Gedanken aus Sauerteig
Was ist das nur für eine Welt, in der man einer inneren Unruhe wegen um 6.00 Uhr in der Früh durch die noch halbwegs schlummernden Straßen seines Heimatortes schlendert und dabei erschaudernd feststellen muss, dass alle Bäcker und sonstigen Anbieter von möglichst frischen Brötchen und allerlei anderem süßem Backwerk erst um 7.00 Uhr öffnen! Ging ich bis zum heutigen Morgen noch davon aus, dass Bäcker wahrscheinlich überhaupt nicht, und wenn doch, so höchsten nur bis in die Nacht um 2.00 Uhr zu ruhen pflegen, um danach im Schweiße ihres Angesichts Weißmehl zu kneten, zu walzen und zu bezuckern, auf dass einem jeden zufällig anwesenden Diabetiker vor Schreck die Spritze aus der Hand fällt, so meine ich nun zu wissen, dass mein ausgehen in dieser Angelegenheit ein vollkommen verqueres war. Und die Gesichter, die momentan allseits fett von den mannigfaltigen Wahlplakaten grinsen, tun im Übrigen ein übriges, um mir den Sonnenaufgang gehörig zu säuern. Denn ich, ich denke mir im vorübergehen, dass “die da oben” ja nun einmal verdammt gut grinsen hätten, da sie ja gewiss erst gegen Mittag aufstehen müssen und obendrein vom Saaldiener noch weit gewisser frische Croissants hinterdrein geworfen bekommen. Diese beiden Annahmen meinerseits sind zwar hochspekulativ, doch seit Anbeginn der Finanzkrise wissen wir ja alle, dass Hochspekulatives sich auf jeden Fall lohnt, sofern man nur einen guten Draht zu “denen da oben” hat, und diese deswegen das Hochspekulative nicht gesetzlich geißeln, wie es sich anstandshalber sehr wohl gehören würde, nämlich als das, was es für uns, also die Menschheit, nun einmal ist: die Scheiße, an der die Gesellschaft zu ersticken droht.
Ich weiß nicht, ob sich solch harsche Gedanken auch in mir bilden täten, wenn ich ausgeschlafenen Körpers und ausgeschlafenen Geistes durch meine kleine Welt wandeln würde, wenn also alle Bäckerläden längst sperrangelweit geöffnet hätten und der Duft ihrer knusprigen Waren sich in dicken Schwaden um die Laternen mit den Wahlplakaten wickelt. Dann wäre mein Gemüt vielleicht so sanftmütig wie im Schatten fruchttragender Bäume dösende Schafe, denn es ist von alters her doch Sitte, dass der Mensch, wo er seine Bedürfnisse in Kürze gestillt zu scheinen bekommt, seine Hufe stille hält und um Himmels Willen nicht scharrt, wo der Teppich sich vor darunter gekehrtem Drecke wölbt. Auch wenn ich natürlich das Wissen mein eigen nenne, dass ein Ausgeschlafensein meiner Person nur ein subjektives Wohlgefühl mit sich bringt, aber nimmer das Zeug dazu hat, die Welt angenehmer zu gestalten. Und wenn dann aber dazu die frischen Brötchen nur noch eine Armlänge entfernt sind, so strecke ich doch allen Wahlplakaten meinen Mittelfinger entgegen und lasse selbst Renate Künast einen guten Mann sein. Es heißt ja schließlich auch, dass ein voller Bauch nicht gern studiert, dem ich aber anfügen will und muss, dass meine Erkenntnis, dass ein gefühlter voller Bauch nicht gerne streitet, durchaus gleichberechtigt nach einem privilegierten Platz im Buche der Deutschen Sprichwörter schreit.
Vielleicht kommt ja auch angesichts dieser Zeilen irgendein Wahlkampfstratege auf den Trichter, dass Wahlvolk nicht vor 7.00 Uhr aus dem Haus zu lassen, oder wenigstens frische Semmeln statt unappetitliche Wahlwerbung in die Briefkasten der wahlberechtigten Bürger zu stecken. Und dann liege ich mit Brötchenkrumen bedeckt in meiner softigen Bettwäsche, halte mir die volle Wampe und stöhne: was für eine Welt!
29. September 2009 um 18:32
Was für ein gemütlicher Text.