Einmal Alles und zurück
Was es alles gibt, was ich nicht brauche! Diesen Satz äußerte laut Überlieferung der griechische Philosoph Aristoteles, obwohl dieser aller Wahrscheinlichkeit noch nicht einmal die Konsumgütermesse “Ambiente” in Frankfurt besucht hat, geschweige denn jemals auch nur in die Nähe von Frankfurt kam. Hier muss ich allerdings gestehen, dass ich keine Biografie des Aristoteles besitze oder jemals auch nur eine geborgte las. Somit fehlen mir also die Hinweise darauf, wo es griechische Philosophen in ihrer Unstet gewohnheitsmäßig hinzieht, wo sie sich demnach am Kinn kratzend Gedanken über die Welt machen. Allein aber die im Internet zusammengeschabten Informationen, welche preisgeben, dass Aristoteles bereits 322 v.Chr. starb, während Frankfurt erstmals im Jahr 794 urkundlich erwähnt wurde, macht mich glauben, dass Aristoteles und “Ambiente” sich einander ausschließen. Den Hinweis auf Zeitpfeile und die Kausalität der Zeit verkneife ich mir aber.
Nun gut: wenn schon Aristoteles aus logisch leicht nachvollziehbaren Gründen nicht zur Ambiente kam (siehe die von mir verkniffenen Hinweise auf Zeitpfeil und Kausalität der Zeit!), so war es im Jahre 2010 erstmals an mir, die weltgrößte Konsumgütermesse zu besuchen. Wenn auch – dies soll hier aber nicht als schmalschultrige Entschuldigung dienen – nicht freiwillig, sondern auf höfliches Anraten höherer beruflicher Instanzen.
Die Anfahrt aus Thüringen geriet dank fahrtechnisch ausgefuchster Kollegin zügig und ohne beidseitiger verbaler Entgleisungen, zumal die auf allen Sendern angekündigte schlechten Fahrbedingungen es wohl vorzogen, sich abseits der von uns gewählten Strecke aufzuhalten. Der der erste Eindruck zumal der wichtigste ist, fiel mir am Rande der hessischen Metropole bei erstmaliger visueller Begutachtung nur ein einziger Vergleich ein: Frankfurt ist der Guido Westerwelle unter Deutschlands Städten: eiskalt und unsympathisch. Dies mag der Frankfurter gewiss anders sehen, doch sei darauf verwiesen, dass einem aus dem Inneren der kritische Blick auf die Totale verwehrt ist. Welche Gonokokken wissen schon, dass sie im Mastdarm leben? (Gern, liebe Hessen, lasse ich mich allerdings von dem mir scheinbar entgangenen Liebreiz der Stadt Frankfurt überzeugen. All-Inklusiv-Einladungen an den Autoren richten Sie bitte an die im Impressum stehende Adresse.)
Die Ausstellung „Ambiente“ an sich monströs zu nennen, hätte das Zeug dazu, als Untertreibung des Jahrzehnts mehrfach gekrönt zu werden. Nun lässt sich trefflich darüber streiten, was der Mensch denn nun unbedingt zum Leben braucht. Und ich selbst, der doch auch in einer Branche tätig ist, die nicht das unbedingt Lebensnotwenige, sondern nur schmuckes Beiwerk zum Lebensnotwendigen produziert, stecke natürlich in einer moralischen Klemme. Denn auf den groben Punkt gebracht braucht der Mensch nur drei Dinge: eine Dach überm Kopf, ausreichend Nahrung, und einen friedvollen Nachbarn, der einem die ersten beiden Dinge ohne Neid genießen lässt. Doch alles zusätzliche, von einer bequemen Hose einmal abgesehen, macht im Sinne des Lebenserhaltes recht wenig Sinn. Ein Plasma-TV-Gerät ersetzt nicht das Dach. Und ein Engel aus Porzellan hat einen recht geringen Nährwert. Doch hier – und da kriecht mein Intellekt zu Kreuze – schließt sich der Kreis, denn ein Dach und kalorienreiche Lebensmittel müssen ja irgendwie finanziert werden, was eben auch unter anderem dadurch möglich wird, dass man Plasma-TV-Geräte und Engel aus Porzellan herstellt und feilbietet, oder auch, wie bereits leise angedeutet, das Privateste bedeckende Hosen.
Und so schrieb ich in das Fahrtenbuch: Aristoteles: als Philosoph Klassenbester. Als Wirtschaftsweiser aber allenfalls versetzungsgefährdet. Und wenn es uns auch den Planeten kostet: die Vernunft ist Lakai – der Kunde stets König. Auf das wir uns vor ihm die Knie wundscheuern.
Nachtrag: Was die asiatischen Herren in ihren Rollkoffern durch die Hallen transportierten, blieb mir ein großes Rätsel. Für einen Shinto-Schrein zu klein, für einen Vorrat an Sake hingegen von einer geradezu lebergefährdenden Größe. Was soll’s. Es gibt so viele Dinge, die ich nicht brauch.
ACHTUNG: Das Kolumnistenschwein bezieht einen neuen Stall! In Kürze wird das Schwein auf www.theintelligence.de die Rubrik Kolumne übernehmen. Näheres demnächst!
15. Februar 2010 um 21:05
*Denn auf den groben Punkt gebracht braucht der Mensch nur drei Dinge:…*
Kolumnistenschwein, Du führst auf, ein friedvoller Nachbar.
Ein Aspekt, oder gar Wunsch, den ich absolut nicht nachvollziehen kann.
Was für eine “Wunschverschwendung”, mir fehlen die Worte.
Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein Nachbar, oder mein Nachbar, vor Neid erblasst, gar unfreundlich wird.
Verstehe ich nicht, das ist mir zu hoch.
Du willst eine Kolumne übernehmen, die was mit Intelligenz zu tun hat?
Was hast Du denn bisher gemacht?
Nun gut, ich warte auf “das Nähere demnächst”.
15. Februar 2010 um 21:13
@Mo
“Du willst eine Kolumne übernehmen, die was mit Intelligenz zu tun hat?
Was hast Du denn bisher gemacht?”
Genau das, was ich auch weiterhin mache.