Das Wort zum Sonntag

Pfaffe!Man stelle sich vor, Herr Meier-Birnschob behauptet hartnäckig, er hätte einen größeren Bruder, obwohl er seit dünnesten Kindesbeinen an als Einzelkind durch Flure und Felder wandelt, und ich, ich beschimpfe seinen nicht vorhandenen Bruder als blödesten Hund unter der Sonne, worauf Herr Meier-Birnschob sauertöpfisch zur Visitenkarte seines Anwaltes greift, um mich baldigst wegen Verunglimpfung seines imaginären Familienmitgliedes vor den Kadi zerren zu wollen. Wohlgemerkt: ich habe nicht Herrn Meier-Birnschob beschimpft – was ja angesichts seiner Hirngespinste fast schon eine Art Pawlowscher Reflex gewesen wäre! – sondern nur das Ergebnis von Herrn Meier-Birnschobs allem Anschein nach schier überbordender Fantasie.

Kann man aber, so frage ich mich unbeobachtet in der Nase bohrend, für die reale Beleidigung unrealer Schöpfungen einer wahrscheinlich zu großen Einbildungskraft verantwortlich gemacht werden? Kann man für das durch den Kakao ziehen einer Illusion haftbar sein? Kann man also belangt werden, wenn man Herrn Meier-Birnschobs Hirngespinste bspw. auf den Ausläufer einer wie Sandpapier rauen Rede spießt, um mit dieser die verhärteten Verunreinigungen vom geistigen Horizont eines Herrn Meier-Birnschob zu schleifen, auf das sein Blick sich wieder weiten kann.

Der Gedanke, dass man durchaus dafür gerade stehen müsste, nur weil Herrn Meier-Birnschobs Gedanken etwas schräg, und man selbst dieses Schrägsein zum Ziel einer mit Humor gespickten Diagnose machte, wäre für mich nur logisch greifbar, begreifbar, wenn man mich wegen Kurpfuscherei anklagen würde, da ich ja schließlich keinerlei Doktorhüte in Psychologie in meinen recht dürftig ausgestatteten Kleiderschränken vorweisen kann. Oder, um es mal etwas griffiger zu formulieren: ich bin von meiner Ausbildung her nicht geeignet, Dachschäden zu inspizieren und eventuell zu reparieren, da ich das Dachdecken nie erlernte. Dennoch behalte ich mir vor, dass, wenn ich einer Windhose folgend die Dächer meiner Nachbarschaft begutachten tät, ich sehr wohl erkennen könnte, wo nun ein Loch in diesen Dächern klafft. Und obwohl ich keinerlei Gedanken daran verschwende, diese Löcher unfachmännisch stopfen zu wollen, gibt es Leute, die der Meinung sind, allein mein Zeigen mit Fingern auf diese Lücken im Giebel, und dazu mein recht verschmitztes “Ha!”, wären strafrechtlich relevant. Wäre es aber so, so hätte man das Kind, dass die Nacktheit des Kaisers im Märchen offenbarte, für den Rest seines märchenhaften Lebens einbuchten müssen, was wohl unfraglich dafür gesorgt hätte, dass das Märchen “Des Kaisers neue Kleider” nicht als lehrpädagogisches Werkzeug in der Neuzeit herhalten muss.

Natürlich ist die Annnahme, ich würde Herrn Meier-Birnschob seiner Illusionen wegen zurechtweisen, weit hergeholt. Mein Lächeln in Bezug auf seine fiktive Verwandtschaft ist mehr ein innerliches, ein stilles, auch wenn ich sagen muss, die Einbildungen zu benennen und zu gewissen Anlässen auch verbal und wie auch immer zu plakatieren, behalte ich mir vor. Denn schließlich scheint es mir ziemlich unhöflich, wenn Herr Meier-Birnschob um seine imaginären Person herum einen Kult veranstaltet, ihm Häuser widmet, seinen Namen preist und gar versucht, des Kaisers neuen Kleider als Gewänder für alle und jeden zu installieren. Ich selbst kleide mich lieber in reale Stoffe, da diese mich vor den klimatischen Bedingungen weitaus besser schützen, als alle noch so feingesponnenen Illusionen. Und sagt nicht gar das 8. Gebot, dass Du nicht falsch Zeugnis ablegen sollst? Ein Umstand übrigens, der jede auf Fantasie beruhende Überzeugung negiert.

Amen.

5 Antworten zu “Das Wort zum Sonntag”

  1. Siegfried sagt:

    Ob eine reine Diagnose strafrechtlich relevant ist, ohne Doktor in Scherzologie, weiss ich jetzt nicht. Kann ich mir aber nicht vorstellen. Aber eine _Behandlung_ ist erstens nicht erlaubt und zweitens vom Patienten in aller Regel auch nicht gewünscht. Wenn es ihm also in das oben offene Oberstübchen reinregnet, dann ist das _seine_ Überschwemmung. Was Dich natürlich nicht daran hindern sollte, über die segensreichen Wirkungen von Regen zu sinnieren.

  2. Jeyops sagt:

    Ein leidiges Thema, das schon so alt wie die Menschheit sein dürfte.
    Niemand lässt sich gerne korrigieren, schon gar nicht in seinem Wahn. Zur Spitze und zum absoluten Pardebeispiel dürften das vor allem die Religionen gebracht haben: Ketzer, Blasphemie und Ungläubiger sind da nur einige Stichworte, die nicht selten mit einem netten Beisamensein am Lagerfeuer einher gingen.
    Dass sowas allerdings auch in der heutigen Zeit noch häufig vor kommt, ist tatsächlich sehr bedauerlich…

    Aber mal eine Frage, fernab vom Thema:
    Schreibst du deine (wirklich unglaublichen) Schachtelsätze eigentlich in einem Stück und es passt sofort von vorn bis hinten, oder musst du, wie auch der geneigte Leser das ein oder andere mal, nochmal zum Anfang zurück kehren und schauen, ob das jetzt auch wirklich so stimmt?

  3. Kolumnistenschwein sagt:

    @Jeyops
    Fernab vom Thema: Meine Sätze fließen aus mir heraus: ich denke, also schreibe ich es auf. Sofort. Auch wenn natürlich reichlich Fallstricke lauern. Es gilt den Sinn im Kettensatz logisch zu bis zum Ende hin zu erhalten. Und dann der recht komplizierte Kasus, der es einem als Autodidakten auch nicht leichter macht. Mein Inspiration in Sachen langer, langer Sätze erhielt ich übrigens durch das Lesen von Max Goldt und Schopenhauer. Das sind wahre Meister im Schreiben von Kettensätzen, an denen ich mich allerdings nicht messen darf. Na gut: manchmal schon.

  4. mike sagt:

    deine kettensätze legen mich immer wieder in ketten, und zwar in die des weiterlesens.
    greetz mike

  5. Kolumnistenschwein sagt:

    @Mike
    Ja, ich bin der Antagonist eines Entfesselungskünstlers. Nicht wortwörtlich. Nur Worte betreffend.