Flötentöne
Dienstag, 29. September 2009Es wäre übertrieben, würde ich behaupten, das Ergebnis der am letzten Sonntag stattgefundenen Wahl zum Bundestag hätte mich bis in die Grundfeste hinein erschüttert, da ich dem deutschen Volke – man schaue nur einmal ins Geschichtsbuch – so allerhand zutraue. Und somit auch Wunderliches. Und „wunderlich“ ist eine enorm höfliche Umschreibung für den Umstand, dass fast 15 Prozent meiner Mitbürger es für richtig hielten, die Partei, deren Programmatik doch weitgehend dafür zuständig ist, dass die Kacke allenthalben weltweit mächtig dampft, diese Partei also auf ein Schild zu heben, welches insbesondere der kleine Bürger demnächst unter ächzen und stöhnen schultern darf. Auch wenn er dieses im Moment noch nicht wirklich realisiert zu haben scheint.
Der Allgemeinplatz, dass doch jedes Volk die Regierung bekäme, die es schlussendlich verdiene, ist mir zu abgedroschen, um mich hier seiner zu bedienen. Schließlich bin auch ich, wenn auch nur ein kleiner, so doch Teil des deutschen Volkes, bin mir aber, da ich weder unflätig schimpfe, brandstifte und auch nicht anderweitig Schuld auf mich geladen habe, keinerlei Missverhalten bewusst, welches eine Bestrafung meiner Person in Form der Ernennung eines Außenministers namens Guido Westerwelle nach sich ziehen sollte und dürfte. Und selbst wenn ich den Reichstag abgefackelt, den Giftgaseinsatz vom 22.April 1915 bei Langemarck befohlen, und außerdem JFK erschossen hätte: keine Tat wiegt so schwer, als dass man sie mit dem real werden von bis dato Unvorstellbarem abstrafen darf. Schließlich ist doch selbst die Todesstrafe nur eine Art der Abschreckung, welche aber ihre Abschreckung mit sofortiger Wirkung verliert, sobald man sie erst am Delinquenten vollstreckt. Wer tot ist, den schreckt nichts mehr. Und so war es doch bis zum gestrigen Sonntag für mich nur eine wohlig gruselige, kaum beunruhigende Vorstellung, Guido Westerwelle als fiktiven Repräsentanten deutscher Politik nur dort zu wissen, wo es niemanden weh tat: verloren in der Weite des Plenarsaales des Deutschen Bundestages. Doch nun, wo die Fiktion droht beinharte Realität zu werden, Guido Westerwelle also nur einen Schritt davon entfernt scheint, die Weite des Plenarsaales gegen die Weite der Welt einzutauschen, ist die Abschreckung dem Schreck gewichen, zu wissen, dass da nicht ein Vertreter des deutschen Volkes großspurig gen Rest der Welt schreitet, sondern nur ein Vertreter der deutschen Industrie, ein Lobbyist von Branchen und Banken. Die Gelbe Flut, deren Ursprung man einstweilen in China vermutete, entspringt in Wirklichkeit einem Quell in Berlin. Und ersaufen werden darin die Menschen, deren Kraft nicht ausreicht, in den ungebändigten Strömungen der Marktwirtschaft zu schwimmen. Treibgut für die Flösse, auf denen die Oligarchien der Industrieverbände ihre Feste feiern.
Doch ich will nicht ungerecht sein. Denn selbst wenn die Konstellation im zukünftigen Deutschen Bundestag eine andere wäre, so sollte man, also auch ich, nicht töricht davon ausgehen, dass die wahren Machtverhältnisse sich irgendwie verschieben täten. Schließlich sind die Zeiten, in denen die Wirtschaft noch ehrfürchtig an den Türen der Politik anklopfte, längst aus der Mode gekommen. Es ist weit mehr an dem, dass die Politik katzbuckelig an den Türen der Wirtschaft um Einlass begehrt. Denn wer die Musik bezahlt, der bestimmt nun einmal was gespielt wird. Und es werden gewiss keine Schunkellieder sein.
