Mit der Stahlfeder geschrieben
Kurz, wirklich nur kurz oblag ich der Versuchung zu kritisieren, dass ein Teil unserer Bundestagsabgeordneten in diesem Jahr im Zeitraum von Januar bis Oktober knapp 400 Füllhalter im Wert von rund 70000 Euro orderte, was immerhin einen ohne Bedenken recht stolz zu nennenden Stückpreis von circa 175 Euro pro Schreibwerkzeug ergibt. Auch wenn es mich schon gewaltig in den Fingern juckt, dazu nicht nur beiläufig zu erwähnen, dass ein einziger Abgeordneter eine monatliche “Entschädigung”* von 7668 Euro einstreicht, plus einer monatlichen Pauschale von 3868 Euro für Zweitwohnung und Wahlkreisbüro (mit Füllern?), plus 14712 Euro für Mitarbeiter, plus einer jährlichen Pauschale von 12000 Euro für laufende Kosten wie zum Beispiel Büro und EDV, was insgesamt im Jahr pro Abgeordneten nach Adam Ries also ungefähr 327000 Euro an Kosten aufwirft, wie ich heute morgen zwar vorsatzlos, aber ohne Vergnügen der Thüringer Allgemeinen entnahm. Und, um meinen frühzeitigen Kaffee wohl gleich vollends zu versüßen, dass man diese an sich schon gewaltige Summe ja mit 622 Volksvertreter multiplizieren muss, was pro Jahr dann knapp über 203 Millionen Euro ergibt. So viel kosten also 357092 Quadratkilometer Demokratie.
Sich allerdings aus der Pauschale für Büro und Kommunikation etc. sehr exquisite Füllhalter bezahlen zu lassen, wo es doch Kugelschreiber nicht nur günstig im Bürobedarfladen um die nächste Ecke zu erwerben gibt, sondern garantiert auch en masse von den zahlreichen Lobbyisten im Bundestag abzugreifen gilt**, grenzt für mich schon an eine mehr als nur deutliche Aufforderung, die Scharia in Deutschland endlich unaufgefordert einzuführen, auf dass etliche Abgeordnete demnächst nicht nur einen Füllfederhalter, sondern auch ein Paar möglichst stabiler Achselstützen brauchen, weil laut Scharia auf Diebstahl nicht nur die Amputation der rechten Hand, sondern im wiederholten Falle (wer geht nicht gerne in eine zweite Legislaturperiode?!) die Amputation des linken Fußes steht. Was mich mehr als nur eventuell an eine möglichst rasche Umschulung denken ließe, um mich alsbald im Umfeld des Deutschen Bundestages als Selbstständiger mit Fachgebiet Prothetik nieder zu lassen. Dies wäre für mich gewiss ein Sprung, und zwar kopfüber in eine Goldgrube.
Kritisieren will ich vielmehr, dass ich am heutigen Tage für vollkommen umsonst versuchte, einen Stellplatz auf einem von mir stets frequentierten Parkplatz zu erheischen, da dieser leider neben einem Friedhof liegt, und morgen ja schließlich Totensonntag ist, worauf sich heute eine nicht zu übersehende Menge von Überlebenden sich dazu entschieden hatte, ihre Dahingeschiedenen vorab mit einem Besuch zu überraschen. Mit dem Ergebnis, dass der Parkplatz noch voller war, als ein Ire am St.Patrick’s Day. Doch diesen just um Totensonntag von Nächstenliebe Befallenen möchte ich sagen: geht und kauft den Lebenden Blumen und Schokolade, aber nicht denen, die längst ruhen und vermodern. Kein Toter wird eure Liebkosungen am seit langem kalten Leib jemals zu würdigen wissen. Was man an den Lebenden versäumte, ist nach dem Tode doch nur herausgeschmissenes Geld. Oder wie ich es Stan Laurel einmal in einem alten Schwarz-Weiß-Film so treffend formulieren hörte: futsch ist futsch und hin ist hin. Fahrt und blockiert die Parkplätze um Kinos und Einkaufszentren herum und lasst diejenigen an den Friedhöfen jenen, die sie auch dann nutzen, wenn es nicht darum geht, an festgeschriebenen Tagen Ungeschriebenes zu erledigen. Und gern unterschreibe ich diese in den Ohren von an Friedhöfen hausierenden Blumenhändlern klingelnde Aussage. Man reiche mir bitte einen 175-Euro-Füllfederhalter.
*Ja, sie haben’s schon nicht leicht mit uns!
**Ob es als Korruption gilt, wenn ein Bundestagsabgeordneter Kugelschreiber von Lobbyisten annimmt, kann ich aus fehlendem juristischem Wissen heraus nicht beurteilen. Andererseits ließe sich an der Anzahl der in der Jackentasche steckenden Kugelschreiber dann sehr gut erkennen, welcher Abgeordnete sein Volk im Namen des Volkes am meisten bescheißt. Also: Daumen hoch für Kugelschreiber verteilende Hintermänner!
21. November 2009 um 21:55
Habe mal an Bord einer LufthansaMaschine einen Kugelschreiber mit deren Logo geklaut.
(um genau zu gestehen 3x)
Zählt das ?
Wenn wir gleich mit StahlFüllfederStiften nach Afghanistan ‘reingegangen wären sähe das jetzt anders aus da.
21. November 2009 um 22:19
Habe das ganze auch heute auf Spiegel gelesen und mich machte eigentlich eher stutzig, dass ein Füllfederhalter von Montblanc doch im Vergleich zu einer Uhr recht erschwinglich ist. Wobei man die Uhren von der Pauschale sicher auch noch locker bezahle könne – dann verzichtet man eben einfach auf seinen Computer und seinen Internetzugang und kann sich auch gleich bei den Stadtwerken runterstufen lassen – denn den vielen Strom braucht man ja nicht mehr. Macht man das konsequent, bekommt man sicher auch noch die passende Uhr für den Ehepartner “zusammengespart”. Und schreiben?: ja wenn die Leute was wollen können sie doch einen Brief verfassen, und wenn sie eine Antwort haben wollen doch auch gleich noch einen frankierten Rückumschlag (am besten mit vorgefertiger Antwort gleich innendrin) beilegen. Politik unterliegt schliesslich auch den Gesetzen von Geben und Nehmen, und genommen wurde ja schon. Das hatten wir ja bereits.
21. November 2009 um 22:31
[...] mir das auf Spiegel durchgelesen habe: doch der Beitrag von ihm ist bedeutend animierender dazu. Doch lest selbst [...]
22. November 2009 um 7:03
Hoffentlich sind die Edelfedern wenigsten mit einer Gravur ausgestattet:
“Eigentum des deutschen Volkes. Die legale Nutzung ist gewählten Abgeordneten während ihrer Amtszeit vorbehalten!”
Einige der Damen und Herren müssen sich ja anscheinend mehrere Teile beschafft haben, denn sonst passen die Zahlen nicht zusammen?
22. November 2009 um 8:14
@Spill
Wenn wir nicht bomben, bauen wir. Sind es Schulen, so brauchen sie auch Schreibgerät.
@M.K.
Und “geben” werden sie es uns richtig. Nach der Landtagswahl 2010.
@almabu
Es geht auf Weihnachten zu. Noch Fragen?
22. November 2009 um 16:26
Was wollt ihr denn alle? Ihr habt sie doch gewählt!
Oder ist die Selbstbedienung unserer Volkstreter…schuldigung, vertreter natürlich, ein nagelneues ebend erst entdecktes Phänomen? Nein!
So geht das doch schon seit Jahren, immer dreister, immer unverschämter, immer zügelloser.
Und das gemeine Volk? “Na aber bei der nächsten Wahl, da werd ich´s denen aber zeigen!” Sprach´s und senkte den Kopf um sich das neue (alte) Joch überwerfen zu lassen.
Aber vielleicht sind die Deutschen ja doch nicht so dumm?
Dann aber, um es kurz zu machen, sollte man mal die Rechtmäßigkeit von Wahlen hinterfragen. Aber das ist ja schon wieder eine Verschwörung und damit automatisch böse.
22. November 2009 um 16:34
@Prof. Unrat
Werter Herr Professor, die 203 Millionen Euro erscheinen aber noch recht billig, wenn man bedenkt, wie teuer die Alternativen uns kommen könnten.
22. November 2009 um 20:14
Wehret den Anfängen!!!
Heute lumpige 203 Mille, morgen der Rest!
Und was für Alternativen sollte es den geben, die noch teurer sein können?
22. November 2009 um 21:34
Mein Gott, dann soll’n sie doch den Rest auch noch nehmen.
(Nur blöd, wenn dann niemand mehr Steuern zahlen kann… )
23. November 2009 um 1:26
Gibt es eigentlich auch kostenlose Damenbinden für BundestagsAbgeordneterinnen ?
23. November 2009 um 14:46
Sicher wäre das das Einfachste. Aber ich für meinen Teil möchte ab und zu schon mal eine Scheibe Wurst aufs Brot. Und dafür braucht man nun mal Geld.
23. November 2009 um 16:05
@spill
Nur für die Roten.
@Prof. Unrat
Abgesehen vom in der Wurstscheibe angehäuftem Cholesterin, stimme ich Ihnen zu.
24. November 2009 um 22:19
Wie gern würd ich mich einfach nur ünber den witzigen Text freuen. Leider ist die Füllerstory aber so ätzend, dass ich echt fassungslos und wütend werde.