Wahlhalla

Es ist verdammt schwer sich alle vier Jahre festzulegen zu müssen, wer denn, wenn auch meine einzelne Stimme nur recht wenig Gewicht zu haben scheint, wer also für die nächsten vier Jahre im Bundesparlament für mich Platznehmen soll, um dort stundenweise so zu tun als ob. Schließlich steckt in allen Parteiprogrammen subjektiv betrachtet allerhand Wünschenswertes, zahlreiche Ideen und Vorschläge, die, sofern wie großhalsig versprochen auch dementsprechend umgesetzt, wohl in der Lage sein sollten, meinen jetzigen Status zu festigen, oder doch wenigstens annähernd zu erhalten. Denn bis auf einige kleinere körperliche Abnutzungserscheinungen und einem Umfeld, welches prozentual gesehen leider auch Intellekte enthält, welche zwar nicht abgenutzt, da kaum als solche vorhanden, aber dennoch wie Sand im Getriebe eines von Vernunft bestimmten Zusammenlebens wirken, kann ich nicht klagen. Doch selbst die benannten Unstimmigkeiten sind nicht die Buchstaben wert, die sie beklagen, denn nur ein rauer Wind vermag es, einen Felsen in der Zeit so zu formen, so dass die Winde immer weniger Angriffsfläche haben und ungetaner Dinge unbemerkt in den Weiten der Zeitlichkeit verenden.

Und die Erfüllung von individuellen Lebensvorstellungen scheint allenthalben parteilich ein recht leichtes zu sein, denn die CDU zum Beispiel verheißt von Plakat zu Plakat, dass sie die Kraft dazu habe. Wobei ich dieses “dazu“ jetzt einfach mal auf eigene Rechnung hinein implantiert habe, in der Hoffnung, dass sie die Kraft, mit der die CDU auf so vielen Plakaten hausieren geht, eben auch dazu nutzt, soll heißen, mir den Zucker eines von wirtschaftlichen Unbill verschonten Lebens in den Arsch zu blasen.

Und auch die FDP lässt sich nicht lumpen und beteuert, dass Deutschland es besser könne. Nun ist ein solches Argument aber recht schlecht gewählt, da Deutschland nicht die FDP und die FDP nicht Deutschland ist, was doch aber eben auch bedeutet, dass, wenn Deutschland es besser könne, dieses auch nicht ansatzweise nur der FDP geschuldet sein muss bzw. kann. Da scheinen doch die Scheine, die man der für die FDP-Wahlplakate zuständigen Werbeagentur hinterher schmiss, doch geradewegs zum Fenster der Parteizentrale heraus geworfen. Was natürlich dem Kassenwart der FDP nicht weiter graue Haare wachsen lassen dürfte, da er doch davon ausgehen darf, dass man, sobald mit dem angestrebten Koalitionspartner CDU erst einmal Drücker, das herausgeworfene Geld beim kleinen Mann alsbald wieder herauspressen kann. Mehr Netto vom Brutto – klar. Nur blöd dass die FDP vergaß, dass man dazu erst mal ein gewisses Brutto verdienen muss, sprich Mindestlohn, denn es wird einem Thüringer Arbeitnehmer nicht leichter ums Herz, wenn er von 1000 Euro Brutto, statt 700 Euro, nun 750 Euro behalten darf. Und noch blöder, dass ich vergaß, dass sich dieses mehr Brutto-vom-Netto-Geschwafel natürlich rechnet, sofern man zu den Leuten gehört, die eine horrende Summe plus X verdienen, die fern ab jeglicher Moral. Doch eine solche soziale Wohltat darf sich Herr Westerwelle – und hier bitte ich darum, jegliche sexuelle Anspielung als zufällig zu betrachten – getrost in den Hintern schieben.

In ein ähnlich krummes Horn stößt auch die SPD, denn wenn ein Wahlspruch verkündet, dass unser Land mehr kann, so ist dies doch ohne jegliche Botschaft, warum ausgerechnet die Sozialdemokraten Schuld daran haben könnten. Überhaupt: wenn ein Land mehr kann, oder auch – in westerwellesprech – auch besser, so hege ich in mir den Verdacht, dass unser Land selbstverständlich noch weit mehr, es noch weit besser könnte, wenn die Parteien es denn nur zuließen. Denn der Eindruck, dass die Parteien mehr Bremsklotz als Treibstoff sind, da sie beständig nur darum streiten, wer denn auf dem Fahrersitz Platznehmen darf, ist gewiss von jener Sorte, die man sich nicht leichtgläubig aus den Fingern saugt.

Auch die restliche Parteienlandschaft überreicht an den Arglosen – nicht zu verwechseln mit ARGElosen! –  so manch fragile Blüte, wobei der Begriff Blüte zweifelsohne nicht zufällig gewählt ist, da er ja auch für Falschgeld, als für Wertloses steht. Während die GRÜNEN versprechen, dass eben nur grün aus der Krise hilft, geloben die LINKEN Reichtum für alle, fordert die NPD nur Arbeitsplätze für Deutsche und die MLDP will gar die Befreiung der Frau. Alles Parolen, die ich allesamt während einer Autofahrt von circa 5 Kilometern von den Wahlplakaten der verschiedenen zur Bundestagswahl angetretenen Parteien sammelte.

Und gehe ich des Spaßes halber einmal davon aus, dass sämtliche genannten Parteien – egal wie extrem und verschroben diese auch sein mögen – in den Bundestag einziehen, um dort daraufhin eine Große Koalition aus ALLEN im Bundestag nun vorhandenen Partein zu gründen, worauf Deutschland einer goldenen Zeit entgegen schreitet. Denn alle Ziele fest im Auge und erfüllt, bedeutet dies für unsere Zukunft:

Weil wir die Kraft dazu hatten, haben wir die deutschen Frauen befreit, worauf sie ausnahmslos alle Dönerstände und Asia- Imbiss-Buden Deutschlands übernahmen, weil Deutschland eben alles besser kann, worauf die Döner und die Gebratenen Nudeln der Krise wegen nur noch grünlich über die Ladentische gehen, worauf der Steinmeier sich auf die gelackten Schuhe kotzt und stöhnt: MEEEHR!, was den Umsatz ankurbelt, und wir werden dementsprechend alle reich.

Es ist verdammt schwer sich alle vier Jahre festzulegen zu müssen, wer denn, wenn auch meine einzelne Stimme nur recht wenig Gewicht zu haben scheint, wer also für die nächsten vier Jahre im Bundesparlament für mich Platznehmen soll, um dort stundenweise so zu tun als ob.

6 Antworten zu “Wahlhalla”

  1. BeastyBasti sagt:

    Du scheinst Dich also auch noch nicht entschieden zu haben, von wem du dich die nächsten vier Jahre belügen lässt…

  2. Kolumnistenschwein sagt:

    Doch, doch. Ich will ja schließlich nicht mit Pendel, Kaffeesatz oder Münze in die Wahlkabine treten müssen.

  3. Flyer sagt:

    Allein schon der erste Satz ist unschlagbar!

    Umso mehr hat es mich gefreut, daß das Begrüßungswort auch als Schlusswort unschlagbar ist!

  4. Mo sagt:

    Kolumnistenschwein,
    ich bin gerade etwas irritiert, angesichts Deines Satzes:

    * Nur blöd dass die FDP vergaß, dass man dazu erst mal ein gewisses Brutto verdienen muss, sprich Mindestlohn, denn es wird einem Thüringer Arbeitnehmer nicht leichter ums Herz, wenn er von 1000 Euro Brutto, statt 700 Euro, nun 750 Euro behalten darf. *

  5. Kolumnistenschwein sagt:

    @Flyer
    Alles, was zwischen Begrüßungswort und Schlusswort steht, wollte ich ja eigentlich auch gar nicht schreiben, aber dann konnte ich einfach nicht mehr aufhören …

    @Mo
    Jetzt bin ich verwirrt. Denn egal wie man es auch dreht: von 750 Euro Netto für 42 Stunden Arbeitszeit pro Woche, lässt sich genauso wenig eine Familie ernähren, wie von 700 Euro. Wo kein Brutto, da eben auch kein Netto.

  6. Mo sagt:

    Pardon Kolumnistenschein.

    Ein Lesefehler meinerseits.
    Ich las wohl das Wörtchen “nur” (750 Euro behalten darf),
    statt “nun” (750 Euro behalten darf).