Schipp Schipp Hurra!

31. Januar 2010

Alles könnte so einfach sein. Nehmen wir das Schneeschippen. Ein loses Blatt Papier und auf diesem schriftlich festgehalten, dass mein Nachbar in der Zeit zwischen Oktober und März fürs Schippen verantwortlich ist, und ich zwischen April und September. Aber nein, mein übersorgfältiger Nachbar beharrt darauf, solch einen Vertrag anwaltlich überprüfen zu lassen, da er einen Haken vermutet. Soviel zum Thema Vertrauen. Vielleicht sollte ich beim nächsten Umzug einfach darauf achten, welchen Bildungsgrad die zukünftige Nachbarschaft inne hat. Dort, wo Kafka im Bücherregal steht und Cabernet Sauvignon zu Lamm gereicht wird, da heißt es Finger weg! vom angebotenem Mietdomizil. Selbst wenn der Quadratmeter nur um die 5 Cent kostet. Warm! Dort aber, wo Mario-Barth-DVD’s und geleerte Bierflaschen der Firma Oettinger ein diffuses Teppichmuster abgeben, da gilt es nebenan mietwohnungsmäßig zuzuschlagen, mit dem Gedanken im Hinterkopf, nun zwar gewiss in einem übel beleumdeten Viertel zu wohnen, aber nie wieder selbst Schnee schippen zu müssen.

Dies ist natürlich nur allzu vordergründig, denn 1.) ist es ja nicht so, dass, wer kein Geld hat, dieses zwangsläufig für Billigbier und Billigcomedy heraus wirft. Und 2.) sagt der finanzielle und soziale Status ja reinweg gar nichts über den intellektuellen Zustand der Nachbarschaft aus. Intellekt ist nämlich nicht immer mit Bildung gleichzusetzen. Hartz4 sorgt schon dafür, dass auch in sozialen Brennpunkten die Nachbarschaft in Sachen Bildung sehr heterogen durchsetzt ist. Denn am sozialen Abstieg üben sich längst schon auch Professoren und Ingeneure. Durchaus besteht also die Möglichkeit, dass mein neuer Nachbar meine eigennützige Denke durchschaut und mich mit dem gerolltem Schneeschippvertrag windelweich schlägt, obwohl in diesem Viertel der Besitz von Mario-Barth-DVD‘s überdurchschnittlich hoch ist! Und selbst wenn es anders wäre: wir als Deutsche haben ja schließlich auch eine geschichtliche Verantwortung, die es definitiv ausschließt, an Bahnsteigen solche Sätze wie “Alle Mario-Barth-DVD-Besitzer links raustreten!” zu rufen. Weit sind wir davon entfernt, die Leute, die Mario Barth witzig finden, sich bunte Sterne auf den Mantel nähen zu lassen. Und vielleicht ist ja gerade das Schneeschippen der Preis, welches einem die Geschichte Deutschlands als Nachgeborenem als Gebühr fürs gute Gewissen auferlegt. Womit man ja eigentlich noch ganz gut weggekommen ist. Und da schippt man doch gern. Sogar im Winter.

Alles könnte so einfach sein. Das mit den Zusatzbeiträgen der Krankenkassen zum Beispiel. Irgendwie bekommt man ja mittlerweile den Eindruck, als könnten Ärzteschaft und Medizin dafür sorgen, dass man ewig leben könne, sofern man nur gehörig Beiträge in den Topf ohne Boden buttert. Dies ist an sich aber vollkommen unlogisch, denn könnte man ewig leben, so bräuchte man ja gar nicht zum Arzt. Es ist also unsere Sterblichkeit, die uns in die Arme der Ärzte und Apotheker treiben, weil wir, wenn wir schon sterben müssen, dieses möglichst kerngesund tun möchten. Also im Alter von 98 Jahren mit einem Blutdruck von 120/80 und einem ähnlich guten Zuckerwert, umso den Tod zu verwirren, in der Hoffnung, dass er einem noch ein paar Jahre drauf gibt. Doch die Erfüllung dieses Ansinnen liegt nicht in den von Einweghandschuhen geschützten Händen der Doktoren, sondern ganz allein in den unsrigen. Mal als Tipp: je gesünder man lebt, umso größer die Wahrscheinlichkeit, Arztpraxen nicht von innen zu sehen. Und ohne Übergewicht und Raucherlunge macht man dann locker mit 80 Jahren vorm Schaufenster des Apothekers Kniebeuge mit einem 50-Kilo-Sack Kartoffeln auf den Schultern und dreht dem Pillendreher eine Nase. Und von den Zusatzbeiträgen, die man wegen nicht in Anspruch genommenen Leistungen selbstverständlich nicht zahlen muss, kauft man für seinen Nachbarn eine nagelneue vergoldete Schneeschippe.

Es könnte alles so einfach sein.

Ein Sonntag “Made in Bilderbuch”

24. Januar 2010

An einem Sonntagvormittag wie diesem gibt es erfahrungsgemäß nicht allzu viele Probleme zu klären, wobei ich hier an dieser Stelle selbstverständlich nur für mich sprechen kann. Die Wohnung ist warm, der Kühlschrank gefüllt, wäre es andersherum, erst dann hätte ich wohl einen guten Grund zu Jammern und Klage. Überhaupt scheint mir, dass gefüllte Gefrierkombinationen und beheizte Behausungen in unseren Breiten nicht mehr ausreichend gewürdigt werden. Nicht zu hungern und nicht zu frieren gelten hierzulande als Standard, der, hier lausche man älteren Generationen oder auch dem Nachrichtensprecher, anderswo der pure Luxus scheinen. Was nicht heißen soll, den Status Quo über aller Gebühr loben zu wollen, denn stets und immer gilt es für den Menschen Besseres zu erreichen. Stagnation heißt Untergang, was man besonders gut daran sieht, wenn man sich starr wie ein Fels auf ein gut befahrenes Gleis einer ICE-Strecke stellt. Doch momentan beharre ich darauf: wenn sich dann im Kreise von Wärme und Völlerei auch noch ein breites Sofa finden, so ist, wenn man nicht neidvoll in die Hochglanzausgaben von sogenannten Lifestyle-Magazinen schielt, der Sonntag nahezu perfekt.

Natürlich gibt es hie und da noch kleinere Übel, wie zum Beispiel die Frage, ob, wenn ich mir morgens Eiersalat einverleibe, ich mir nicht quasi abgetriebenes Brathuhn aufs Knäcke schmiere. Was mich wiederum zu der Frage führt, ob es denn für Hühner auch Babyklappen gibt, die dann selbstverständlich Eierklappen heißen müssten. Auch die Werbeblätter, welche selbst in allem Kommerz weit entfernten sonntäglichen Morgenstunden von fleißigen vergilbten Raucherfingern in die Briefkästen gedrängt werden, geben mehr Fragen als Antworten. So wird auf einer vor Reiseannoncen schier überlaufenden Seite eine Reise nach China angepriesen, nur um die Große Mauer einmal mit eigenen Augen gesehen zu haben, mit dem Hinweis, dass man die Große Mauer sogar vom Mond aus sehe. Was ich natürlich als Kofferpackargument nicht durchgehen lasse, denn es ist ja nichts besonderes daran, die Große Mauer vom Mond auszusehen, da man ja schließlich auch den Mond von der Großen Mauer aus sieht.

Desgleichen die zum Verkauf anstehenden Busreisen ins sächsische Nachbarland, die locken mich nicht wirklich, was jetzt nicht daran läge, dass ich Dresden nicht reizvoll befände. Sicherlich gibt es dort so manches Schmankerl fürs Auge zu entdecken, und ohne in Scham zu versinken gebe ich zu, dass ich vor Zeiten immer dachte, „globen“ wäre sächsicher Dialekt, dabei, es ist ja nur die Mehrzahl von Globus. Daneben die angebotenen Reisen ins verschneite Bayern, um dort auf Ski und Rodel durch die Kälte zu jauchzen, die machen mich keineswegs kribbelig in den Beinen. Skisport war noch nie das meinige, auch bei den Übertragungen im Fernsehen blicke ich regelmäßig darüber hinweg. Überhaupt: was ist das denn auch für ein horrender Blödsinn: Biathlon auf Schalke. Es kommt doch schließlich auch niemand auf die Idee, Fußball auf Ruhpolding zu spielen.

So esse und lese ich mich durch den Sonntagmorgen, stelle die Heizung auf 5 und lausche den Glocken, die fernab meiner atheistischen Gesinnung um Aufmerksamkeit buhlen. Und dessen ungeachtet: wenn ich getauft wäre und strengen Glaubens, so glaube ich nicht, dass ich ein guter Kirchgänger wäre. Denn immer, wenn ich den dürren Kerl am Kreuz sehen würde, bekäme ich angesichts meines vollen Kühlschranks ein ganz schlechtes Gewissen.

Ansonsten ist alles ganz prima. Wirklich.

PS: Dieser Text enthält zahlreiche meiner unter dem Pseudonym “Kobenkruemel” veröffentlichten Tweets. Diese Zweitverwertung lässt obigen Text nicht nur durch eine außerordentlich gute Wortwahl, sondern auch mit einer sehr guten Ökobilanz glänzen. Jede Zeile ein Beitrag zur Rettung des Planeten. Blumen und materielle Präsente als Zeichen des Dankes bitte an die im Impressum stehende Adresse.

Vom Bücherwurm gebissen

21. Januar 2010

Wenn man beim Staubwischen feststellt, dass man so viele Bücher sein eignen nennt, dass es durchaus praktikabel wäre, an seine eigene Familie Bibliotheksausweise auszureichen, so ist dieser Umstand nicht verwerfenswert. Schließlich sind Bücher das gedruckte Vermächtnis des denkenden Menschen und somit keineswegs pfui. Pfui wäre hingegen, wenn ich so viele Müllhaufen im Hause hätte, dass es lohnen würde, an alle Familienmitglieder Schaufel und Mundschutz auszureichen, damit die Bagage in unserer gemeinsamen Behausung rein Schiff machen könnte, ohne sich gleich Pilzerkrankungen oder TBC an den Hals zu holen. Reizvoll in diesem Zusammenhang: dass, neben der Umwelt, auch meine Küche verschmutzt ist, interessiert bei Greenpeace natürlich keine Sau. Zudem nicht minder unterhaltend, der Einwurf meine Gattin, dass alle Teppiche wohl männlich seien, denn sonst müsste man sie ja nicht ständig saugen. Bücher hingegen, die muss man nicht saugen. Und an Büchern holt man sich auch nur gelegentlich Krankheiten, und diese sind zumeist nicht körperlich, sondern mehr am Geiste, bzw. im Geiste tätig, was durchweg daran liegt, dass Bücher jedermann schreiben darf und somit auch jegliche stofflose Verunreinigung zur Drucklegung offensichtlich völlig freien Zugang hat. Merke: Nicht nur die Ecken der Wohnung sind sauber pingelig zu halten, sondern auch die Bücherregale sind vor geistiger Verunreinigung zu schützen! Edgar Allan Poe und Michael Scholochow: ja; Pornohefte und die letzten zwanzig Jahrgänge des Wachturms: nein! Dies zu wissen ist genauso wichtig, wie der Allgemeinplatz, dass sich Pack- und Backpapier nicht nur in der Schreibweise, sondern vor allem auch im Flammpunkt unterscheiden. Mit solch einer Kenntnis braucht wirklich niemandem vor Weihnachten bange sein!

Vor Jahren, als ein Teil Deutschlands noch von visionärem, aber nur bedingt lebenstauglichem Sozialismus geflutet war, und ich in diesen roten Fluten mehr der minder freiwillig mitschwamm, da war der Erwerb von Büchern ein recht Einfaches: man nahm, was es gab. Und was es gab, war nicht immer von schlechten Eltern. Noch heute glitzern ein Teil meiner nun bereits vergilbten Bände mit Namen wie Balzac, Fontane oder Stanislaw Lem. Die Gefährdung, dass man beim Betreten der Bücherläden sich erst durch einen zig Quadratmeter großen Raum mit Kochbüchern von B-Prominenten und durch Kubikmeter Biografien von Leuten, die vom Alter her noch gar kein beschreibenswerten Lebensabschnitt durchschritten haben können, war damals weit weniger als Null. Dass dafür Karl Marx und Lenin ledergebunden etliche laufende Meter einnahmen, war akzeptabel, insbesondere im nachhinein, als denn nun im real existierenden Kapitalismus feststeht: die Systemnörgler waren allesamt nicht nur am Kinn behaart, sondern – was das Dunkle in der Marktwirtschaft betrifft – ziemlich hellsichtig.

Dass heutzutage Bücher selbst beim Discounter feilgeboten werden, macht, dass ich nicht vollständig missmutig auf die von den anderen Medien eingenommen Köpfe meiner Mitmenschen blicke, vor allem auch in Anbetracht der Tatsache, dass auch ich dann und wann – statt zu Buch und Leselupe – zur DVD und Fernbedienung greife. So bleibt zur erwähnen, dass es letztlich bei ALDI nicht nur Bücher, sondern auch DVD-Boxen gab, was mich allerdings nicht sonderlich berührte, da ich nichts von Kampfsport halte. Auch halte ich nichts von übermäßigem Verzehr von zuckerhaltigen Lebensmitteln, habe dennoch mal schnell drei Eimer rausgestellt, denn sie haben in der Wettervorhersage Eisregen angesagt. Vielleicht regnet es ja Fürst Pückler.

PS: Dieser Text enthält zahlreiche meiner unter dem Pseudonym “Kobenkruemel” veröffentlichten Tweets. Diese Zweitverwertung lässt obigen Text nicht nur durch eine außerordentlich gute Wortwahl, sondern auch mit einer sehr guten Ökobilanz glänzen. Jede Zeile ein Beitrag zur Rettung des Planeten. Blumen und materielle Präsente als Zeichen des Dankes bitte an die im Impressum stehende Adresse.