Archiv für Juni 2009

Lauschangriff

Donnerstag, 18. Juni 2009

Weltmusik macht mich rasen. Auch wenn die vage Möglichkeit besteht, dass, sofern Ort und Zeit auch nur annähernd stimmen, die Balzgesänge der Uiguren meinen Blutdruck keineswegs übermäßig dahingehend reizen, wieder einmal über eigene Rekorde klettern zu wollen. Doch wenn meine Trommelfelle um 04.30 Uhr in der Früh von den Klängen einer Dotar, also einer zweisaitigen Langhalslaute, und einer Tanbur, was deren dreisaitige Schwester ist, bemüht werden, so ist mein Blutdruck vom ersten Ton an der Reinhold Messner unter den Körperfunktionen: er steigt und steigt und steigt. Für gleiche Reflexe sorgen in mir übrigens auch die Kehlkopfgesänge der Inuit. Denn was bei den Inuit eventuell als Schlaflied mit geradezu vorschlaghammerartiger Wirkung gilt, lässt mich kurz vor 05.00 Uhr morgens panisch zum Bratenwender greifen, um mir damit die Ohren vom Kopf zu schaben. Gewiss: die grönländische Hauptstadt Nuuk ist nicht urthüringisch. Und gleiches gilt auch für die Hauptstadt  des Uigurischen Autonomiegebietes Xinjiang namens Ürümqi. Und vielleicht würde in jenen Städten fern meiner Vorstellungskraft gleichfalls zu Küchenutensilien gegriffen, wenn man dortige Frühaufsteher mit dem Rennsteiglied demütigen würde. Musikalische Volkstümelei ist eben ein schwer zu schluckender Brocken, wenn das per Funk dargebotene Brauchtum nicht mit der eigenen Nationalität übereinstimmt. Und stammen Liedgut und Beschallter jeweils aus Ländern, die, wollte man diese per Pedes erreichen, viele Jahre weit auseinander liegen, so liegen das musikalische Verständnis derer Bewohner mindestens genauso weit auseinander. Insoweit scheint es mir also schon sehr verwunderlich, dass Deutschlandfunk Kultur ausdauernd darauf besteht, einmal monatlich Weltmusik auszustrahlen. Und zwar von 02.00 Uhr nachts bis 05.00 Uhr in der Früh. Zwar weiß ich nicht, wie viele Uiguren in Deutschland ihren Platz an der Sonne wähnen, doch bezweifle ich stark, dass diese ihre Wecker auf 01.55 Uhr stellen, nur um sich anschließend 3 Stunden lang bei den Klängen von Dotar und Tanbur in Trance zu tanzen. Wenn nächtens Deutschlands Wohnzimmerlampen brennen, dann doch nur dort, wo Trunkenheit und Schlaflosigkeit durchs Nachtprogramm zappen lassen. Besonders ältere Jahrgänge sollen ja verstärkt unter  Insomnien leiden. Doch greifen diese betagten Menschen laut Statistik weitaus mehr zu Schlaftablette und Konsalik, als denn zu Deutschlandfunk. Dies kann natürlich, hier trumpfe ich mit massiver Unwissenheit auf, in Ürümqi vollkommen gegenläufig sein. In Breiten, in denen es vielleicht keine Schlaftabletten auf Rezept gibt, ist in Trance tanzen gewiss eine Alternative. Andere Länder – andere Sitten. Und jedem Tierchen sein Pläsierchen. Die Japaner lieben es, sich bei Karaoke zu entmenschen. Und wir Deutschen gehen erst auf die Straße, wenn wir auf diese fliegen. Und die Russen saufen sich ihr politisches System schön. Doch ist es bei weitem nicht an dem, dass ich jegliches volkseigene Verhalten nicht akzeptiere. Im Gegenteil: meine geistigen Arme sind für Fremdländisches offen wie ein Scheunentor. Und mein Akzeptanz ist so geräumig wie die Scheune, zu der jenes Tor führt. Gern esse ich chinesisch. Auch bei Gyros und gefüllten Weinblättern sage ich nicht nein. Doch habe ich trotz meiner himmelschreienden Fremdvolkverbundenheit nicht vor, mir bei den Tanzsuiten der Uiguren mit stetig zunehmendem Tempo mir einmal im Monat einen Wolf zu tanzen. Selbst wenn Ort und Zeit stimmen würden. Denn im Nachhinein ist mir, als wenn diese anfangs geäußerte Annahme mitnichten vage, sondern vielmehr sehr gewagt war. Und das macht mich, genau wie Weltmusik, einfach nur rasen.

An den Stimmbändern herbei gezogen

Freitag, 12. Juni 2009

Ich bin, so kritische Stimmen, sehr schlecht bei Stimme. Dieser Umstand fiel mir aber bis zum heutigen Tage nie auf die Füße, und wird mir auch garantiert in nächster Zukunft nicht auf diese fallen, da ich mein Auskommen ja nicht im Thomaner-Chor und auch nicht als Solist an irgendeiner bundesdeutschen Opernbühne suchen muss. Wobei es mir hinsichtlich einer Tätigkeit im Thomaner-Chor garantiert jede Menge Ärger einbrächte, wegen ungemein groben Verstoßes gegen das Jugendarbeitschutzgesetzes, welches sicherlich sehr pingelig ausgelegt werden muss, wenn ein 45jähriger in einem Knabenchor singen will. Alte Männer, die beruflich das Umfeld von Knaben suchen, sollte man stets gut im Auge behalten. Hätte ich einen Sängerknaben als Sohn, so wäre ich jedenfalls nicht imstande zu sagen, wie ich mich wohl verhielte, wenn dieser mir eines Tages einen Herrn in meinem Alter als meinen neuen Schwiegersohn vorstellen würde. Meine Toleranz ist schließlich nicht aus Gummi.

Ich habe desgleichen auch nicht vor in nächster Zeit “einzusitzen”, und mir somit in dieser von Beton und Stacheldraht umzäunten Sitzgelegenheit durch “singen” Hafterleichterungen zu erschleichen, wie beispielsweise ein Stück Seife mit Schlaufe, oder –  falls diese nur ohne Schlaufe lieferbar – extra reißfeste Präservative. Auch wenn dieses nur ein arg strapaziertes Klischee zu sein scheint, denn ich kenne höchstpersönlich ein, zwei Personen männlichen Geschlechtes, die “saßen” jeweils über viele Monate ein, ohne danach jemals zu erwähnen, beim Duschen wegen fallengelassener Seife zum Freiwild verrohter Mitgefangener geworden zu sein. Selbst wenn die beiden ihre Seife freiwillig fallen und beim bücken ihre Hintern provokativ kreisen ließen: Erotik stellte sich nicht ein. Und ohne dieses auch nur annähernd beweisen zu können, gehe ich davon aus, dass die Trefferquote sicherlich weitaus höher läge, wenn man als Thomaner mit älteren Herren singt.

Trotz meiner beglaubigten überaus mangelhaften Sangeskünste erhebe ich hier nun aber meine Stimme, um ein Loblied auf die Zeiten anzustimmen, in denen der Stand der Technik es mir ermöglichte, nur drei Fernsehsender zu empfangen. Namentlich DDR1, DDR2 und ein je nach Wetterlage ein mehr oder weniger verrauschtes ARD. Dazu kam der Faktor, dass es jener Zeit auch noch keine Fernbedienungen gab, oder ich mir diese einfach nicht leisten konnte, was mit sich brachte, dass meine Sehgewohnheiten außerordentlich stabil waren. Schließlich war somit ein jegliches Umschalten mit einer körperlichen Betätigung verbunden. Und das Fernsehgerät stand ungefähr drei Meter vom Sofa entfernt. DREI METER! Ausdauerläufe waren noch nie mein Ding. Selbst als junger Mann fühlte ich mich, wenn es um Ausdauer ging, schon verdammt alt. Man kann auch sagen, ich war in Sachen körperlichem Verschleiß verdammt frühreif. Sport begann ich erst in späteren Jahren zu schätzen, da man wahrscheinlich erst ein gewisses Alter braucht, um zu erkennen, dass das Schwitzen nicht für die Deodoranthersteller erfunden wurde, sondern als eine Flüssigkeitsmangel verursachende Lebensbestätigung zu gelten hat: Ich triefe, also bin ich.

Zum Glück war die Auswahl der Sendungen damals sowieso recht begrenzt. Und beide Konstanten – keine Fernbedienung und keine Programmvielfalt – sorgten dafür, dass der Begriff “Zapping” in unseren Breiten noch sehr lange ungezeugt und ungeboren blieb. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, das Wort “zappen” vor den Neunzigern jemals vernommen oder genutzt zu haben.

Ins Gedächtnis rufen kann ich mir nur an den recht häufigen Gebrauch des Wortes “urst”, welches für “toll”, “super” und “große  Klasse” stand, was wohl heutzutage einem “Boah!” entspricht, oder auch einem “geil”. Doch verwendete ich das Wort “urst” gewiss nie im Zusammenhang mit den drei von mir zu empfangenden Fernsehanstalten, da diese von der Qualität alles andere als “Boah!” waren. Samstags Abend lief auf DDR1 immer “Ein Kessel Buntes” (sogar auf meinem Schwarz-Weiß-Gerät!), auf DDR2 immer sowjetische Kriegsfilme, in denen die Russen an JEDEM Samstagabend den 2.Weltkrieg gewannen, und in der ARD immer “Das laufende Band”, die Sendung, in welcher Rudi Carell uns Ossis zeigte, wofür es sich lohnte, in die Mündungen der an der innerdeutschen Grenze installierten Selbstschussanlagen zu laufen. Ich erinnere mich explizit an den Karton mit dem Fragezeichen, welcher stets irgendwann übers Band lief, und wer ihn als Mitspieler nicht nannte, der galt in Ost und West gleichermaßen als wirklich sehr, sehr doof,  da dass Fragezeichen immer für eine ganz, ganz “urste” Überraschung stand. Worin diese Überraschungen bestanden, ist mir leider nicht in Erinnerung geblieben. Vielleicht in Gruppensex mit Boney M. oder eventuell aus zwei Meter hohen Plateauschuhen, oder anderen Dingen, die in den Siebzigern die Träume des deutschen Durchschnittsbürgers despotisch beherrschten. Es gab also zu damaligen Zeiten vor meinem Fernsehgerät nicht die Qual der Wahl, sondern viel mehr die Wahl der Qual. Abschalten wäre zwar immer eine Option gewesen, aber wie gesagt: DREI METER!

Betrachte ich – wenn nun auch recht selten – das gegenwärtige Sendeangebot, so stelle ich fest, dass die Quantität zwar enorm große Sprünge gemacht hat, qualitativ aber nur gehopst wurde. Und dieses auch noch in die falsche Richtung. Nur wenige Sendungen hinterlassen in mir den Eindruck, dass, wenn ich diese nicht gesehen, ich umsonst gelebt hätte. Auch die Sendung, die mir letzten Freitag spätabendlich in die Quere meiner nunmehr sehr laxen Sehgewohnheiten kam, hatte nicht das Zeug dazu, dass man mich, hätte ich sie nicht gesehen, dereinst als deswegen mit negativen Emotionen Beladenen auf den Rost des Krematoriums legen müsste. Dafür sorgte nämlich allein das sehen.

Denn seitdem ich zwischen 30 und 40 verschiedene Sender empfange, und mir nun auch schon seit vielen Jahren eine Fernbedienung leisten kann, ist es mir zur beklagenswerten Angewohnheit geworden, meine späten Freitagabendstunden mit dem Graben durch mediale Müllberge zu versalzen. Wobei das Wort “zappen”, welches zusammen mit Fernbedienung in mein Leben trat, nun als Synonym für Selbstgeißelung gesetzt werden darf. Natürlich findet man in diesem Haufen zuweilen ein Produkt, welches sich beim geistigen Verzehr als durchaus nahrhaft und lecker erweist. Was ja leider Gottes nicht immer im Doppelpack daher kommt. Doch ist solch ein seltenes Zusammentreffen eben nur die Spitze des Müllberges. Der große Rest ist, was dem Berg seinen Namen gab. Und als Sondermüll der unappetitlichsten Art erwies sich, was an benanntem Freitagabend von einem deutschen Sportsender in den auch mein Wohnzimmer füllenden Äther ausgestrahlt wurde: “Ultimate Fighting”. Was nichts anderes ist, als das möglichst brutale Abschlachten des Gegners. Und ultimativ wohl deshalb, weil eine Steigerung in punkto öffentlich zelebrierter Gewalt mir kaum möglich scheint. Außer, das DSF bekommt die Bänder von den Verhören aus Guantanamo-Bay in die Hände.

Es scheint mir rätselhaft, wie man es Sport nennen kann, wenn sich kräftig gewachsene Männer damit beschäftigen – unter dem Mantel alles Menschliche außer Kraft setzender Regeln – gegenseitig ihr Hirn zu Mus zu kloppen. Das Gehirn ist eines der komplexesten Organe dieses Universums überhaupt. Man sollte es deshalb schonen und selbst bei leichtestem Hagel sein Haus nicht ohne Stahlhelm verlassen. Denn hat das Hirn erst eine Delle, so ist es alsbald aus mit Sudoku und Kreuzworträtseln. Auch beruflich kann man dann höchstens noch die Dinge erledigen, die sonst keiner machen will. Wirtschaftsminister zum Beispiel. Oder als 45jähriger im Thomaner-Chor singen. Und ich würde all dieses furchtbar gern den auf Pflegefall spekulierenden Muskelmännern in geselliger Runde kundtun. Aber wie gesagt: ich bin schlecht bei Stimme.

Nachlese

Sonntag, 07. Juni 2009

Selbstmordattentate werden vorwiegend auf Märkten oder anderen Menschenansammlungen durchgeführt, aber so gut wie nie auf Bloggerlesungen. Dies ist lobenswert, denn so bleibt mir die Möglichkeit, über die gestrige 3. Thüringer Bloglesung zu berichten. Auch wäre es ungemein schade um das dort anwesende Humanmaterial gewesen, da nicht nur bloggende Zeitgenossen präsent waren, sondern auch einige optisch sehr ansehnliche Zivilisten. Wobei mein Hauptaugenmerk selbstverständlich auf dem weiblichen Anteil des Publikums lag. Auch wenn ich selbst kein Augenschmaus bin. Aber auch ein Quasimodo schmachtet ab und an nach Esmeralda.

Ein Attentat im Jenaer Markt 11 wäre gewiss auch ein ungemein großer persönlicher Stolperstein in meinem weiteren Leben, denn für den Fall, dass ich überlebt hätte, meine ebenfalls anwesende Gattin aber nicht, so wäre daheim dann aber  garantiert die sprichwörtliche Kacke am dampfen. Man weiß ja schließlich, wie schwer es Alleinerziehende hierzulande haben.

Die Lokalität war genehm, wenn auch nicht optimal. Ich wurde als Erfurter nicht sofort des Lokales verwiesen, was, wenn man über das Wissen der Rivalitäten zwischen den Fußballclubs Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena verfügt, schon verwundert. Selbst die Gesänge, die ich skandierte (Wir haben Euch was mitgebracht: HASS! HASS! HASS!) blieben unbeachtet. Was auch daran gelegen haben könnte, dass ich sie nur gedanklich zum Besten gab. Was fehlte waren eine Art Podium plus einem auf die Texte fokussierten Leselicht. Nicht jeder Blogger schreibt schließlich in Brailleschrift.

Über die Vortragenden, und somit über die Qualität der vorgetragenen Texte kann ich nicht richten, berichten, da bereits eine nicht geringe Anzahl an Verbindungen zwischen meinem Kurzzeit- und meinem Langzeitgedächtnis durch das von mir erreichte Lebensalter gekappt wurden. Doch wie ich anderen Blogs entnahm, lasen folgende Personen:

- Smikey

- Kolumnistenschwein

- Pulsiv

- Rob

- Sapere Aude

- Der Geschichtenerzähler

- Cuentacuentos

- Bastih

- Jojo

In Erinnerung blieb mir wenigstens, dass Herr Pulsiv wie immer die Fachgebiete Verdauungsreste und Drüsengewebe beackerte. Wohl frei nach dem Motto: Schuster bleib bei deinen Leisten. Sapere Aude legte sich wieder einmal mit Gott an, was ich allerdings nicht für sehr mutig halte. Schließlich ist es einfach, jemanden die Leviten zu lesen, wenn es diesen Jemand gar nicht gibt. Da ist kaum mit Gegenwehr zu rechnen. Viel Feind – viel Ehr. Und, Herr Sapere Aude,  es gibt ja schließlich auch noch Erfurter. Der Geschichtenerzähler gab (logisch!) Geschichten frei Haus, mit satirischer Schlagseite. Die Leberwurststory gefiel, machte aber Hunger. Über Al Kaida und Jungfrauen und so’n Zeug – die Thematik wurde schon zu oft durchgekaut. Dazu kommt, dass ich als bekennender Georg-Schramm-Fan die Messlatte für politische Satire sehr hoch lege. Welche ich selbst natürlich auch regelmäßig reiße. Was mich zu dem von mir servierten Text bringt. Vielleicht hat es ja der Eine oder Andere bemerkt, dass ich vor einiger Zeit beschloss, die Schenkelklopfer den schreibenden Kollegen zu überlassen, und lieber Salz in die Wunden zu streuen, die wir Menschen uns gegenseitig reißen. Zu gern lausche ich dem Lachen, welches im Halse stecken bleibt.

Im Gegensatz zu den bloggenden Radaubrüdern wie mir fiel Cuentacuentos angenehm aus dem Rahmen. Texte wie Aquarelle: sanft, lyrisch, still. Eine Stille, die Bastih gekonnt mit einem Text voller Scheiße und Rindern zeriss. Und zuallerletzt Jojo. Endlich lernten seine Comicstrips laufen. Was meine Tränen laufen ließ. Vor lachen.

Auch erwähnenswert: Musik von DJ Sugar, die mir als Metalhead zwar nicht gerade die Rübe runter schraubte, aber dennoch nicht eklig war. Moderiert hat die Show urbandesire. Semiprofessional, was man, wer deutsches “Unterhaltungsfernsehen” kennt, durchaus als Lob verstehen muss.

Das Ziel heißt 4. Thüringer Bloglesung. WILLKOMMEN, BIENVENUE, WELCOME. Mit oder ohne Sprengstoffgürtel.

PS: Getwittert wurde auch. Und natürlich fotografiert.

PPS: Das mit Esmeralda bitte nicht meiner Frau petzen!