähriger in einem Knabenchor singen will. Alte Männer, die beruflich das Umfeld von Knaben suchen, sollte man stets gut im Auge behalten. Hätte ich einen Sängerknaben als Sohn, so wäre ich jedenfalls nicht imstande zu sagen, wie ich mich wohl verhielte, wenn dieser mir eines Tages einen Herrn in meinem Alter als meinen neuen Schwiegersohn vorstellen würde. Meine Toleranz ist schließlich nicht aus Gummi.
Ich habe desgleichen auch nicht vor in nächster Zeit “einzusitzen”, und mir somit in dieser von Beton und Stacheldraht umzäunten Sitzgelegenheit durch “singen” Hafterleichterungen zu erschleichen, wie beispielsweise ein Stück Seife mit Schlaufe, oder – falls diese nur ohne Schlaufe lieferbar – extra reißfeste Präservative. Auch wenn dieses nur ein arg strapaziertes Klischee zu sein scheint, denn ich kenne höchstpersönlich ein, zwei Personen männlichen Geschlechtes, die “saßen” jeweils über viele Monate ein, ohne danach jemals zu erwähnen, beim Duschen wegen fallengelassener Seife zum Freiwild verrohter Mitgefangener geworden zu sein. Selbst wenn die beiden ihre Seife freiwillig fallen und beim bücken ihre Hintern provokativ kreisen ließen: Erotik stellte sich nicht ein. Und ohne dieses auch nur annähernd beweisen zu können, gehe ich davon aus, dass die Trefferquote sicherlich weitaus höher läge, wenn man als Thomaner mit älteren Herren singt.
Trotz meiner beglaubigten überaus mangelhaften Sangeskünste erhebe ich hier nun aber meine Stimme, um ein Loblied auf die Zeiten anzustimmen, in denen der Stand der Technik es mir ermöglichte, nur drei Fernsehsender zu empfangen. Namentlich DDR1, DDR2 und ein je nach Wetterlage ein mehr oder weniger verrauschtes ARD. Dazu kam der Faktor, dass es jener Zeit auch noch keine Fernbedienungen gab, oder ich mir diese einfach nicht leisten konnte, was mit sich brachte, dass meine Sehgewohnheiten außerordentlich stabil waren. Schließlich war somit ein jegliches Umschalten mit einer körperlichen Betätigung verbunden. Und das Fernsehgerät stand ungefähr drei Meter vom Sofa entfernt. DREI METER! Ausdauerläufe waren noch nie mein Ding. Selbst als junger Mann fühlte ich mich, wenn es um Ausdauer ging, schon verdammt alt. Man kann auch sagen, ich war in Sachen körperlichem Verschleiß verdammt frühreif. Sport begann ich erst in späteren Jahren zu schätzen, da man wahrscheinlich erst ein gewisses Alter braucht, um zu erkennen, dass das Schwitzen nicht für die Deodoranthersteller erfunden wurde, sondern als eine Flüssigkeitsmangel verursachende Lebensbestätigung zu gelten hat: Ich triefe, also bin ich.
Zum Glück war die Auswahl der Sendungen damals sowieso recht begrenzt. Und beide Konstanten – keine Fernbedienung und keine Programmvielfalt – sorgten dafür, dass der Begriff “Zapping” in unseren Breiten noch sehr lange ungezeugt und ungeboren blieb. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, das Wort “zappen” vor den Neunzigern jemals vernommen oder genutzt zu haben.
Ins Gedächtnis rufen kann ich mir nur an den recht häufigen Gebrauch des Wortes “urst”, welches für “toll”, “super” und “große Klasse” stand, was wohl heutzutage einem “Boah!” entspricht, oder auch einem “geil”. Doch verwendete ich das Wort “urst” gewiss nie im Zusammenhang mit den drei von mir zu empfangenden Fernsehanstalten, da diese von der Qualität alles andere als “Boah!” waren. Samstags Abend lief auf DDR1 immer “Ein Kessel Buntes” (sogar auf meinem Schwarz-Weiß-Gerät!), auf DDR2 immer sowjetische Kriegsfilme, in denen die Russen an JEDEM Samstagabend den 2.Weltkrieg gewannen, und in der ARD immer “Das laufende Band”, die Sendung, in welcher Rudi Carell uns Ossis zeigte, wofür es sich lohnte, in die Mündungen der an der innerdeutschen Grenze installierten Selbstschussanlagen zu laufen. Ich erinnere mich explizit an den Karton mit dem Fragezeichen, welcher stets irgendwann übers Band lief, und wer ihn als Mitspieler nicht nannte, der galt in Ost und West gleichermaßen als wirklich sehr, sehr doof, da dass Fragezeichen immer für eine ganz, ganz “urste” Überraschung stand. Worin diese Überraschungen bestanden, ist mir leider nicht in Erinnerung geblieben. Vielleicht in Gruppensex mit Boney M. oder eventuell aus zwei Meter hohen Plateauschuhen, oder anderen Dingen, die in den Siebzigern die Träume des deutschen Durchschnittsbürgers despotisch beherrschten. Es gab also zu damaligen Zeiten vor meinem Fernsehgerät nicht die Qual der Wahl, sondern viel mehr die Wahl der Qual. Abschalten wäre zwar immer eine Option gewesen, aber wie gesagt: DREI METER!
Betrachte ich – wenn nun auch recht selten – das gegenwärtige Sendeangebot, so stelle ich fest, dass die Quantität zwar enorm große Sprünge gemacht hat, qualitativ aber nur gehopst wurde. Und dieses auch noch in die falsche Richtung. Nur wenige Sendungen hinterlassen in mir den Eindruck, dass, wenn ich diese nicht gesehen, ich umsonst gelebt hätte. Auch die Sendung, die mir letzten Freitag spätabendlich in die Quere meiner nunmehr sehr laxen Sehgewohnheiten kam, hatte nicht das Zeug dazu, dass man mich, hätte ich sie nicht gesehen, dereinst als deswegen mit negativen Emotionen Beladenen auf den Rost des Krematoriums legen müsste. Dafür sorgte nämlich allein das sehen.
Denn seitdem ich zwischen 30 und 40 verschiedene Sender empfange, und mir nun auch schon seit vielen Jahren eine Fernbedienung leisten kann, ist es mir zur beklagenswerten Angewohnheit geworden, meine späten Freitagabendstunden mit dem Graben durch mediale Müllberge zu versalzen. Wobei das Wort “zappen”, welches zusammen mit Fernbedienung in mein Leben trat, nun als Synonym für Selbstgeißelung gesetzt werden darf. Natürlich findet man in diesem Haufen zuweilen ein Produkt, welches sich beim geistigen Verzehr als durchaus nahrhaft und lecker erweist. Was ja leider Gottes nicht immer im Doppelpack daher kommt. Doch ist solch ein seltenes Zusammentreffen eben nur die Spitze des Müllberges. Der große Rest ist, was dem Berg seinen Namen gab. Und als Sondermüll der unappetitlichsten Art erwies sich, was an benanntem Freitagabend von einem deutschen Sportsender in den auch mein Wohnzimmer füllenden Äther ausgestrahlt wurde: “Ultimate Fighting”. Was nichts anderes ist, als das möglichst brutale Abschlachten des Gegners. Und ultimativ wohl deshalb, weil eine Steigerung in punkto öffentlich zelebrierter Gewalt mir kaum möglich scheint. Außer, das DSF bekommt die Bänder von den Verhören aus Guantanamo-Bay in die Hände.
Es scheint mir rätselhaft, wie man es Sport nennen kann, wenn sich kräftig gewachsene Männer damit beschäftigen – unter dem Mantel alles Menschliche außer Kraft setzender Regeln – gegenseitig ihr Hirn zu Mus zu kloppen. Das Gehirn ist eines der komplexesten Organe dieses Universums überhaupt. Man sollte es deshalb schonen und selbst bei leichtestem Hagel sein Haus nicht ohne Stahlhelm verlassen. Denn hat das Hirn erst eine Delle, so ist es alsbald aus mit Sudoku und Kreuzworträtseln. Auch beruflich kann man dann höchstens noch die Dinge erledigen, die sonst keiner machen will. Wirtschaftsminister zum Beispiel. Oder als 45jähriger im Thomaner-Chor singen. Und ich würde all dieses furchtbar gern den auf Pflegefall spekulierenden Muskelmännern in geselliger Runde kundtun. Aber wie gesagt: ich bin schlecht bei Stimme.