Vom Bücherwurm gebissen
21. Januar 2010Wenn man beim Staubwischen feststellt, dass man so viele Bücher sein eignen nennt, dass es durchaus praktikabel wäre, an seine eigene Familie Bibliotheksausweise auszureichen, so ist dieser Umstand nicht verwerfenswert. Schließlich sind Bücher das gedruckte Vermächtnis des denkenden Menschen und somit keineswegs pfui. Pfui wäre hingegen, wenn ich so viele Müllhaufen im Hause hätte, dass es lohnen würde, an alle Familienmitglieder Schaufel und Mundschutz auszureichen, damit die Bagage in unserer gemeinsamen Behausung rein Schiff machen könnte, ohne sich gleich Pilzerkrankungen oder TBC an den Hals zu holen. Reizvoll in diesem Zusammenhang: dass, neben der Umwelt, auch meine Küche verschmutzt ist, interessiert bei Greenpeace natürlich keine Sau. Zudem nicht minder unterhaltend, der Einwurf meine Gattin, dass alle Teppiche wohl männlich seien, denn sonst müsste man sie ja nicht ständig saugen. Bücher hingegen, die muss man nicht saugen. Und an Büchern holt man sich auch nur gelegentlich Krankheiten, und diese sind zumeist nicht körperlich, sondern mehr am Geiste, bzw. im Geiste tätig, was durchweg daran liegt, dass Bücher jedermann schreiben darf und somit auch jegliche stofflose Verunreinigung zur Drucklegung offensichtlich völlig freien Zugang hat. Merke: Nicht nur die Ecken der Wohnung sind sauber pingelig zu halten, sondern auch die Bücherregale sind vor geistiger Verunreinigung zu schützen! Edgar Allan Poe und Michael Scholochow: ja; Pornohefte und die letzten zwanzig Jahrgänge des Wachturms: nein! Dies zu wissen ist genauso wichtig, wie der Allgemeinplatz, dass sich Pack- und Backpapier nicht nur in der Schreibweise, sondern vor allem auch im Flammpunkt unterscheiden. Mit solch einer Kenntnis braucht wirklich niemandem vor Weihnachten bange sein!
Vor Jahren, als ein Teil Deutschlands noch von visionärem, aber nur bedingt lebenstauglichem Sozialismus geflutet war, und ich in diesen roten Fluten mehr der minder freiwillig mitschwamm, da war der Erwerb von Büchern ein recht Einfaches: man nahm, was es gab. Und was es gab, war nicht immer von schlechten Eltern. Noch heute glitzern ein Teil meiner nun bereits vergilbten Bände mit Namen wie Balzac, Fontane oder Stanislaw Lem. Die Gefährdung, dass man beim Betreten der Bücherläden sich erst durch einen zig Quadratmeter großen Raum mit Kochbüchern von B-Prominenten und durch Kubikmeter Biografien von Leuten, die vom Alter her noch gar kein beschreibenswerten Lebensabschnitt durchschritten haben können, war damals weit weniger als Null. Dass dafür Karl Marx und Lenin ledergebunden etliche laufende Meter einnahmen, war akzeptabel, insbesondere im nachhinein, als denn nun im real existierenden Kapitalismus feststeht: die Systemnörgler waren allesamt nicht nur am Kinn behaart, sondern – was das Dunkle in der Marktwirtschaft betrifft – ziemlich hellsichtig.
Dass heutzutage Bücher selbst beim Discounter feilgeboten werden, macht, dass ich nicht vollständig missmutig auf die von den anderen Medien eingenommen Köpfe meiner Mitmenschen blicke, vor allem auch in Anbetracht der Tatsache, dass auch ich dann und wann – statt zu Buch und Leselupe – zur DVD und Fernbedienung greife. So bleibt zur erwähnen, dass es letztlich bei ALDI nicht nur Bücher, sondern auch DVD-Boxen gab, was mich allerdings nicht sonderlich berührte, da ich nichts von Kampfsport halte. Auch halte ich nichts von übermäßigem Verzehr von zuckerhaltigen Lebensmitteln, habe dennoch mal schnell drei Eimer rausgestellt, denn sie haben in der Wettervorhersage Eisregen angesagt. Vielleicht regnet es ja Fürst Pückler.
PS: Dieser Text enthält zahlreiche meiner unter dem Pseudonym “Kobenkruemel” veröffentlichten Tweets. Diese Zweitverwertung lässt obigen Text nicht nur durch eine außerordentlich gute Wortwahl, sondern auch mit einer sehr guten Ökobilanz glänzen. Jede Zeile ein Beitrag zur Rettung des Planeten. Blumen und materielle Präsente als Zeichen des Dankes bitte an die im Impressum stehende Adresse.
