Schwarz auf weiß
Ab einem gewissen Lebensalter sind die Dinge einfach nicht mehr so, wie sie einem ehedem einmal erschienen. So machte ich in der Nacht vom vergangenen Samstag zum darauffolgenden Sonntag zum wiederholten Male innerhalb nur weniger Monate die Erfahrung, möglicherweise zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Zur falschen Zeit deshalb, weil ich in mir schon seit gut einer Dekade nicht mehr das dringende Bedürfnis verspüre, mir die Nächte mit Mit-Kumpels-um-die-Häuser-ziehen um die mit leichtem Flaum bewachsenen Ohren zu schlagen. Denn Schlaf ist ein Geschenk, welches ich im Laufe der Jahre ohne falsche Scham anzunehmen lernte. Besonders wenn dieses angenehme Präsent hübsch verpackt in Form des häuslichen Bettes daher kommt. Und nebenher bemerkt: die frische Nachtluft kann ihr das der körperlichen Gesundheit sicherlich sehr zuträgliche Werk durchaus auch dann bewerkstelligen, wenn sie erst umständlich durchs geöffnete Fenster einsteigen muss. Es braucht also niemand ihretwegen nächtens vor die Türe. Und wenn auch dieses Um-die-Häuser-ziehen seinen Ursprung im Besuch eines Rockkonzertes hatte: ein gutes Maß erquicklichen Schlafes scheint mir im gesetzten Alter einen weitaus größeren Mehrwert zu haben, als mit dicken Augen und Nebel im Kopf in morgendliche Spiegeleier glotzen zu müssen.
Und zur falschen Zeit scheinbar am falschen Ort deshalb, weil ich habe feststellen müssen, dass mich die Darbietung einer Black-Metal-Kapelle – egal wie gut und finster diese auch daher kam – mich nicht mehr vom umgangssprachlichen Hocker reißt. Künstliches Blut in die ersten zwei, drei Publikumsreihen zu spucken hielt ich vor einigen Jahren noch für das Nonplusultra abendländischer Nischenkultur. Heute dagegen finde ich es weit gewagter an einem Samstagvormittag hustend durch die übervolle Einkaufspassage zu gehen mit einem Schild um den Hals, auf welchem der/die Angehusteten nachlesen können, dass man just seit voriger Woche an offener TBC leide. Dies ist zwar viel weniger religionskritisch, als die Textbeiträge so mancher Black-Metal-Band, dafür aber mit einem Unterhaltungswert ausgestattet, der ein frühes Aufstehen durchaus rechtfertigt.
Überhaupt stehe ich dem satanisch geprägten Metal nicht mehr so offen wie noch vor wenigen Jahren gegenüber. Wenn man sich selbst als gottlos einstuft, macht es ja auch gar keinen Sinn, an so etwas wie einen Baphomet zu glauben, da der ja ohne einen Gott ungemein an Sinn verliert. Was wäre Bayern München ohne Bundesliga? Was Tischbeine ohne einen Tisch? Alles, was angeblich einen Grund hat zu existieren, findet seine Existenz nur in jenem Grund begründet. Und wo der Grund aus logischen Überlegungen heraus baden ging, da säuft das darauf Gegründete gleich mit ab.
Und wahrscheinlich ist es nicht einmal die Unlogik, die mir den musikalischen Unglauben versalzte, sondern einfach nur der Umstand, dass mir der Hass auf die Menschheit irgendwann flöten ging. Und ohne Hass ist Blackmetal wie ein Zahnarztbesuch ohne Bohren und Ziehen: fehlender Schmerz gibt keinerlei Berechtigung für kreischen und keifen. Es ist eher so, dass ich all die mich umgebenden naiven Erdenbewohner herzen und drücken will, selbst wenn sie so sonderlich und naiv daher kommen und an überweltliche Dinge glauben, die per Definition nicht gegeben, da eine Überwelt auf keinem käuflichen Atlas jemals erfasst wurde. Und so lasse ich meine Gedanken friedlich und ruhig durch die mir noch zur Verfügung stehenden Tage reisen. So wie Guido Westerwelle nun gewiss durch alle Länder. Irgendwann besucht der sogar den Arsch der Welt. Was mich dann allerdings auch nicht weiter verwundert.
06. November 2009 um 12:02
Klasse Text! Wie sagte Nietzsche schon:
»Freunde, es gibt keine Freunde!« so rief der sterbende Weise;
»Feinde, es gibt keinen Feind!« – ruf ich, der lebende Tor.
Ist zwar nicht spektakulär, aber was ich immer mal machen wollte: Am Wochenende in der Früh alle Sitzbänke im Verlauf “Unter den Linden” mit Schildern: “Frisch gestrichen!” behängen…
06. November 2009 um 12:20
Ganz klarer Fall von AltersSoftness. Ganz klare Diagnose das.
4 KneippKuren pro Woche+4 Aspirin am Tag helfen da aber !
Den umgekehrten Fall erleben wir hier in diesem DrecksMeranKuhkaff.
Die beiden Gören(10+14) stehen nun auf FESTHALTEN BITTE “Lady Gaga”.
Und finden so AC/DC total uncool ey.
Aber so Gleichstrom/Wechselstrom können die gerne haben ey.
Erziehungstechnisch.
Altersweisheit ist eine oft unterschätzte Pandemie.
Habe KleinElisa “Smoke on the Water” beigebracht,so guitarmäßig, auf der Obersaite.
06. November 2009 um 14:23
Herrlich! Mir drückt es gerade wieder literweise Tränenwasser in die Augen ob deiner Zeilen.
Achja und außerdem ist the new Metal-Punk-Techno-whatever…(setze hier die hippe Musikrichtung deiner Wahl ein), für mich mittlerweile sowieso Blasmusik. Das kracht wenigstens noch richtig, man ist weitab vom Mainstream der 12-Jährigen und hat Ruhe.
Anspieltip “Der Traum ist aus” Scherbencover auf http://www.myspace.com/bolschewistischekurkapelleschwarzrot
Vielleicht laufen wir uns ja dieser Tage zufällig, hustend und mit Schild um den Hals über den Weg. Diese Idee finde ich mehr als genial:
06. November 2009 um 18:26
@Auge
Ist ja immerhin ein Anfang.
@spill
Weitermachen.
@lahnix
Ich auch!
07. November 2009 um 10:18
Aber (maßvolles) Kunstblutspucken und (dezentes) Corpsepaint lassen sich doch auch wunderbar in die Einkaufspassagen-Idee einbauen!
Immer schön true bleiben
07. November 2009 um 14:46
So medialgehyped wie die Leute wg.Schweinegrippe momentan sind schafft ein kurzfristiges SPONTANGRUNZEN Platz an der Supermarktkasse ey.
07. November 2009 um 23:14
Naja so zur musikalischen Mentalberuhigung zerre ich mir dann meistens so die MARY ‘rein ey.
(vorsicht bitte vor’m Anhören, Amokläufe gibt’s zur Zeit genug)
Aber so Jodeln beruhigt irgendwie schon….
http://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/Mary-Schneider-Yodelling-the-Classics-I/hnum/1814376
08. November 2009 um 18:12
Kolumnistenschwein,
ich finde Deinen obigen Text einfach nur peinlich.
Zusammengefasst entnehme ich diesem Text folgende Aussage:
“Kolumnistenschwein ist ein Sesselpuper und deklariert das als Altersweisheit.”
Weitermachen, wenn es gefällt, mehr kann ich dazu nicht schreiben.
08. November 2009 um 18:37
@Mo
Altern ist doch nicht peinlich. Altern ist prima: endlich nicht mehr dem Zwang ausgesetzt, irgendwelche Normen/Antinormen zu erfüllen. Einfach nur Mensch sein und sesselpupen. Und überhaupt:
“Nur wer nichts besseres kann, soll den Schlechtigkeiten der Welt zu Leibe gehen.” (Nietzsche)
09. November 2009 um 6:46
Kolumnistenschwein,
das was in Deinem Kommentar steht, liest sich alles sehr verlockend.
Dann muss ich mir ja nur noch einen Sessel anschaffen.
10. November 2009 um 17:11
Von welcher Black-Metal-Kapelle reden wir?
10. November 2009 um 17:57
Darkened Nocturn Slaugthercult.