Flötentöne
Es wäre übertrieben, würde ich behaupten, das Ergebnis der am letzten Sonntag stattgefundenen Wahl zum Bundestag hätte mich bis in die Grundfeste hinein erschüttert, da ich dem deutschen Volke – man schaue nur einmal ins Geschichtsbuch – so allerhand zutraue. Und somit auch Wunderliches. Und „wunderlich“ ist eine enorm höfliche Umschreibung für den Umstand, dass fast 15 Prozent meiner Mitbürger es für richtig hielten, die Partei, deren Programmatik doch weitgehend dafür zuständig ist, dass die Kacke allenthalben weltweit mächtig dampft, diese Partei also auf ein Schild zu heben, welches insbesondere der kleine Bürger demnächst unter ächzen und stöhnen schultern darf. Auch wenn er dieses im Moment noch nicht wirklich realisiert zu haben scheint.
Der Allgemeinplatz, dass doch jedes Volk die Regierung bekäme, die es schlussendlich verdiene, ist mir zu abgedroschen, um mich hier seiner zu bedienen. Schließlich bin auch ich, wenn auch nur ein kleiner, so doch Teil des deutschen Volkes, bin mir aber, da ich weder unflätig schimpfe, brandstifte und auch nicht anderweitig Schuld auf mich geladen habe, keinerlei Missverhalten bewusst, welches eine Bestrafung meiner Person in Form der Ernennung eines Außenministers namens Guido Westerwelle nach sich ziehen sollte und dürfte. Und selbst wenn ich den Reichstag abgefackelt, den Giftgaseinsatz vom 22.April 1915 bei Langemarck befohlen, und außerdem JFK erschossen hätte: keine Tat wiegt so schwer, als dass man sie mit dem real werden von bis dato Unvorstellbarem abstrafen darf. Schließlich ist doch selbst die Todesstrafe nur eine Art der Abschreckung, welche aber ihre Abschreckung mit sofortiger Wirkung verliert, sobald man sie erst am Delinquenten vollstreckt. Wer tot ist, den schreckt nichts mehr. Und so war es doch bis zum gestrigen Sonntag für mich nur eine wohlig gruselige, kaum beunruhigende Vorstellung, Guido Westerwelle als fiktiven Repräsentanten deutscher Politik nur dort zu wissen, wo es niemanden weh tat: verloren in der Weite des Plenarsaales des Deutschen Bundestages. Doch nun, wo die Fiktion droht beinharte Realität zu werden, Guido Westerwelle also nur einen Schritt davon entfernt scheint, die Weite des Plenarsaales gegen die Weite der Welt einzutauschen, ist die Abschreckung dem Schreck gewichen, zu wissen, dass da nicht ein Vertreter des deutschen Volkes großspurig gen Rest der Welt schreitet, sondern nur ein Vertreter der deutschen Industrie, ein Lobbyist von Branchen und Banken. Die Gelbe Flut, deren Ursprung man einstweilen in China vermutete, entspringt in Wirklichkeit einem Quell in Berlin. Und ersaufen werden darin die Menschen, deren Kraft nicht ausreicht, in den ungebändigten Strömungen der Marktwirtschaft zu schwimmen. Treibgut für die Flösse, auf denen die Oligarchien der Industrieverbände ihre Feste feiern.
Doch ich will nicht ungerecht sein. Denn selbst wenn die Konstellation im zukünftigen Deutschen Bundestag eine andere wäre, so sollte man, also auch ich, nicht töricht davon ausgehen, dass die wahren Machtverhältnisse sich irgendwie verschieben täten. Schließlich sind die Zeiten, in denen die Wirtschaft noch ehrfürchtig an den Türen der Politik anklopfte, längst aus der Mode gekommen. Es ist weit mehr an dem, dass die Politik katzbuckelig an den Türen der Wirtschaft um Einlass begehrt. Denn wer die Musik bezahlt, der bestimmt nun einmal was gespielt wird. Und es werden gewiss keine Schunkellieder sein.
29. September 2009 um 11:11
Also ich habe die FDP nur wegen diesem Udo Brömmer gewählt.
(den sieht man manchmal bei Harald Schmidt).
Das ist ein netter Mann der sich noch um die Menschen diewo draußen im Lande sind kümmert.
29. September 2009 um 11:18
Udo Brömme. Im Gegensatz zu GW hat er wenigstens ein Profil.
29. September 2009 um 14:13
Ich habe nicht FDP gewählt, sondern Piraten. Aber das Ergebnis war abzusehen.
Nun ja, mal sehen, wie der Schlamassel in 4 Jahren aussieht. Ob es dann eine wählbare SPD gibt? Ob Deutschland dann überhaupt noch zu retten ist?
29. September 2009 um 15:03
Andererseits ist es ganz okay so: endlich wieder klare Fronten, die definitiv mehr Bürger an die Wahlurnen drängen werden. Merkel und Steinmeier: das war doch schon fast Inzest. Und was Deutschland betrifft, da mache ich mir keine Sorgen. Das rappelt sich wieder hoch. Es bleiben dabei eben nur viele auf der Strecke.
29. September 2009 um 15:15
Zu retten? Ist sie das denn schon seit 30 Jahre nicht mehr?
Zudem kann ich nicht verstehen, wie man die Piratenpartei wählen kann?! In meinen Augen ist das eher ein Inter(net)mezzo, welches halt grad aktuell ist und der Politikverdrossenheit entspringt (oder auch den ‘großen’ zu sagen, daß die ‘kleinen’ die Schnauze voll haben von ihnen).
Ich stelle mir nur mal vor, daß die sogenannte Piratenpartei in vier Jahren mehr als 10% bekommt: allein mit diesem Namen haben sie in meinen Augen eh keine echte Chance. Man bedenke dann nur mal, wie die Nachrichtenerstattung im Rest der Welt aussehen würde….
29. September 2009 um 15:52
Der Name ist in der tat merkwürdig. Aber das programm, so beschränkt es derzeit auch ist, stimmt.
Und ja, in gewisser Weise war das eine Protestwahl. Nur würde ich dabei niemals auf REPs oder DVU zurückgreifen. Die Piraten sind da ideal. Sie sind nicht nur Verfassungskonform, sie sind eigentlich eine (oder die) Verfassungsschutzpartei. Eine bessere Protestpartei kann es gar nicht geben.
Und ob das Ausland sich über den Namen aufregt, geht mir sonstwo vorbei.
29. September 2009 um 17:42
Komisch, ich dachte, der Dr. Brömme wäre CDU… habe ich wohl falsch gewählt… gleich nochmel ‘nen alten Spielstand laden.
29. September 2009 um 17:45
Hahaha *erstmal aus dem Lachen heraus kommen muss*
Ich möchte mich jetzt hier auf keine politische Diskussion einlassen – tun das andere doch schon zur Genüge und mein hohles Geschwafel wäre da nur Sand auf die Zuckermühlen.
Nichtsdestotrotz: Man merkt, dass dir das Gelbe Elend da oben gehörig gegen den Strich geht. Seit ich hier Leser bin, dürfte das der bissigste Text sein, der mir je von deiner Seite unter die Augen geraten ist.
Herrlich!
29. September 2009 um 18:41
@ Flyer,
ich stimme Dir tatsächlich zu.
29. September 2009 um 19:25
Dr.No
Brömme ist CDU.
@Jeyops
Danke!
01. Oktober 2009 um 21:27
Ich habe auch die Piraten gewählt.
Schon allein weil ich finde das “Erwachsene” Menschen, also die mit Hirn (wohlgemerkt), keine Zensur fürchten sollten.
Aber wieso so viele die FDP gewählt haben? Ja ganz einfach….
weil sie…
1. keine Peilung haben wofür die stehen und somit denken: “Mal was anderes! Lasst uns das mal ausprobieren!”
2. Warscheinlich finden andere wiederrum nur einzelene Personen gut. Aber bringt dienen das was? So im Motto: “Der is cool und voll nett!”
BRINGT REIN GARNICHTS… krasses Beispiel: Hitler war anfangs für alle nett und der Retter….
3. gehen nur auf zwanghafter Basis wählen…
und
4. finden das die Welt untergehen sollte
03. Oktober 2009 um 14:21
Ich habe zwar keine der jetzigen Regierungsparteien gewählt, aber langsam frage ich mich, ob das Ergebnis nicht sogar gut ist. In der Großen Koalition konnte die CDU machen was sie wollte und hat die SPD nach Belieben vor sich her getrieben. Jetzt dagegen wird sie mit jedem Versuch, die Sozialpolitik abzuschaffen auf wütende Opposition treffen. Das gleiche gilt für Sicherheitspolitik. Und wir sollten nicht vergessen, dass die wirtschaftsfreundlichste Politik der letzten 20 Jahre von Rot-Grün gemacht wurde (dass die Wirtschaft das selbst nicht merkt zeigt imho nur, warum wir auf die Blutsauger wirklich nicht hören sollten), während sich schwarz-gelb unter Kohl vornehmlich durch Untätigkeit ausgezeichnet hat. Und – darauf sei zur “Beruhigung” nochmal hingewiesen – Untätgkeit ist auch das hervorstechendste Merkmal der Kanzlerin. Deshalb lieben die Deutschen sie ja so (ich glaube ich wandre aus *grummel*).
03. Oktober 2009 um 16:27
@Zeitblog
Siehe meinen zweiten Kommentar. Und was das auswandern betrifft: die Ursachen all unserer Probleme sind doch weltweit verteilt: Menschen. Also schön daheim geblieben.
06. Oktober 2009 um 20:26
[...] http://kolumnistenschwein.de/blog/2009/09/29/flotentone/ #neue_regierung !de #fdp [...]
14. Oktober 2009 um 14:22
Ich wollte nur kurz anmerken, dass die Piratenpartei keine deutsche Erfindung ist. Ihren Ursprung hat sie in Schweden, wo sie bei den dortigen Wahlen 7,4% einholte. Aber man lese selbst: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Schwedische-Piratenpartei-schafft-Sprung-ins-Europaparlament-2-Update-179142.html
Im Übrigen halte ich das Schiff “Deutschland” für unsinkbar – egal welcher Kapitän am Ruder sitzt. Weil wir nämlich schon festgefahren sind in diesem politischen Wattenmeer mit allerhand Kriechzeugs und Blasenblubberern unten drinne…