Archiv für September 2009

Gut sterben (2)

Donnerstag, 17. September 2009

Burn-Out? Nein. Ich bin nicht ausgebrannt. Was man – unter zugegeben denkbarst unappetitlichen Umständen – auch daran erkennen kann, dass mir beim Entleeren meines Darmes keinerlei Asche in einer gen Kanalisation gerichteten Fontäne aus dem Hintern fliegt. Auch steigt mir kein Rauch aus den Ohren und den anderen Löchern, welche Mutter Natur in ihrer grenzenlosen Raffiniertheit in meinem Kopf hinterließ. Und auch meine Körpertemperatur entspricht nur vollkommen normalen Parametern, was ja, wenn man innerlich verbrennen würde, gewiss nicht normal wäre. Auch habe ich keinen außergewöhnlich großen Durst, was ja anderenfalls immerhin als überaus schwerwiegendes Indiz auf einige innere Brandstätten hinweisen könnte. Wirklich. Da brennt nichts. Überhaupt nichts. Nicht mal der Sod.

Wenn es dennoch den Anschein hat, dass mein Äußeres, meine Physiognomie, so endzeitlich wie Verbrannte Erde daherkommt, so liegt es keinesfalls an einer eventuellen Ausgebranntheit meines Geistes, als denn viel untrüglicher daran, dass der Herbst, der allerorten bereits schon hechelnd in den Startlöchern steht, in mir schon lange angekommen ist. Aber dies ist mir keinesfalls unangenehm. Ganz im Gegenteil. Denn der Herbst ist mir von allen Jahreszeiten die angenehmste. Der Herbst ist nicht so angeberisch wie der Frühling mit seiner jugendlichen Kraft, nicht so saugend wie der knochige Sommer, und auch nicht so teilnahmslos wie der Winter, dem es am Ende doch scheißegal ist, wenn du seiner Glätte wegen beständig Platzwunden sammelst. Doch der so treffliche Herbst scheint mir, wenn er mild und spinnenwebendurchzogen in von Nebel durchwirktem Sonnenlicht daher kommt, ein sehr angenehmer Geselle, denn er zwingt einen nicht immerfort dazu, Spaziergänge an den vom Eise befreiten Bächen zu machen, auch nicht zum Sprung in mit roten Leibern bis zum Bersten gefüllten Schwimmbecken, und auch nicht dazu, immerfort doofe Schneemänner zu bauen, denen man ständig – man ist ja schließlich so ungemein witzig – die Möhre im unteren Drittel platziert. Auch riecht er nicht so aufdringlich nach Blüten oder Schweiß, und auch nicht nach dem gefrorenen Blut, welches – nach den Stürzen auf des Winters glatten Straßen – vorm häuslichen Herd taut und darauf von der vom eisigen Asphalt malträtierten Stirne auf den türkisen Teppich tropft. Nein er duftet nach Erde und faulendem Laub, nach Vergänglichkeit und Melancholie, nach Friedhof und auch schon an der einen oder anderen Ecke nach Glühwein, weil auch der Alkoholiker von nebenan dann und wann nach angewärmten Troste giert.

Aber vielleicht ist es ja auch gar nicht des Herbstes Schuld allein, welche meinen Geist zufrieden wie einen fetten Buddha in mir ruhen lässt, sondern nur der Umstand, nach vielen Jahren der gelebten Unvernunft zu der Erkenntnis gekommen zu sein, dass das Leben doch gar nicht so schlecht ist, wie wir es uns machen. Jeder ist seines Glückes Schmied ist zwar als Sprichwort beliebt wie dick mit Butter bestrichenes frisches Brot, taugt aber keinen einzigen Pfifferling, da, wenn es denn stimmen würde, man nur einen Schmiedehammer und einen Amboss bräuchte, um beständig beglückt wie Motten im Licht aufs Verrecken zu warten. Doch ich sage euch: man muss mitnichten schmieden, man muss nur die Fenster seiner Wohnung öffnen, um den Geruch des an die Fenster klopfenden, in Agonie liegenden Sommers in sich aufzunehmen: noch nie roch der Untergang so gut! Aber vielleicht ist das ja auch gar nicht der sterbende Sommer.

Vielleicht ist es ja nur die SPD.

Nachtrag: Wer in diesem Text den Roten Faden findet, der mag in mir bitte schicken! Danke!

Gut sterben

Freitag, 11. September 2009

Mir geht es gut. Richtig gut. Also nicht so gut, wie die Allgemeinheit es sich wahrscheinlich vorstellt, wie es einem eben gehen müsste, wenn man sagt, es gehe einem gut. Um aber möglichst dicht an den Zustand meines momentanen Befindens mit einer äußerst knappen Beschreibung heranzukommen, formuliere ich es einmal wie folgt: Ich habe zwar keinen Jackpot geknackt, aber ich sehne mich auch überhaupt nicht danach. Glück, so meinte schon Arthur Schopenhauer, sei schließlich nur die Abwesenheit von Unglück. Und die Gemeinschaft weiß doch – oder ahnt zumindest – dass Geld alleine nicht glücklich macht. Was nicht zwangsläufig nur gedankenlos herbei schwadroniert scheint, wenn man erwägt, welche Sorgen, welch Kümmernis es bereiten kann, sein Geld zu mehren, zu schützen, und zu verbergen vor Freund und Feind. Da kann schnell ein ganzes Leben drauf gehen. Und dann liegt man siech auf dem durchgeschwitzten Sterbebett, hat das Kopfkissen voller Dollarnoten und der letzte Gedanke dreht sich nicht etwa um die Problematik, wohin denn die Reise nun eventuell gehen mag, sondern um das Problem, wie man das Kopfkissen in einem unbeobachteten Moment mit in den Sarg schmuggeln kann. Doch wie gesagt: diese Sorge drängt nicht in mir, denn mein Kopfkissen ist nicht mit geknüllten Banknoten gefüllt, mehr hat es den Anschein, dass man es mit den Daunen leckerer Wesen betankt hat. (“Betankt” ist in diesem Zusammenhang natürlich nicht das fachgemäße Tätigkeitswort, schien mir aber, da ich das Wort “gefüllt” schon im vorherigen Satzgefüge verbraten hatte, als durchaus interessante Alternative!).

Doch nicht nur Geld, auch Krebs, Aids und andere unangenehme Bitternisse aus dem Kreise der zurecht ungeliebten, dafür aber fast schon volkstümlichen Krankheiten haben mich bis dato gemieden. Auch bedarf ich noch keiner künstlichen Hüftgelenke, wie auch keinen dritten Zähnen. Alles, was um meine Wirbelsäule herum sehr sinnvoll angeordnet ist, ist noch in einem außerordentlich gutem Zustand. Und wenn dennoch in mir der Keim einer tödlichen Krankheit lauert, so sage ich laut: Pah! Schlussendlich werde ja auch ich einmal auf dem obig bereits erwähnten Totenbett lagern, und ob ich dieses schon morgen, oder auch erst in vierzig Jahren tue, ist doch vollkommen ohne Belang. Denn wenn ich schon morgen sterben sollte, so wäre es doch wohl kaum logisch begründbar, die vielen nun nicht mehr nutzbaren Chancen eines längeren Lebens zu beklagen, da gleiches Gejammer doch auch über meine Lippen käme, wenn ich erst in vierzig Jahren den Löffel abgeben würde. Des Todes Haupteigenschaft ist nämlich nicht allein, des Menschen Lebenslicht auszuknpisen, sondern die Sonderbarkeit, stets ungelegen zu kommen, weil man doch noch immer soviel vor hat. Und viel vor, dass habe ich eben nicht. Nur so kleine Dinge, die stehen noch auf der Liste, die ich an der Innenseite meiner Stirn angeheftet habe – metaphorisch wohlgemerkt – , um dann und wann einen kurzen Blick darauf zu werfen. Und da stehen dann so Sachen auf dem sinnbildlichen Zettel, die, um noch verwirklicht zu werden, keineswegs ein großes finanzielles Polster, nicht einmal eine gute körperliche Verfassung voraussetzen, deren Erfüllung aber das Zeug dazu hat, mich bei jedermann als guten Menschen in Erinnerung zu halten. Genau genommen steht dort nur ein einziger Satz. Und er lautet: Wähle am 27.09. ja nicht die FDP! Auf dass es allen Deutschen gut geht.

Nachtrag: Nachdem ich eine Nacht – wenn auch unruhig – über diesen Text geschlafen habe, stieg mit dem morgendlichen Dunst, der bei meinem Blick aus dem Schlafzimmerfenster aus den bewaldeten Hügeln am Horizont dampfte, in mir auch die Erkenntnis hoch, dass es dem Satz, in welchem ich bekundete, „nicht mehr viel vor zu haben“, an einem gerüttelt Maß Korrektheit mangelt, ich diesen also dank vorabendlicher Ausdrucksschwäche auffallend lausig formuliert hatte. Denn ganz gleich ob ich schon morgen oder erst in vierzig Jahren von dieser Welt gehen werde: ich werde vorhaben, was sich ergibt. Und diese ergeben hängt ganz allein davon ab, wie ich die Welt, wie ich mich darin sehe, und was ich Positives daraus mache. Nach mir die Sintflut ist für schwache Geister. Wer aber auf ihr surft, der ist wahrlich groß.

Willkommen im Club!

Samstag, 05. September 2009

Erstaunt nehme ich wahr, dass mir das Altern nicht nur graue Haare und ein gehöriges ausdünnen derselben bescherte, sondern auch eine ungewohnte Milde, die sich insbesondere in meiner Art zu schreiben niederschlug. Denn waren meine Texte vor einigen Jahren noch ein glutweißes Sammelsurium von Wort gewordenen Zornesausbrüchen, so sind sie nun von einer gewissen Sanftheit gezeichnet, von so einer schonenden Art, wie sie den Sorten Kaffee gemein ist, welchen man das Koffein entzog. Dabei ist doch aber die Welt und deren Menschen, welche stets Anstoß zu meinen scharfkantig formulierten Texten waren, doch noch immer die gleiche, dieselbe geblieben, also eine zutiefst verachtenswerte, weil zutiefst ungerechte. Noch weit schlimmer: alle zu benennenden Einseitigkeiten wurden in der Zeit und auch im Raum stets uferloser, was, in ländlich einfach zu lesende Teilsätze gebracht, bedeutet, dass die Reichen immer reicher, die Armen somit noch ärmer, und die Dummen immer dümmer, aber die Klugen niemals klüger wurden. Ein erstklassiges Dilemma, welches an sich nach verbalem Mordio und Gezeter schreit, nach mit um sich schlagender Zunge, einem schweren Dampfhammer aus Satzeichen und Worten.

Doch nein. Denn mit den Jahren kam mir die Erkenntnis, dass dort, wo man mit Worten platt macht, der Samen der Dummheit hämisch grinsend im festgestampften Boden verharrt, um, sobald man sich der nächsten Ungeheuerlichkeit zuwendet, mit neuer und immenser Kraft ungestüm aus der fetten Erdigkeit der allgemeinen Ignoranz zu sprießen. Und in dieser Erkenntnis inne liegend fand ich die Erleuchtung, dass es weitaus mehr Sinn macht, statt gedanklich axtschwingend gen Mischwald aus Gedankenlosigkeit und Unwissenheit zu ziehen, doch lieber mit fein geschliffener Zungenspitze kleine Prisen satirischen Unkrautvernichters an die Wurzeln dieses von geistiger Fäulnis befallenen Gehölzes zu geben. Auf dass sich dessen wohltuende, weil vernichtende Wirkung bis in sämtliche Verästelungen auswirkt. Ein Agent Orange aus flammenden Gedanken, damit die Blätter, die die Sicht auf den mit dem Dioxin der Dummheit verseuchtem Boden versperren, endgültig fallen.

Nach Niederschreiben und nochmaligem Lesen der ersten beiden Absätze wurde mir klar, dass diese von Möchte-gern-Attitüden diktiert und einem Habitus gekennzeichnet sind, der mehr Wunsch als Realität offenbart. Denn in Wahrheit bin ich nicht milder, sondern einfach nur das geworden, was man in wissenden Kreisen mit “reifer” charakterisiert. Und dieses “reifer” brachte unmissverständlich mit sich, nun gewisse Dinge, wie zum Beispiel die Unfähigkeit des Menschen sozial zu agieren, zu akzeptieren. Doch ist dieses nicht zu verstehen als das Werfen eines Handtuchs in den Ring unseres humanen, also inhumanen Miteinanders. Doch ich akzeptiere nun, dass der Mensch nur zu dem geworden ist, was er ist, weil er eben so ist. Der Ärzte-Song “Männer sind Schweine” mag mit seiner Kernaussage ein unbestreitbares Hitpotential innegehabt haben, welches allerdings auf ein kaum bemerkbares Minimum geschwunden wäre, wenn der Song der Wahrheit entsprechend “Menschen sind Schweine” geheißen hätte. Angesichts der vorangegangenen Sätze habe ich also beschlossen, unter dem Mantel des heraufziehenden Alters die Energie meines Zornes zu nutzen, um erst mal aus mir einen anderen Menschen zu machen. Der Gedanke, als von Hass zerfressen von dieser Welt zu gehen, behagt mir nämlich nicht besonders. Was nun wiederum nicht heißt, dass ich nicht weiterhin gegen die allgegenwärtige intellektuelle Unbeholfenheit zu Felde ziehen werde. Doch zuallererst ringe ich die Dummheit, die in mir selbst lagert, nieder. Ganz frei nach Kant, der forderte, dass man den Mut haben solle, sich seines Verstandes zu bedienen. Und sollte mir das gegen alle positiven Vorzeichen nicht gelingen: Willkommen im Club!