Archiv für Dezember 2009

Wenn das Jahr “Wie war ich?” fragt

Sonntag, 27. Dezember 2009

Das Jahr 2009 strauchelt, stolpert, wird überrannt von dem was nach ihm kommt, liegt in Agonie, letzte Atemzüge, schwach und röchelnd, der stockende Odem vom kalten Schwarzpulvergeruch der Böller zur Marter gemacht.

Wenn auch das auf dem Totenbett liegende Jahr – sofern man einen pingeligen Blick auf die Schräglage von Weltwirtschaft und gleichfalls windschiefer Weltpolitik wirft – nicht unbedingt Erinnerungen zurücklässt, die man nachträglich prämiert und insgeheim in höhere Güteklassen einsortiert, so lässt sich dennoch sagen, es war doch gar nicht so schlecht, wie man allenthalben hört, denn schließlich, man hat es ja überlebt. Im von Darwin erkannten Kampf des Überlebens ist man wieder eine Runde weiter. Das Nummerngirl trägt bereits ein Schild mit der Zahl 2010 durch den Ring, und auf der Matte tummeln sich immerhin noch weitere 6,8 Milliarden nach Sein gierende Gladiatoren. Und es wird auch stetig immer enger, denn auch die Schweinegrippe blieb 2009 weit unter den allgemeinen Erwartungen zurück, nahm zumeist nur mit, was andere Krankheiten schon für sich reserviert hatten: sie blieb als Sichel des Sensenmann also weitgehend stumpf. Gewiss lässt sich sogar sagen, dass, prozentuell betrachtet, in Afghanistan weit mehr deutsche Soldaten starben, als in Deutschland Menschen wegen des A/H1N1-Virus ihr weltliches Dasein an den Nagel hängen mussten, was im Übrigen eine Impfung gegen Krieg doch weit sinnvoller erscheinen lässt, als eine Immunisierung gegen so lasch daher kommende Schweinegrippenviren, welche ihren peinvollen Verwandten Ebola und den ebenfalls recht fiesen Pocken keineswegs zur Ehre gereichen. Dessen ungeachtet: im Großen und Ganzen bleibt mir als Resümee: es war kein schlechtes Jahr. Es war mehr dem von mir vorauserblicktem Durchschnitt gleichrangig, entsprach also den Ahnungen meiner von Schopenhauer beeinflussten Weltsicht: ich habe nicht viel erwarte und bekam es selbstverständlich auch prompt. Bingo!

Könnte man die Bilanz eines nun alsbald in der Ablage verschundenen weiteren Lebensjahres indes an den körperlichen Belangen festmachen, so ist das Ergebnis währenddem sehr zwiespältig. Ein paar Kilo Gewichtszunahme lassen sich sehr wohl positiv (Was für ein fettes Jahr!) sowie auch negativ (Wie kann man in einem Jahr nur so fett werden! ) interpretieren. Ich tendiere aber persönlich dazu, die in der Zeit unstabilen körperlichen Merkmale allesamt nicht zu dramatisieren. Heutzutage lässt sich ja kaum noch am Körpergewicht der soziale Status einer Person festmachen. Sehr oft sah ich im Fernsehen – und auch in der dreidimensionalen Realität – Menschen, die vor Übergewicht auf ihren der Belastung nicht gewachsenen Beinen ächzten, dennoch aber bereits in vielen Dekaden finanzieller Dürre unter Mangel litten. Auch sah ich rechte Hungerrippen in Pelzmänteln, unter dessen Gewicht die dünnen Damen wegen abwesender Fleischstränge ebenfalls ächzten, was so gar nicht zueinander passen wollte. Schließlich spricht so ein Pelz Bände, und in diesen steht, dass dessen Träger finanziell sehr wohl in der Lage sei, sich alle Tage mehr als proppesatt zu essen. Victoria Beckhams Leib lügt folglich Bedürftigkeit ohne partiell rot zu werden. So lässt sich also für hin an meinen Gewichtsschwankungen zwischen 70 und 75 Kilo Körpergewicht auch kein Rückschluss auf mein durch das vergangene Jahr beeinflusste soziale Befinden ziehen. Aus dem Hüftspeck allein lässt sich die Vergangenheit nicht heraus lesen. Er wächst in Wohlstandsländern unabhängig aller Problematiken, stört sich einen feuchten Dreck an Nöten und Krisen. Wer ihn dennoch pufft und knetet, um so zu Erkenntnissen übers vergangene Jahr zu gelangen, wird sich dumm und dämlich puffen und kneten können, sich dennoch aber mit des Wissens leeren Händen in die Zukunft trollen müssen.

Wer aber wirklich erkennen will, ob 2009 ein obermieses Jahr war, der sollte sich auf einen Friedhof stellen und den schwarzgewandeten Witwen beim Tratschen lauschen, denn wie oft hörte ich dort schon den Satz, dass das Jahr Soundso ein überaus Schlechtes gewesen sei, weil just in jenem Jahr ihr Mann verstarb. Und wer dementsprechend eine Antwort auf seine Frage findet, der darf zwischen den Grabreihen 11 und 12 einen Chinaböller zünden. Aber nur ganz, ganz leise.

Im Hubraum geschrieben

Sonntag, 20. Dezember 2009

Wenn es draußen der Jahreszeit entsprechend kühl und man so also gezwungen ist, die Zeit vor und zwischen den Feiertagen in den eigenen vier Wänden mit Müßiggang zu füllen, weil, man kann ja nicht ständig putzen oder essen, so ist dies auch die Zeit der auf dem Sofa erdachten Ideen.

So kam mir kürzlich zwischen Frühstück und Mittag, mit hinterm Kopf verschränkten Armen auf dem benannten Möbel liegend, ein Gedanke, den man neidlos und ohne jeglichen Argwohn als hell bezeichnen sollte. Wobei ich meine erwähnen zu müssen, dass der Mensch recht selten dazu neigt, andere Menschen um deren Gedanken zu beneiden. Hat einer dieser Menschen hingegen eine neues Auto vor der Türe oder gar eine dreiwöchige Urlaubsreise in einem schweineteuren 5-Sterne-All-Inklusive-Resort fernab der gewohnten heimatlichen Tristes gebucht, so kann es schon einmal vorkommen, dass Kollegen oder Nachbarn, emotional aufgeschreckt und aufgebracht, sich innerlich die Frage stellen, wie dieses denn mit rechten Dingen zugehen mag. Eine Frage, die, wenn direkt und akustisch vernehmbar gestellt, sich in vielen Fällen recht einfach vom Neuwagenbesitzer und Teilzeitglobetrotter beantworten ließe. Denn die Antwort besteht zumeist nur aus einem Wort und lautet schlicht und einfach: Schulden.

Schulden muss man indes nicht aufnehmen, wenn es gilt Gedanken und Ideen zu haben, weil, sie gibt es quasi gratis, man muss nur schnell zugreifen im Schlaraffenland des eigenen Verstandes, wenn sie im Dämmerzustand eines vormittagtäglichen Dösens leise reifen und verführerisch im Vorbeifliegen sirren: Nimm mich! Wahrscheinlich ist es ja der Umstand, dass diese Ideen sich zumeist nicht als materieller Wert vor die Türe stellen lassen, so dass die Mitmenschen nur mit Desinteresse und Schulterzucken auf die auf Couchgarnituren erdachte Gedanken reagieren. Was mich dennoch nicht hindert, hiermit zu veröffentlichen, welcher Geistesblitz neulich in den Zunder meiner Tagträume schlug, auf das mir hellblaue Flammen aus den Ohren schlugen. (Der letzte Teilsatz ist natürlich nicht der Realität geschuldet, sondern weit mehr nur der sprachlichen Effekthascherei des Autors zu verdanken, welchem somit aber auch erspart bleibt, stets mit einem Feuerlöscher an seiner Seite nieder zuliegen!)

Doch nun hurtig zur Idee. Diese hat als Kern, dass man sich bei den Preisen für Kraftstoffe als Anbieter nicht an Angebot und Nachfrage orientieren sollte, sondern vielmehr am Alter der nach Normal und Super Verlangenden. Was in der Praxis in ungefähr so aussehen muss, dass man als Siebzigjähriger vielleicht nur einen Euro pro Liter bezahlt, als Fünfzigjähriger zwei Euro pro Liter und so weiter und so fort, bis dahin, dass man Achtzehnjährigen für einen Liter Kraftstoff mindestens 20 Euro pro gezapftem Liter abknöpft.

Nun, bevor man mich als geistigen Hallodri und eventuell sogar als “total durchgeknallt” bezeichnet, möchte ich auf die Nachwirkungen einer solchen Regelung verweisen, die, wenn erst mal per Verordnung eingetreten, für die Anrainer von deren Wohnzimmerfenster tangierenden Strassen, vor Positivem schier überquellt. Es ist nämlich so, dass ich seit Jahren feststelle, dass Jugendliche, denen es zwar noch an Bartwuchs, aber nicht an einem Auto mangelt, infolge des geringen Preises für Benzin dazu gedrängt scheinen, Endlosrunden innerhalb ihres Stadtteils zu drehen. Ich sah von jungen Männern in Besitz genommene Mittelklassewagen, die fuhren innerhalb von 10 Minuten fünfmal an meinem Hause vorbei. Und ich wohne nicht an der Formel-1-Strecke von Monte Carlo! Doch selten, ja noch nie, sah ich ergraute Autofahrer selbiges Verhalten an den Tag legen. Diese fahren schnurstracks in die Apotheke um altersgerechte Hilfsmittel zu erstehen und schnurstracks auch wieder nach Hause, ohne literweise Sprit und Zeit zu verplempern. Auch müssen diese keine Aufmerksamkeit erheischen, indem sie motorendröhnend im Viertel irrlichtern, denn alle Aufmerksamkeit bekommen sie von den Apothekenfachverkäufern beiderlei Geschlechts. Und wer so Umwelt und Nachbarn schont, dem sollte doch das Benzin fast geschenkt werden. Wer aber der Umwelt und den Nachbarn mit sinnloser Raserei ständig über die Nerven fährt, der sollte dafür an jeder Tankstelle Ablass zahlen. Und wenn sein Bares dann alsbald restlos verfahren, so kann er sich ja daheim aufs Sofa legen.

Vielleicht kommen ihm da auch so gute Ideen.

Schlafstörung (2)

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Ich träumte, ich höre das Geräusch, welches der Außenspiegel meines Fahrzeuges macht, wenn er, von einem Fußtritt vom Chassis getrennt, aufs Straßenpflaster knallt, doch stellte just im Moment meines Erwachens fest, es war gar kein Traum, sondern beinharte Realität.

Nun könnte man sagen, da hätte ich doch noch verdammt großes Glück im Unglück gehabt, denn es wiegt doch, mit Blick auf die Rechnung der nun aufzusuchen müssenden Werkstatt, gewiss noch weitaus schwerer, wenn der Außenspiegel indes noch am korrekten Platze gewesen wäre, der Rest des Autos hingegen aber gewaltsam entfernt. Wer aber zu solch einer abenteuerlichen Annahme neigt, der sollte sein Gedächtnis doch bitte umgehend einmal darauf hin prüfen lassen, ob darin eventuell die Erinnerung gefangen sei, dass er jemals einen Außenspiegel an irgendeinem x-beliebigen Straßenrand ohne Auto habe in der Luft hängen sehen. Ich prophezeie, da kann man sich dumm und dämlich im Erinnerungsvermögen suchen: solch einen physikalischen Schlamassel ließe selbst eine bis zur Oberkante Unterlippe volltrunkene Mutter Natur nicht zu.

Zu ließ sie hingegen, dass mir gegen Sonntagmorgen der linke Außenspiegel fehlte, was jedermann, der sich schon einmal freiwillig oder des Berufes wegen in den morgendlichen Straßenverkehr warf, wohl eher als Nachteil, als denn als großen Vorteil betrachtet. So auch ich.

Nachteilig empfand ich auch die Frage des Kriminalbeamten, der sich samt Kollegen die Mühe eines Hausbesuches machte, um den geräuschintensiven Fall des Spiegels als Fall aktenkundig zu machen. Die Frage lautete nämlich, ob ich mir vorstellen kann, wer denn zu solch einer Missetat durch mich inspiriert gewesen sein dürfte. Nun, ich bin beileibe nicht, was man einen Leisetreter nennt. Das, was gesagt werden muss, wird gesagt, so dass, wenn ich dereinst den Löffel abgegeben habe, in meinem Totenschein keinesfalls nachzulesen sein wird, ich sei an akutem Herzdrücken verendet. Und meine Rhetorik ist, was man zuweilen “sehr direkt” nennen darf. Aber nur diejenigen, denen die Unterschiede zwischen Impertinenz und Ironie unbekannt sind, neigen dazu, mir Unhöflichkeit vorzuwerfen. Auch ist es gewiss so, dass ich zuweilen Gedankengänge freigebe, die zu verschraubt und zu verwinkelt sind, so dass der Empfänger dieser Verbalitäten durchaus glauben mag, ich wolle ihn durch diese obskuren Wortgebilde verwirren, dabei ist die Verwirrtheit obgleich dieser Gedanken ganz meinerseits. Doch sollte dies alles nicht dazuführen, dass man sich am Eigentum eines ohne Blatt vorm Mund durchs Leben Gehenden vergreift, nur weil man sich vielleicht einmal wahrheitsgemäß beim Namen genannt fühlte. So musste ich, was die Neugier der Beamten betraf, passen, wie auch diese höflich passten, als ich ihnen das noch warme Weihnachtsgebäck meiner Gattin anbot, die sich wie jedes Jahr bemühte, vorweihnachtlichen Glanz zu verbreiten, auch wenn dieser zumeist nur als Geruch daherkommt.

Doch, so sagte ich mir, scheint in dieser Welt noch nicht alle Moral und Ethik verloren, denn wo Beamte weißmehlhaltiges Naschwerk ablehnen, da ist noch Hoffnung, da ist noch Optimismus, der ungebrochene Glaube an eine lebenswerte Zukunft. Denn ganz gleich wie ungemein schäbig es auch ist, unbescholtenen Mitbürgern den Außenspiegel vom KFZ zu treten, so ist es doch noch um vieles dreister, wenn derart geschädigten Bürgern in der Vorweihnachtszeit zudem noch das Backblech leer gefressen wird.