Archiv für Juli 2009

Minimalste Form einer Selbstkritik

Freitag, 03. Juli 2009

Ich bin besorgt. Darüber, dass ich mir Sorgen machen, bin ich indes nicht sehr besorgt, denn bekanntlich macht sich, wer sich Sorgen macht, sich so seine Gedanken, was, bei gleichsam bekannter allgemeiner Gedankenlosigkeit, das Verkehrteste nicht unbedingt sein muss. Auch wenn ich des geerbten edlen Charakters wegen gezwungen bin zuzugeben, dass nicht alle meine Gedanken von solch einer hohen Güte sind, dass sie ein sofortiges zum Druck freigeben rechtfertigen würden. Zuweilen sind sie sogar so garstig und so schmuddelig, dass ich mir verstohlen über die Schulter blicke, aus Angst, Uri Geller würde hinter mir stehen und blickt mir – seine Hände an seine Schläfen pressend – in meinen Kopf. Und ich würde anlässlich meiner nun entdeckten unreinen Hirngespinste schamesrot von einem Ohr bis zum anderen. Sogar hintenrum. Was natürlich als Angst nur mit sehr schmaler Brust daher kommen darf. Was sollte bitteschön auch ein Uri Geller in Blankenhain suchen?! Denn sind die Blankenhainer auch nicht überdurchschnittlich helle, so holen sie sich dennoch gewiss niemanden ins Haus, der ihnen das Besteck verbiegt. Selbst ist der Blankenhainer und biegt was die Löffel hergeben und dem Geller darüber vor Zorn fast der Kopf zerfliegt. Kein Wunder also, dass er beide Hände an die Schläfen pressen muss!

Nein. Sorgen mache ich mir weit mehr darum, dass ich, sobald am Montagmorgen die Tageszeitung auf meinem Küchentisch um meine Aufmerksamkeit buhlt, ich seit kurzem immer zuallererst die Seiten des Seniorenjournales aufschlage, wo ich doch noch vor nur wenigen Monaten immer zuvörderst die Seiten aufschlug, welche man unter dem Namen FSK-16 publik macht, in der von Wollust durchwachsenen Hoffnung, dass ich dort junges Gemüse in Bikini vorfinde. Und mehr als nur oft wurden meine Augen fündig.

Sind also Sinneslust und ein gesundes Maß an Voyeurismus in einem Lebensalter von 45 Jahren schon von der Zeit so sturmreif geschossen, dass man sich lieber, statt sich an der bildhaften Darstellung jugendlicher Leiber zu ergötzen, an Ratschlägen delektiert, welche sich darin ergehen, wie man günstigen Falls fällt, ohne sich den Oberschenkelhals zu brechen, und welche Pflegestufe man erhält, wenn man sich den Oberschenkelhals bricht, weil man nicht weiß, wie man im Falle eines Falles zu fallen hat. Liegt man also im Alter von 45 geistig schon so danieder, dass man sich mehr Gedanken darüber macht, wie man sein Leben mittels seniorengerechter Ernährung verlängert, ohne darüber nachzudenken, ob es sich überhaupt lohnt, seine Lebenszeit zu strecken, wenn das Leben dabei doch auf der Strecke bleibt. Wie wenige Jahre liegen also zwischen der Zeit, in der man einst jung Pillen schmiss, um ALLES zu vergessen, nun aber zwischen Ratschlägen für angeblich Junggebliebene nach Anzeigen für Pillen sucht, die einem helfen NICHTS mehr zu vergessen! Und gibt’s dazu gratis Pülverchen, welche vorgeben, dass Altern zu verzögern: BINGO! Quacksalber sind des vorzeitig Ergrauten neuer Freundeskreis!

Fürs Protokoll: Es scheint die Tragik des Lebens zu sein, dass man in der Jugend möglichst jung zu sterben gedenkt, während man, alles Geschwätz der eigenen Sturm- und Drang-Zeit nun für nichtig erklärend, im Alter bestrebt ist, vom Kuchen des Daseins noch ein möglichst großes Stück abzubekommen. Und keine Demütigung ist demütigend genug, im Tausch selbst für den allerkleinsten Krümel. Soviel zum Thema “edler” Charakter!