Vom Fressen und gefressen werden
Freitag, 30. Oktober 2009Wir – also mein mir angetrautes Eheweib, das dieser Beziehung entsprungene Kind, und meine stets und ständig nörgelnde Unperson – wir drei waren allesamt den letzten Sonntag zu Mittag geladen, was nicht nur die sozial überaus wärmende Angenehmheit einer kostenlosen Speisung mit sich brachte, sondern auch die Gelegenheit, an jenem Sonntag einmal Nährmittel zu mir nehmen zu können, die bis dato immer einen großen Bogen um unserer eigene Küche, insbesondere um den gasbetriebenen Herd gemacht hatten. Der Speisezettel meines Haushaltes strotzt sonntags nämlich immerfort nur vor gutbürgerlicher Küche, also solide gar gebratenem Fleisch von Schwein oder Rind, und selbstverständlich den unumgänglichen sonntäglichen Thüringer Klößen “Made in Tiefkühlfach“, Hausmannskost demnach, reichlich und einem aller Wahrscheinlichkeit nach der recht konservativen Erziehung geschuldeten Einerlei.
Ich entschied mich nach einem kurzen Blick in die ebenfalls recht kurz gehaltene Speisekarte mir weit abseits von Rindsroulade oder gemischtem Gulasch an diesem Sonntagmittag eine Sorte Fleisch einzuverleiben, welche man von einem Tier namens Känguru schnitt. Was das Gesicht meiner Gattin in eine ungewohnte Lage rutschen ließ, plus der vorwurfsvollen Ermahnung in meine Richtung, wie man denn nur so ein niedliches Tier essen könne; sie jedenfalls belasse es bei der seit Jahrzehnten gewohnten Rindsroulade. Was wiederum mich dazu anstiftete, leise und dezent über Tisch und gute Sitten hinweg darauf zu verweisen, dass es schlussendlich doch so was von scheißegal wäre, ob man den nun ein Rind oder ein Känguru totschlage, wenn es denn gelte, den körpereigenen Bedarf an Eiweiß, Fett und Kohlehydraten blutig zu decken. Und wenn man denn von Staats wegen eines schönen Tages beschließen würde, dass man sich als deutscher Bundesbürger nur noch von hässlichen Tieren zu ernähren habe, so ständen auf der Speisekarte gewiss nur noch Nacktmull und Französische Bulldoge. Wofür es meines Wissens aber nach nicht einmal Rezepte, geschweige denn passende Kochutensilien gebe. Und ein solches Stürzen in kulinarische Abgründe wäre doch wohl genauso unangenehm, wie die Blicke in die menschlichen Abgründe, welche sich einem auftun, sobald man das Handeln und Wandeln seiner näheren Mitmenschen in leisen Stunden hinterfragt.
So ist es für mich weit mehr als nur unappetitlich, wenn man sich stets und ständig von einer, wenn auch recht kleinen Anzahl von nicht freiwilligen Bekanntschaften anhören muss, dass “man nur noch seine Arbeit mache”, man sich “nur noch um sich selbst kümmere”, man dann aber auf Grund von durchaus fragwürdigen Äußerungen den Eindruck gewinnt, dass es sich bei dieser “Arbeit” und dem “kümmern” es sich jedoch nur um Dritte dreht. So ist es mir zuwider ständig erfahren zu müssen, dass jene oder jener “eine faule Sau” sei, dieser so und so viel verdiene, was selbstverständlich viel zu viel sei, und überhaupt alle anderen große Nieten seien. Ich selbst habe kein Problem damit, als kolossale Niete zu gelten, denn die Größe einer Persönlichkeit zeigt sich auch darin, an einem möglichen Scheitern nicht zu scheitern. Probleme habe ich nur damit, wenn Menschen Unfehlbarkeit für sich proklamieren, was ja nun schon für eine ungemein große Fehlbarkeit spricht. Schließlich machen alle Menschen Fehler, und wer für sich in Anspruch nimmt, gleichfalls Mensch zu sein, ist somit schon als Quell möglicher Fehler für die Zeit seines Lebens abgestempelt. Und, ich erwähnte es bereits nicht nur zwischen den Zeilen, nichts ist größer als der Fehler, davon auszugehen, man selbst mache keine. Auch wenn ich anerkenne, dass, wenn solch eine charakterliche Schwäche dann eventuell noch mit Intrigantentum und einer von Missgunst diktierten Boshaftigkeit garniert ist, der Mensch als solches von reinster Menschlichkeit geprägt ist. Denn, wie ich ehedem zudem schon niederschrieb: Nichts macht uns menschlicher, als unsere Unmenschlichkeit. Und dazu die für mich – wenn auch recht späte – Erkenntnis: ich kann damit gut leben. Es ist halt die grobe Schule des Lebens, und ich weiß, ich werde nie mehr wegen zu großer Naivität in Hinsicht auf den zumeist harten Lehrstoff nachsitzen müssen.
Die Tischgemeinschaft schmatzte und nickte anerkennend. Das Känguru war lecker. Und auch das Gesicht meiner Gattin befand sich wieder in der mir seit Äonen gewohnten Position.
